Zeitung Heute : Das Private ist persönlich

Ulrike Simon

Die britische Zeitung „Sun“ hat Urlaubsfotos von Angela Merkel veröffentlicht, auf denen sie ihren Badeanzug wechselt und viel nackte Haut zu sehen ist. Wie viel Recht auf Privatsphäre haben Politiker?


Niemand will sich mit solchen Fotos bei Millionen Lesern zum Gespött machen. Fakt ist aber auch: Niemand, auch kein Politiker, muss hinnehmen, wenn Medien Persönlichkeitsrechte, gar die Intimsphäre verletzen. Die britische Boulevardzeitung „The Sun“ veröffentlichte am Montag Fotos von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Urlaub auf Ischia in Italien. Auf einem Foto ist sie im schwarzen Badeanzug zu sehen, auf einem anderen von hinten – ihr Oberkörper bedeckt von einem weißen Bademantel, die Kapuze über den Kopf gezogen. Der Paparazzo hatte den kompromittierendsten Zeitpunkt beim Umziehen abgewartet. Er drückte genau in dem Moment ab, als die Kanzlerin ihr entblößtes Hinterteil zeigte. Der dazu gehörige Text tat sein Übriges zur Verhöhnung. Die deutsche „Bild“-Zeitung druckte die Zeitungsseite der englischen Kollegen am Dienstag nach. Sonst nicht zimperlich in diesen Dingen, zeigte sie sich empört über die „intimen Pool-Fotos“. Das entblößte Hinterteil verdeckte „Bild“ mit einem roten Viereck.

Auch „Bild am Sonntag“ druckte in ihrer Osterausgabe Fotos von Angela Merkel im Urlaub. Darauf ist sie zwar unvorteilhaft, aber vollständig bekleidet beim Spaziergang mit ihrem Mann, Joachim Sauer, zu sehen. Passend dazu diskutierten Redakteurinnen: „Darf sich eine Bundeskanzlerin so kleiden?“ Ja, meinte die eine Journalistin: In den Ferien habe auch eine Kanzlerin das Recht, „keine Bitte-knips-mich-Sachen“ zu tragen. Das ist der Punkt: Merkel war privat unterwegs. Sie hatte das Recht, nicht fotografiert zu werden.

Es existieren viele unvorteilhafte Fotos von Angela Merkel, mit deren Veröffentlichung die Politikerin leben muss. Es sind juristisch unangreifbare Fotos, die sie in offiziellen Situationen zeigen oder mit ihrer Zustimmung gemacht und veröffentlicht wurden. Anders verhält es sich mit den aktuellen Urlaubsfotos. „Die bloße Abbildung von privatem Alltag ohne zusätzlichen Informationswert ist rechtlich nicht zulässig“, sagt der Berliner Medienrechtler Christian Schertz. Er verweist auf das „Caroline-Urteil“, das 2004 die Unzulässigkeit solcher Fotos bekräftigt habe. Ihm zugrunde lagen Veröffentlichungen von Fotos in deutschen Medien, die Caroline von Monaco in privaten Situationen gezeigt hatten. Diese Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gilt für alle europäische Medien – auch für „The Sun“, die in ihrer britischen Tradition besonders respektlos mit Persönlichkeitsrechten Prominenter umgeht.

Auch wenn Merkel nach Angaben des stellvertretenden Regierungssprechers Thomas Steg „keine juristischen Schritte“ plane: Laut Schertz stünde es ihr frei, gegen die Veröffentlichungen vorzugehen, solange sie ohne ihre Zustimmung erfolgt sind; das gilt auch für die harmlos erscheinenden, die in „Bild am Sonntag“ gedruckt und über Nachrichtenagenturen allen Redaktionen zugänglich gemacht wurden.

Schon 1919 musste Reichspräsident Friedrich Ebert erfahren, was es heißt, sich in Badehose auf dem Titel einer Zeitschrift der Lächerlichkeit preiszugeben. Merkels Amtsvorgänger umgingen dies, indem sie die Neugier der Medien mit gestellten Urlaubsfotos befriedigten – und doch gelang es 1997 einem Australier, ein Foto von Helmut Kohl in Badehose zu schießen.

Es erreicht aber noch einmal eine andere Dimension, wenn eine Frau als Amtsträger mit entblößtem Hinterteil gezeigt wird – noch dazu von Blättern, die mit Fotos nackter Mädchen Geld verdienen.

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