Zeitung Heute : Das radikale Ticket-Manifest

Gäste und Organisatoren sind zum allergrößten Teil sehr zufrieden mit der Fußball-WM 2006 in Deutschland. Dennoch gibt es immer noch was zu verbessern für die nächste WM. Der Verkauf der Tickets zum Beispiel könnte deutlich fangerechter organisiert werden. England-Fan Mark Perryman konfrontiert die Fifa für die kommenden Weltmeisterschaften mit ein paar fundierten Forderungen

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Als Deutschland 1974 das letzte Mal Gastgeber einer Fußball-Weltmeisterschaft war, war nicht ein einziges Spiel komplett ausverkauft. Das Turnier dieses Sommers könnte in dieser Hinsicht nicht gegensätzlicher sein: Die weltweite Nachfrage nach Tickets übertraf alle Erwartungen. Die WM hat sich von einem internationalen Turnier in ein globales Spektakel verwandelt. Aber der Fußball-Weltverband Fifa hat die Chance zu einem authentischen „Fanfestival“ nicht genutzt: Er hat hunderttausende Eintrittskarten an Sponsoren vergeben – und damit die wahren Fans ausgeschlossen, die bei den Spielen so gern dabei gewesen wären. Bei künftigen Weltmeisterschaften aber sollten wir die Fans an die erste Stelle setzen!

Die Forderungen im Einzelnen:

1. Der Anteil der Sponsorentickets sollte von gegenwärtig 16 auf ein Prozent reduziert werden. Das wären immer noch knapp 500 Tickets pro Spiel; für die Fans würde das aber 459 300 zusätzliche Karten bedeuten.

2. Bei der Vergabe sollte den Ländern Vorrang gewährt werden, die gegeneinander spielen. Zurzeit gehen 84 Prozent der Tickets nicht an die zwei jeweiligen Länder. Gerade einmal je acht Prozent sind direkt für diese bestimmt. Der Rest geht in eine Mischung aus weltweitem Verkauf und dem Verkauf des Gastgeberlandes. Fair wären 30 Prozent für jedes spielende Land.

3. Es sollten keine Spiele in Stadien stattfinden, die weniger als 50 000 Zuschauer fassen. Das Nürnberger Frankenstadion, das kleinste Stadion, in dem England bei dieser Weltmeisterschaft spielte, hat normalerweise eine Kapazität von 41 926 Zuschauern. Für die WM 2006 wurde diese Kapazität auf 31 995 reduziert. An jedem Spielort wurden Tausende von Sitzplätzen entfernt, um Platz für VIP-Zonen, Werbeflächen und Pressetribünen zu schaffen. Bei Gruppenspielen sollten aber mindestens 50 000 Fans in die Stadien passen, 60 000 bis 70 000 vom Achtelfinale an und 80 000 im Finale.

4. Die Austragungsorte der Spiele sollten erst nach der Auslosung festgelegt werden. Denn bei der Auslosung kann am Ende herauskommen, dass die Länder mit den meisten Fans den Großteil ihrer Gruppenspielen in den kleinsten Stadien austragen müssen. Die Fifa sollte die Spielorte erst vergeben, nachdem ausgelost wurde – und dabei den möglichen Umfang der anreisenden Fange- meinden berücksichtigen.

5. Jeder sollte Tickets für die Spiele kaufen, die er auch tatsächlich sehen möchte. 812 000 für die WM in Deutschland bestimmte Tickets wurden „blind“ über das Internet gekauft: Die Käufer hatten keine Ahnung, welche Mannschaften sie am Ende sehen würden. In der Regel sollten künftig keine Tickets verkauft werden, bevor nicht die Gruppenspiele ausgelost wurden.

6. Die Verteilung durch die Fußballverbände der einzelnen Länder sollte fair ablaufen. Das englische System belohnt die Loyalität der Fans, das heißt die Häufigkeit ihrer Besuche bei Heim- und Auswärts-Länderspielen – auch wenn es gegen weniger attraktive Gegner geht, mit Tickets für große Turniere. Dieses System könnte, in aller Bescheidenheit, den 207 Fifa-Mitgliedstaaten durchaus als Modell dienen.

7. Das Schwarzmarktproblem muss ernst genommen werden. Ein unfaires Ticketsystem rechtfertigt Schwarzhandel zumindest teilweise. Würde die Zahl der Tickets, die direkt an die Fans gehen, erhöht, dann hätten wir Verständnis für das Schlangestehen an den Drehkreuzen, während unsere Tickets und Pässe kontrolliert werden. Denn wir wüssten: Das bekämpft den Schwarzmarkt.

Der Engländer Mark Perryman ist

fanaktiv. Mehr im Internet unter: www.londonenglandfans.co.uk

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