Zeitung Heute : Das Projekt mit Conny

Der Tagesspiegel

Von Andrea Dernbach,

Antje Sirleschtov

und Robert Birnbaum

Wie sie jubeln! Auftritt der Parteichef, flankiert von vier Parteifreunden, Hermann Otto Solms, Günter Rexrodt, Martin Matz und Rainer Brüderle. „Das ist der größte Wahlerfolg der FDP überhaupt seit der Einheit“, ruft Westerwelle. Kein Sieg sei das, sondern ein Triumph, Und außerdem, das ganz zum Schluss, sei es „der schönste Abend“, seit er Politik mache. Vorläufig zumindest. Dank an „die Wahlsiegerin dieses Abends, Conny Pieper“, Dank auch an den Ehrenvorsitzenden und Hallenser Hans-Dietrich Genscher und dann erst an Jürgen Möllemann. Nicht an Möllemann, den Erfinder der Parole achtzehn, allerdings, sondern an den Landeschef, dessen Nordrhein-Westfalen eine Patenschaft für die Schwesterpartei in Sachsen-Anhalt übernommen hätten. So knapp der geistige Vater wegkommt, so überschwänglich feiert Westerwelle dessen schönes Kind: „Wenn wir es schaffen, heute unser Wahlergebnis deutlich mehr als zu verdreifachen, warum soll uns das bei der Bundestagswahl nicht gelingen?“

Im gleißenden Licht

Heute feiere man erst einen „Etappensieg auf dem Weg zu 18 Prozent." Der Rest ist Jubel: Ein Chor junger Liberaler skandiert „Acht-zehn, Acht-zehn“, die Spitzenmänner mischen sich unters Volk und verteilen Wangenküsse und Interviews. Nicht weniger Überschwang etwas weiter südwestlich. Im gleißenden Licht unzähliger Kronleuchter in der gewaltigen Festhalle des Magdeburger Hotels „Ratswaage“ schreitet Cornelia Pieper im parteiblauen Jackett unter dem Jubel einiger hundert Anhänger zum Podium, hinter dem eine überdimensionale Achtzehn prangt. Auch hier wird „der schönste Tag in meinem Leben“ gefeiert. Das Motto, das sie jetzt eint.

„Wir haben unser Wahlergebnis von 1998 verdreifacht. Zwei Drittel des Weges bis zur 18-Prozent-Marke sind zurückgelegt“, ruft die Generalsekretärin und Spitzenkandidatin den applaudierenden Freunden zu und reißt immer wieder die Arme nach oben, ganz so, als wollte sie nicht nur allen in diesem Raum zeigen: Hier bin ich. Und ich kann es. Und immer wieder wird sie unterbrochen von lautstarken Rufen: „Conny, Conny, Conny!“ Die Berufung der Sachsen-Anhaltinerin zur Generalsekretärin hat sich für die FDP an diesem Abend nun vollends als der richtige Schachzug herausgestellt. Wie richtig, konnte im vorigen Jahr zwar noch keiner ahnen, aber schon damals war der Führung der Liberalen klar, dass der Fahrplan für die Wahl im September 2002 für sie ein Geschenk des Himmels bedeutete.

Tollkühnes Wahlziel

Sachsen-Anhalt ist das einzige Land im Osten, in dem die FDP jemals gut im Rennen lag. 1998 kam sie mit ihren 4,2 Prozent dort beinahe in den Landtag. Das machte die Wahl an diesem Sonntag zur Schlüsselentscheidung in der „Strategie 18 Prozent". Eine FDP, die in Ostdeutschland die fünf Prozent nicht schafft, kommt in ganz Deutschland nie und nimmer auch nur in die Nähe von 18 – im umgekehrten Fall aber gewinnt das tollkühne Wahlziel an Plausibilität. Damit das im Fall des Falles auch jeder merkt, entschied sich Westerwelle zur Beförderung der Spitzenkandidatin Pieper auf die Bundesebene. Einer Kandidatin, die Möllemann immer schon für spitze hielt.

Cornelia, der Lenz ist da – so sagt es der seriöse Spitzenmann natürlich nicht. Aber so ähnlich: Für das, was in Magdeburg geschehen sei, „werden wir im Herbst bei der Bundestagswahl antreten“. Vielleicht mit einer neuen Vision, dem Projekt achtzig? Auch dafür sind die alten Kämpen, die schon andere Tage gesehen haben, viel zu vorsichtig: „Wir bleiben bei 18 Prozent“, sagt Hermann Otto Solms.“ Vorläufig jedenfalls.

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