DAS PROGRAMM Die Buñuel-Retrospektive : Über die Milchstraße

„Verräter, Anarchist, Perverser, Verleumder und Bilderschänder – alles hat man Luis Buñuel schon genannt. Doch einen Wahnsinnigen wagt ihn niemand zu nennen. Zwar ist es oft der blanke Wahnsinn, was er darstellt, aber es ist nicht sein Wahnsinn. Das stinkende Chaos, das sich für die Dauer einer Stunde unter seiner Führung zusammenbraut, ist der Wahnsinn der Zivilisation selbst“, meinte der Schriftsteller Henry Miller über den spanischen Regisseur Luis Buñuel (1900–1983).

Buñuel hat provoziert wie kaum ein anderer Regisseur des europäischen Kinos – und hatte damit überragenden Erfolg. Die Retrospektive, die in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Filmmuseum Wien und dem Filmmuseum München entstand, stellt 32 Werke aus allen Schaffensperioden vor. Buñuel begann grandios surrealistisch mit Un chien andalou (1929). In der Volksbühne wird er zur Berlinale viermal aufgeführt, mit jeweils verschiedenen zeitgenössischen Musikbegleitungen. Es folgen die sozialkritischen mexikanischen Filme wie Los Olvidados (Die Vergessenen, 1950), ein Film über mexikanische Straßenkinder, für den Buñuel in Cannes den Regiepreis erhielt, Ensayo de un crimen (Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz, 1955), Nazarín (1959), El ángel exterminador (Der Würgeengel, 1962), der einem Berliner Szene-Lokal den Namen gab, und Viridiana (1961), der die Goldene Palme in Cannes gewann und im Spanien der Franco-Ära einen Riesenskandal wegen Blasphemie auslöste.

Am Schluss stehen die berühmten französischen Spätwerke wie Le journal d'une femme de chambre (1964, mit Jeanne Moreau), Belle de jour (1967, mit Catherine Deneuve und Michel Piccoli), Tristana (1970, ebenfalls mit Catherine Deneuve), Le charme discret de la bourgeoisie (1972) und schließlich Cet obscur objet du désir (1977), Buñuels letzter Film.

Parallel zu den Regiearbeiten Buñuels werden acht Filme präsentiert, die sein Schaffen als Regieassistent, Produzent und Drehbuchautor vorstellen. Bei Jean Epsteins Mauprat (1926) assistierte er zum ersten Mal hinter der Kamera und ist außerdem in zwei kleinen Rollen als Mönch und Wachsoldat zu sehen. Auch in Epsteins Stummfilm-Klassiker La chute de la maison Usher (Der Untergang des Hauses Usher, 1928) arbeitete Buñuel als Regieassistent mit. Im Spanien der dreißiger Jahre produzierte Buñuel vier populäre Filme, bei denen er auch als Ko-Regisseur verantwortlich zeichnete: der sehr erfolgreiche Don Quintín el amargao („Don Quintín, der Verbitterte“), den er 1951 unter dem Titel La hija del engaño in Mexiko noch einmal verfilmte, sowie La hija de Juan Simón, ¿Quien me quiere a mi? und ¡Centinela alerta!. Für Robert Floreys The Beast with five Fingers (1946) schrieb er während seines USA-Aufenthalts eine Episode. Auch für die Screwball-Comedy Si Usted no puede, yo sí des mexikanischen Regisseurs Julian Solér verfasste er 1950 das Drehbuch.

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