Zeitung Heute : Das Problem mit Keinohrhasen

Harald Martenstein

Til Schweiger habe ich immer für einen netten Typen gehalten, der seine Tassen vollständig im Schrank hat. Jetzt aber war zu lesen, dass Schweiger aus der Filmakademie austritt, weil die seine Komödie „Keinohrhasen“ nicht für den Deutschen Filmpreis nominiert hat. Zur Begründung sagt Schweiger, sein Film habe sehr viele Zuschauer gehabt. Mit der gleichen Begründung könnte die „Bild“ sich um den Literatur-Nobelpreis bewerben. „Keinohrhasen“ ist ein ungewöhnlicher Film, weil Schweiger bei dem geringsten Anlass sofort seine Hose auszieht und den Po in die Kamera hält. Hauptthema des Filmes ist aber Oralsex. Also, wie man es richtig macht. Die Darsteller sind naturgemäß oft nackt, anders kann man nämlich so ein Thema optisch nicht in den Griff kriegen.

Weil bei der Prüfstelle FSK kürzlich dieser gefürchtete Magen-Darm-Virus umging, saßen während der Vorführung von „Keinohrhasen“ offenbar alle auf der Toilette, und sie haben dem Film, weil er so einen süßen Titel hat, ungesehen die Freigabe „ab sechs Jahren“ erteilt. Daraufhin sah man vor den Kinos außer den Rauchern auch immer mehr Eltern stehen, die versuchten, ihren Sechsjährigen zu erklären, was genau ein „Blowjob“ ist. Kinder wollen immer alles genau wissen.

Natürlich gab es haufenweise Proteste bei der FSK, die CSU hat sogar eine parlamentarische Initiative gegen „Keinohrhasen“ gestartet. Es ging beinahe zu wie damals bei „Das Schweigen“ von Ingmar Bergman. Die FSK hat sich mit der Begründung verteidigt, kleine Kinder würden die Sexszenen und die sogenannte „sexuelle Sprache“, dieses ganze Cunnilingus- und Ejakulatiozeug, sowieso noch nicht verstehen. Mit der Begründung hätten sie auch die „100 Tage von Sodom“ von Pasolini ab sechs freigeben können, welches Kind kennt bei der Einschulung schon das Wort „Sadomasochismus“ oder kann verstehen, warum nackte Tanten und Onkels sich stundenlang gegenseitig auspeitschen. Weil die FSK bei dieser Begründung wohl selber ein flaues Gefühl hatte, haben sie als Zusatzargument angeführt, der Film zeige schließlich zwei Kindergärtnerinnen, kindgemäßer geht es kaum. Darauf, dass die Kindergärtnerinnen nackt sind und sich mit Oralsex befassen, sind sie bei der FSK klugerweise gar nicht erst eingegangen. Am Ende wurde die Altersfreigabe von „Keinohrhasen“ angehoben, ich weiß nicht, ob es so was schon mal gegeben hat. Jedenfalls steht fest, dass „Keinohrhasen“ wegen dieses Drumherums schon jetzt ein filmhistorisches Monument darstellt und den Filmpreis gar nicht mehr nötig hätte, obwohl jeder Preisträger eine mehrminütige orale Würdigung erhält und dabei sogar vom Fernsehen übertragen wird.

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