Zeitung Heute : DAS RADIO

von Oma

In meiner ersten Erinnerung, Ende der 70er Jahre, stand das kastenförmige Radio mit dem Holzgehäuse im Wohnzimmer meiner Großmutter. Es lenkte die ganze Aufmerksamkeit auf sich, war unproportional groß für das kleine Zimmer; mit der filigranen Vitrine und dem niedrigen Couchtisch harmonierte es wie ein elfgeschossiges DDR-Hochhaus mit einem Gründerzeit-Altbau. Und doch verbrachte ich Stunden an dem Gerät, und das meist im ausgeschalteten Zustand. Ehrlich gesagt kann ich mich nicht daran erinnern, es jemals funktionstüchtig erlebt zu haben. Egal: Nicht der Klang war das Besondere an dem Radio Marke Sonra, sondern die Einstellungsskala. Städtenamen aus ganz Europa standen dort, politisch korrekt nach sozialistischen Maßstäben (Brno für Brünn), aber es gab auch Orte wie London, Lyon, Bruxelles und Nizza – im Baujahr 1958 war die westliche Welt noch zugänglich für DDR-Bürger. Wenn ich an der Skala drehte, stellte ich mir vor, wie es in den fremden Städten wäre, wie hoch die Häuser in den Himmel ragten, in welcher Sprachen die Menschen einen Kaffee bestellten. Das Radio war ein Objekt der Sehnsucht, einmal die Fremde zu erleben – und sei es mit 65, als Rentner.

Meine Großmutter verbannte das unförmige Gerät Mitte der 80er Jahre ins Schlafzimmer, von einem schweren Schrank schaute es bekümmert auf mich herab, wenn ich dort in den Ferien übernachtete. Als meine Oma die Wohnung vor einigen Jahren auflöste und ins Heim zog, nahm ich nur das Radio mit. Es war meine Landkarte in die Vergangenheit, meine Verbindung mit Erdbeertorte und Schlagsahne. Und so steht das Röhrenradio bis heute unberührt, aber unantastbar in meinem Wohnzimmer.Ulf Lippitz

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