Zeitung Heute : Das Prinzip Verschwendung

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A ls in der vergangenen Woche der Bilanzskandal um den Telekommunikationskonzern Worldcom aufflog, verlangte ein Fernsehreporter an der New Yorker Wall Street ein Statement von einem Bankanalysten. Der Mann hatte seinen persönlichen Reichtum damit gemacht, Telekommunikationswerte zum Kauf zu empfehlen. Jetzt wollte er nicht reden: Er begann zu laufen, hetzte die Straße herunter, auf der Flucht vor den Kameraleuten. Schließlich drehte er sich doch um und rief: „Ich kann doch nichts dafür. Ich bin doch genauso überrascht und schockiert von alledem wie jeder andere auch.“

Wie jeder andere auch – fassungslos haben Profis und Amateure in den vergangenen beiden Wochen beobachtet, wie die Kurse an den internationalen Börsen noch einmal einbrachen. Wie der gewaltige Ausverkauf, der im März 2000 mit dem Platzen der Internet-Blase begann, noch einmal Fahrt bekam. Wie die Anleihen von „Blue Chips“, den besten Werten, zu „Junk Bonds“, reinem Schrott, wurden.

Experten sagen, dass das Ende einer Vertrauenskrise und einer Baisse dann gekommen ist, wenn auch der Letzte die Hoffnung verloren hat. Erst dann könne der Optimismus wieder wachsen. Ob es jetzt schon so weit ist, können die Experten nicht sagen.

Aber sie sehen eher schwarz.

Dabei ist bei den aktuellen Erschütterungen der Börsen weniger Psychologie im Spiel, als gemeiner Betrug. In großem Stil haben ein paar der größten Unternehmen der Welt ihre Bilanzen geschönt. Sie haben im Handumdrehen Umsätze zu Gewinnen gemacht, Schulden zu Guthaben umgewidmet und Auftragseingänge gleich auf das Haben-Konto gebucht. Sie haben ihre eigenen Eigentümer, die Aktionäre, ausgeplündert.

Und das, obwohl die ganze Welt in den letzten fünf Jahren über die Regeln guter Unternehmensführung geredet hat. Obwohl internationale Bilanzierungsregeln verabschiedet und die vollständige Transparenz der Buchführung versprochen wurde. „So kann und so darf es nicht weitergehen“, schimpft Gerhard Cromme, Aufsichtsratsvorsitzender des Stahlunternehmens Thyssen-Krupp und Leiter der deutschen Corporate Governance-Kommission. „Corporate Governance“, es ist der Management-Ausdruck für das, was Cromme noch altväterlich als die „Grundsätze des ehrbaren Kaufmanns“ bezeichnet.

Warum aber sind diese Grundsätze in den vergangenen Jahren in Vergessenheit geraten, obwohl alle immer wieder beteuerten, dass es niemals bessere und effizientere Kontroll- und Aufsichtsgremien gegeben habe? Weil sich die Realität den rosigen Prognosen nicht mehr fügen wollte, als das Wirtschaftswachstum nachließ, die ersten Kunden ihre Aufträge stornierten, Rechnungen unbezahlt liegen blieben.

Roadshows für Investoren

Doch anstatt die Prognosen zu korrigieren, ging man lieber den anderen Weg: Man passte die Realität an. Und sorgte mit Luftbuchungen dafür, dass die Bücher wieder stimmten. Denn sonst, so die Angst der Vorstandschefs, stürzen die Aktienkurse, wird die Kreditwürdigkeit heruntergestuft, gibt es kein neues Geld mehr für den Schuldendienst. Das war bei der Berliner Bankgesellschaft so, bei der das Management lieber die Augen zugemacht hat, als die Risiken zu sehen und einzuschätzen. Das galt für EM.TV, wo dem Finanzvorstand Florian Haffa offenbar elementare Kenntisse der Bilanzierung fehlten. Oder bei Flowtex, wo es sich gut traf, dass man Bohrmaschinen, die ohnehin nur in der Tiefsee funktionieren, normalerweise nicht sehen kann.

Und so lief alles auf ein kaum lösbares Dilemma hinaus: Ehrlich sein und gleich an der Börse abstürzen. Oder schummeln und später an der Börse abstürzen.

Das ist die neue, die perverse Logik, die sich aus der kurzfristigen Orientierung der Unternehmenspolitik am Börsenkurs und an der unmittelbaren Bindung der Manager-Gehälter an den Aktienkurs ergeben hat.

Denn es waren nicht mehr nur die Quartalsbilanzen, die die großen Unternehmen für ihre Anleger geschrieben und später umgeschrieben haben. Dazu haben sie noch Zwischenberichte und Analystenkonferenzen abgehalten, Roadshows für Investoren spendiert, Gewinn- und Umsatzwarnungen ausgestoßen, ad hoc die Erwartungen bestätigt oder revidiert. Man tat so, als würde sich die Unternehmenspolitik allein darin beweisen, dass man jeden Tag seine Ziele und Erwartungen dokumentiert. Und eine Zeit lang konnte die Dokumentationswut die Wunde tatsächlich wie ein großes Pflaster überdecken.

Jetzt hat sich das Pflaster gelöst. Denn für ein, zwei Jahre hat das Geld aus den letzten Börsengängen noch gereicht. Und dann gab es ja auch noch die Kreditgeber, die Geld in das System pumpten. Um zu verhindern, dass die Banken das Geld zu immer schlechteren Konditionen ausgaben, wurden die Berichte ein bisschen frisiert. Zuerst nur ein bisschen, weil ja schließlich das nächste Quartal das bringen würde, was das letzte knapp verpasst hatte. Dann ein bisschen mehr. Schließlich richtig viel Geld, „ein Teufelskreis“, sagt Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank.

Jetzt ist das System insgesamt diskreditiert, die Unsicherheit und Skepsis der Anleger und Sparer ist in Misstrauen gegenüber dem Markt im Allgemeinen und gegen das System umgeschlagen, das ihm zu Grunde liegt. Der Kapitalismus steht unter Generalverdacht.

Der Börsenkrach, die Wachstumsschwäche, Konjunkturprogramme in den USA, Staatsinterventionismus zu Gunsten einzelner Unternehmen in Europa: Immer deutlicher und immer schneller wurde in den letzten Wochen klar, dass irgendetwas im kapitalistischen System aus dem Ruder gelaufen ist. Dass der Kapitalismus an irgendeinem Punkt versagt haben muss.

Der frühere US-Außenminister James A. Baker sagte vor kurzem bei einem Vortrag an der Universität von Michigan, „dass es die Idee des Kapitalismus sei, Gier in wohl verstandenes Eigeninteresse zu verwandeln, in Motivation“. Genau dieser Mechanismus hat diesmal versagt. Die Gier hat gesiegt. „Die Managergehälter sind der entscheidende Punkt“, sagt Gerhard Cromme. Er findet, dass der Unmut und die Fassungslosigkeit von Aktionären berechtigt ist, wenn diese beklagen, dass sie die Kursverluste tragen müssen, während die Vorstände nur gewinnen können. Auch Josef Ackermann sagt, dass die Aktionäre „den Zahlen nicht mehr trauen, weil man das Gefühl hat, dass das Management nur noch an der eigenen Bereicherung interessiert ist“.

Vielleicht auch, weil sie, die Eigentümer, eine Zeit lang denselben Reflexen gefolgt sind. Als die Aktienkurse noch pro Monat, 20, 30, 50 Prozent gewannen, war es allen ziemlich egal, dass auch die Vorstände abkassierten. Vielleicht ahnte der ein oder andere dunkel, dass etwas faul war bei diesem Spiel. Aber das Spiel machte zu viel Spaß, um auszusteigen. Nun ist es vorbei. Jetzt sind nur noch die Vorstände schuld. Plötzlich fühlen sich die Eigentümer belogen und getäuscht.

Zehn Jahre lang hatten die Amerikaner geglaubt, ja, ganz sicher gewusst, dass alles gut gehen würde. Volkswirte hatten nachgewiesen, dass es ein Wachstum ohne Dellen geben kann. Betriebswirte hatten uns schwarz auf weiß vorgerechnet, wie schnell die technische Revolution die Produktivität jedes einzelnen Beschäftigten dauerhaft nach oben trieb. Alles wurde machbar, alles war bezahlbar.

Die Euphorie war ansteckend, und es dauerte nicht lange, bis auch wir mitzogen. Die Europäer begannen Ende der 90er Jahre zu glauben, dass die New Economy Schluss mache mit dem lästigen Auf und Ab der Wirtschaft. Die Rezession galt schon bald als eine Erscheinung der Vergangenheit.

Wir haben uns alle getäuscht. Es gibt sie immer noch, die Krisen, die Entlassungswellen, die Börsenkräche und Unternehmenspleiten. Nur, dass diesmal niemand mehr damit gerechnet hat. Genauso, wie die Wirtschaftsprüfer und Manager der Schwindel-Unternehmen sich nicht mehr vorstellen konnten, dass sie einmal auffliegen. Deshalb trifft der Einbruch diesmal alle besonders hart.

Ein Problem war, dass in der Aufstiegseuphorie die Warnmechanismen ausgeschaltet wurden. Dass die Kontrollen versagten. Beim Energiehändler Enron soll am Ende nicht einmal mehr der Vorstandschef Kenneth Ley verstanden haben, was sein Unternehmen eigentlich tut und wie es funktioniert. Finanzvorstand Scott D. Sullivan war der Mann, der beim Telekom-Konzern Worldcom Bescheid wusste über Finanzen und Finanzierungen. Und nur er. Dem genialen Firmenkonstrukteur Jean Marie Messier, der Vivendi vom Wasser- und Abwasserkonzern zum Medien-, Fernseh- und Wasserunternehmen zurechtschachtelte, wirft man erst jetzt vor, ein wahnsinniges Konstrukt erfunden zu haben, das außer ihm selbst niemand mehr durchschaut hat.

Sie alle haben Milliarden verbrannt – ohne es zu wissen, oder zumindest ohne sich darum zu kümmern, was nach ihnen kommt. Und sie haben selbst in den vergangenen beiden Jahren noch Unterstützer und Helfer gefunden, die ihnen das Geld für weitere Expansion oder zumindest für das einstweilige Überleben zur Verfügung gestellt haben.

Warum?

Vielleicht liegt es tief verwurzelt in der menschlichen Natur. Dass am Beginn technischer Revolutionen unsere Phantasie überschießt. Bevor der Intellekt, das Wissen, das Erforschen folgen kann.

Und vielleicht muss das sogar sein, vielleicht braucht man diesen verschwenderischen Überschuss an Energie, damit diese Revolutionen überhaupt stattfinden können. Die meisten Anleger verlieren dabei ihr eingesetztes Kapital. Der Wohlstand ganzer Nationen wurde durch diese Spekulationsblasen immer wieder auf Jahre hinweg gebremst und beeinträchtigt. Das Geld bleibt bei den Anderen – bei den Unternehmen und ihren Beschäftigten, die damit finanziert und bezahlt worden sind. Bei deren Lieferanten. In den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Bei den Banken, die die Transaktionen vermittelt haben. Auch diesmal wieder. Und doch sind diese Blasen wichtig. Erst diese Blasen haben den Fortschritt ermöglicht, technologische Sprünge finanziert. Ausprobieren, testen, experimentieren, spielen und wieder verwerfen, ja, das kostet Geld, viel Geld, es ist im höchsten Maße verschwenderisch – und doch kommt nur so Fortschritt zu Stande.

Es stimmt: Gewonnen haben dabei selten die kleinen Anleger, die ihr Erspartes investiert haben. Gewonnen haben meist die, die in der zweiten Reihe standen oder die, die Reste verwerteten: die Schaufelmacher und Jeansschneider, aber auch die Käufer der Unternehmensteile, der Immobilien, der Patente.

Sehnsucht nach Schlaraffenland

Doch auf lange Sicht haben Zivilisationen und Gesellschaften gewonnen. Die Eisenbahnen sind nicht wieder verschwunden. Das Internet und die neuen Kommunikationsmöglichkeiten werden auch nicht verschwinden. Sie werden zur Normalität, auch bei den alten und traditionellen Unternehmen. Sie haben die Welt verändert, und sie werden sie weiter verändern. Nicht, indem sie alle reicher machen. Aber indem sie allen mehr Chancen bieten. Vieles von dem, was in der jetzigen Blase entstanden ist, wird noch da sein, wenn wir längst vergessen haben, unter welch horrenden Kosten es entstanden ist.

Vielleicht ist es auch die Sehnsucht nach einem Schlaraffenland, die immer wieder dazu geführt hat, dass irrwitzige Summen in Unternehmungen gesteckt wurden, die – im Nachhinein betrachtet – verrückt waren. Beispiel: Anfang des 17. Jahrhunderts wurde in Holland die Tulpe allgemein bekannt. Aus der orientalischen Rarität wurde schnell ein Luxusgut, auf deren Vermehrung und Verkauf immer mehr Holländer wetteten. 1637 brach der Spuk zusammen. Am Ende waren Optionsscheine auf zukünftige Tulpenzwiebeln zu Phantasiepreisen gehandelt worden, einfache Menschen hatten in großem Stil auf steigende oder sinkende Tulpenpreise spekuliert. Das ganze Geld war in den Tulpenhandel geflossen – dafür fehlte es an anderen, sinnvollen Investitionen.

Heute ist Holland ohne Tulpen geradezu undenkbar.

Andere Beispiele sind die Jagd nach dem Gold am Clondyke oder die Eisenbahn-Spekulationen. In dem einen Fall wurden ganze Expeditionen ausgerüstet, im anderen gewaltige Mengen an Geld eingesammelt, um Schienen zu verlegen und darauf Dampfmaschinen fahren zu lassen.

Es ist das Verrückte, das Abenteuerliche, das Wunder, über Nacht reich werden zu können, das die Anleger treibt. Die Chance dabei zu sein, wenn die Schatztruhe gefunden wird, bringt die Menschen immer wieder dazu, die Vernunft auszuschalten. Und Geld in Expeditionen ins Ungewisse zu stecken.

Es ist die Sehnsucht, dass am Ende des Fortschritts irgendwann das Paradies, das reine Glück steht. Und weil diese Suche nie aufhören wird, wird auch die nächste Blase nur eine Frage der Zeit sein.

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