Zeitung Heute : Das Prinzip Haltung

Afrika liegt ihm am Herzen, Afrika setzt bei ihm Gefühle frei, die die Deutschen von ihrem Bundespräsidenten sonst nicht kennen. Die Frage, ob er im Amt bleibt oder nicht, ist nicht beantwortet. Aber das soll sich bald ändern,

Horst Köhler sitzt, leicht erhöht, an einem blau verhüllten Tisch und schreibt. Abschluss seines Rundgangs im Jugendzentrum in Kimisagara, das Protokoll sieht vor: Eintragung in das Besucherbuch. Der Bundespräsident schreibt also und offenbar nicht wenig, es wird ziemlich still in der großen Sporthalle und gleichzeitig unruhig. Irgendwie liegt die Frage in der Luft, ob jetzt noch etwas kommt. Vor dem Gast aus Deutschland stehen, in langen Reihen ordentlich aufgestellt, dicht gedrängt und farbenprächtig kostümiert, hunderte Kinder und Jugendliche. Eine Stunde lang haben sie mit Tanz und Trommeln, als Boxer, Fußballer, tollkühne Bodenturner, dynamische Kampfsportler, als Zeitungs- und Filmemacher gezeigt, was sie können. Alles war laut und bunt und lebendig. Die Begeisterung will sich am Ende noch einmal richtig Luft machen.

Deshalb soll das Protokoll hier nicht recht behalten. Als Köhler samt Gefolge die Halle verlässt, kommt Hilfe von ganz oben. Ein mächtiger Regen prasselt aufs Dach. Der Präsident kehrt um, und man sieht, er macht es nur zu gern. Er springt wieder auf das Podest, er lacht. Gerade habe man ihm ein ruandisches Sprichwort gesagt, ruft er ins Mikrofon: „Wenn es regnet, während der Gast hinausgeht, dann ist der Gast gesegnet.“ Es wird ein Abschied mit Tanz und Trommeln, laut, bunt und lebendig.

Kimisagara zählt zu den armen Stadtteilen von Kigali, der Hauptstadt Ruandas. Köhler ist der erste Bundespräsident, der hier einen Staatsbesuch absolviert. Es ist nach drei Tagen Uganda der zweite Teil seiner Afrikareise, die in Deutschland als die soundsovielte wahrgenommen wird. Man kennt inzwischen die Afrikaleidenschaft des Bundespräsidenten, sie wird geschätzt und geachtet, aber angesteckt fühlen sich die Deutschen nicht. Das Augenmerk gilt in diesen Tagen den Verhältnissen in Kenia, die selbst hartnäckigen Optimisten die Hoffnungen austreiben könnten.

Horst Köhler ist Optimist. Sein Zukunftsvertrauen ist zugleich begrenzt und grenzenlos, illusionslos, weil er die Geschichte und die Welt kennt, und voller Glauben an die Menschen, voller Hoffnung auf die jungen Menschen. Er weiß, dass in Afrika jeder kleine Fortschritt von Rückschlägen bedroht ist. Kenia schmerzt. In keiner seiner offiziellen Reden auf dieser Reise fehlt der Appell, dass die Gewalt dort enden und ein friedlicher Dialog beginnen möge. Und doch sagt er in Uganda und Ruanda kein Wort so häufig, so überzeugt und überzeugend wie dieses: Hope. Hoffnung.

In beiden ostafrikanischen Ländern sind die Spuren unvorstellbarer Gewalt gegenwärtig. Kigali gilt heute als die sicherste afrikanische Hauptstadt; der Besucher sieht eine intakte, aufstrebende Millionenstadt auf grünen Hügeln. Allein in Kigali ist 1994 eine Viertelmillion Menschen grausam ermordet worden. Uganda, das war in der Vergangenheit der Schlächter Idi Amin, das ist heute ein mühsam beginnender Frieden nach einem 20-jährigen Konflikt in der Nordregion, der sich mit einem Schreckenswort verbindet: Kindersoldaten. Uganda und Ruanda sind arme und sind tief traumatisierte Länder. „Afrikanische Wege zu Frieden und Aussöhnung“, steht als Motto über dieser Köhler-Reise.

Kann ein deutscher Bundespräsident überhaupt etwas ausrichten in Ländern, deren zaghaft positive Entwicklung durch das kenianische Debakel nach der Wahl gerade wieder infrage gestellt wird? Natürlich nicht, wenn man in harter realpolitischer Währung rechnet. Offenbar viel, wenn man die spezifische Macht der Machtlosigkeit einsetzt, die das Grundgesetz dem formal ersten Mann im Staate zuschreibt. Köhler ist der oberste Repräsentant Deutschlands; er setzt in Uganda und Ruanda Zauberlichter auf dunkle Gesichter, wenn er Studenten oder Flüchtlingen sagt: Der erste Zweck meiner Reise ist, zu zeigen, dass ihr nicht vergessen seid. Und nur auf den ersten Blick kann man Köhlers Wirkung auf seine afrikanischen Gesprächspartner allein seiner Afrikaliebe zuschreiben. Ob im nordugandischen Gulu, im trostlosen Lager der Binnenflüchtlinge Coo-Pe, in der Universität vom Kampala oder im ruandischen Jugendzentrum: Köhler macht keine Reise der guten Worte. Da kommt einer, der etwas von den Leuten verlangt. Die Zeitung „Newtime“ in Kigali bringt die Botschaft des Bundespräsidenten an die ruandische Jugend auf die Schlagzeile: Work hard. Arbeitet hart. Nicht anders als in Deutschland hält sich Köhler in Afrika an das Versprechen, das er vor drei Jahren bei seinem Amtsantritt den Deutschen gegeben hat: ein Bundespräsident „mit Ecken und Kanten“ zu sein.

Weil er sich daran gehalten hat, zwei Gesetze nicht unterzeichnet und damit verärgerte Kommentare aus den Regierungsparteien auf sich gezogen hat, wird die Reise nach Uganda und Ruanda von einer ungewöhnlich großen Zahl von Journalisten begleitet, mit innenpolitisch motivierter Neugier. Im Mai 2009, noch vor der Bundestagswahl, wird der Bundespräsident gewählt. Die Frage nach der zweiten Amtszeit Köhlers steht praktisch auf der Tagesordnung. Er selbst hat Kommentare bisher mit dem Hinweis abgewehrt, er werde sich etwa ein Jahr vorher dazu erklären. Also bald.

Im vierten Amtsjahr ist dieser Bundespräsident beliebt bei der Bevölkerung. Von Meinungsmachern aber wird er überwiegend als spröde, ja langweilig wahrgenommen. Den einen gilt er unverändert als der ehemalige Chef des Internationen Währungsfonds IWF, als bloßer Ökonom, dem gerade das fehlt, was das Bundespräsidentenamt ausmacht: die Kraft zum verbindenden Wort, das gleichzeitig Anstöße geben kann. Der, abgesehen von Afrika, kein überwölbendes Thema hat, das seine Präsidentschaft kennzeichnet.

Ob der andere Bundespräsident gelungen ist, hängt hochgradig vom Standpunkt des Betrachters ab. Johannes Rau hat eine große Rede zum Integrationsthema gehalten, die damals wenig beachtet wurde. Nach der berühmten „Ruck“- Rede von Roman Herzog fand kein Ruck statt in der Gesellschaft. Richard von Weizsäcker hat mit seiner „Befreiungs“- Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes das Geschichtsbild der Deutschen nachhaltig geprägt, doch nach 1989 das einheitsstiftende Wort zum wiedervereinigten Deutschland nicht gefunden. Horst Köhler wiederum hat in einer Neuköllner Hauptschule eine wichtige Rede zu seinem Thema, der Bildung, gehalten, deren Umsetzung aussteht. Außerdem ist er, den die heutige Kanzlerin 2004 nach einem umstrittenen Machtpoker mit FDP und CSU als Bundespräsidentenkandidaten durchgesetzt hat, um mit dieser Personalie den Hinweis auf eine künftige schwarz-gelbe Koalition im Bund zu geben, zum Bundespräsidenten neben einer großen Koalition geworden. Die SPD hegt ihr Bild des „neoliberalen“ Köhler; Merkel pflegt ein uninniges Verhältnis zu Köhler, die FDP erinnert gerne daran, dass Köhler irgendwie „ihr“ Bundespräsident ist.

Tatsächlich ist er allein Bundespräsident der Deutschen. Köhler, siebtes von acht Kindern einer Bauernfamilie, ist der erste Amtsträger, der nicht auf dem Boden des Staatsgebiets geboren wurde, das er heute präsentiert, sondern im polnischen Heidenstein. Ein ironischer Zufall. Denn vor allem ist Köhler der erste Bundespräsident, der die globalisierte Welt gründlich kennt. Gerade deshalb ist er viel weniger eindeutig, als man ihn links der Mitte oder in der FDP sehen möchte. Seine Erfahrung als wichtiger Unterhändler internationaler Prozesse, als Finanzexperte, Ökonom und IWF-Experte verbindet sich mit einer Kindheit, die Flüchtlingslager und Not kennt. Mit einem Bildungsweg, der auf die zufällige Unterstützung eines Lehrers zu Abitur und Studium geführt hat.

„Mich würde wirklich interessieren, warum Sie jetzt so links sind“, hat ihn kürzlich in einem „Zeit“-Gespräch ein Abgeordneter aus Tansania gefragt, der vor sieben Jahren in Daressalam gegen den IWF-Chef Köhler demonstrierte. Die Kategorien links und rechts, sagte Köhler darauf, könnten schnell „den Blick auf die praktische Vernunft verstellen“.

Die ist ihm Lehrmeister auch auf der afrikanischen Reise. Gegen den wahnwitzigen Anführer der „Lord’s Resistance Army“, Joseph Kony, ist Anklage durch den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) erhoben worden. In Uganda ist sie umstritten. Viele sehen darin ein Hindernis für den Versöhnungsprozess. Köhler, der offene Diskussionen herausfordert, wird von den Studenten in Kampala und im nordugandischen Gulu heftig damit konfrontiert. Offensichtlich geraten westliche Rechtsauffassung und traditionelle afrikanische Vorstellung von Schuld und Vergebung in Konflikt. Der ICC ist ein Mittel der internationalen Gemeinschaft, sagt Köhler, es gehe darum, dass Verbrecher wie Kony nicht straffrei bleiben dürften. „Doch in dem Moment, in dem ich es ausspreche, verstehe ich auch, was Sie mir sagen. Uganda braucht unumkehrbaren Frieden und deshalb Versöhnung, die auch auf dem traditionellen Wege gesucht werden muss.“ Seine Zuhörer nicken. Er löst das Problem nicht, aber man glaubt ihm, dass er sich für eine Lösung einsetzen wird. Nach Maßgabe der praktischen Vernunft.

Köhler reist viel, auch in Deutschland. Er kennt die Verunsicherung der Mittelschichten und ärgert die große Koalition mit seinen Mahnungen, dem Reformkurs treu zu bleiben, wie zuletzt mit seiner Kritik an der Verlängerung des Arbeitslosengeldbezugs. Wer ihn für einen kalten Neoliberalen hält, verkennt ihn ebenso wie jemand, der sein Afrikaengagement für demonstriertes Gutmenschentum hielte. Wenn Afrika nicht zuerst sich selbst helfen will, sagt er in Ruanda und Uganda, dann kann niemand helfen. Wenn wir die Probleme der Afrikaner nicht lösen, sagt er den Deutschen, dann kommen die Probleme zu uns.

Eine zweite Amtszeit? Es könnte sich an den Niederungen der Macht entscheiden, ob auch der nächste Bundespräsident Horst Köhler heißt. Die schwarz-gelbe Mehrheit in der Bundesversammlung ist nach den Landtagswahlen in Bayern in diesem Herbst wohl dahin. Wer aber kann sich nach den Wahlen in Hessen vorstellen, dass Union oder SPD die politische Kraft aufbringen, mit einer Bundespräsidentenkandidatur das Machtspiel um neue Regierungskoalitionen im Jahr 2009 zu eröffnen?

Die Präsidentenfrage stellt in Afrika ein ugandischer Journalist. Afrika brauche noch lange Anwälte wie Köhler. „Wie steht es also mit der zweiten Amtszeit?“

„Die Haltung Deutschlands zu Afrika hängt nicht von meiner Person ab“, sagt Köhler. Zu deutschen Journalisten sagt er später: „Alles zu seiner Zeit.“

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