Zeitung Heute : Das rätselhafte Mädchen von Jerusalem

Andrea Nüsse

Eigentlich ist es ein gewöhnliches Urlaubsfoto. Der Sandstrand im israelischen Jaffa leuchtet weiß, das Meer ist blau. Eine junge Frau mit langen roten Haaren steht in Leggings und weitem T- Shirt im Wasser und strahlt in die Kamera. Im Arm hält sie eine ältere Dame im Badeanzug, die Dekolleté und nackte Beine zeigt.

Das junge Mädchen ist die Palästinenserin Wafa Idris aus dem Flüchtlingslager Al-Amari in der Nähe von Ramallah, von Beruf Hilfssanitäterin. Sie ist für einen Ausflug ans Mittelmeer gefahren. Als Muslimin geht sie nur voll bekleidet ins Wasser. Die ältere Frau, die sie im Arm hat, ist eine jüdische Israelin, die sie am Strand kennen gelernt hat.

Das Bild, aufgenommen im Juli 2000, zwei Monate vor Ausbruch der zweiten Intifada, klebt im Fotoalbum von Wafa Idris. Seit einer Woche hängt an vielen Häusern im Westjordanland ein anderes Foto der 28-Jä hrigen: Wafa vor dem Felsendom in Jerusalem, ein schwarz- weiß gemustertes Palästinensertuch um die Stirn geknotet. Wafa Idris wird auf den Plakaten als erste weibliche Selbstmordattentäterin der Palästinenser gefeiert. Sie starb vor zwei Wochen in der Jaffa-Straße in West-Jerusalem, als eine Bombe explodierte, die sie bei sich trug. Ein 81-jähriger Israeli wurde getötet, mehr als 40 Menschen wurden verletzt. So groß war am Ende ihr Hass auf die Israelis.

Was ist seit dem Strandausflug vor eineinhalb Jahren im Leben der Wafa Idris passiert? Warum hat sich diese schöne Frau, die mit einer Israelin Freundschaft schloss, die Verletzte versorgte und Leben rettete, von einer barmherzigen in eine mörderische Samariterin verwandelt?

Wafas ältester Bruder Khalil, Mitte dreißig, schüttelt den Kopf. Er kann noch immer nicht glauben, dass sich seine Schwester in die Luft gesprengt hat. In einem grauen Wintermantel sitzt er im winzigen Wohnzimmer der Familie Idris in Al-Amari. Eine Heizung gibt es hier nicht. Aber in der Mitte des Raumes steht ein großer Fernseher, in dem ununterbrochen Al-Dschasira läuft, der arabische Nachrichtensender. Die Vorhänge vor den Fenstern sind zugezogen, obwohl draußen die Sonne scheint. Ausblick bietet stattdessen eine Fototapete an der Wand:Palmen, Strand, Meer. Unten, in zwei Zimmern, wohnte Wafa mit der kranken 65-jährigen Mutter. Der Vater ist schon mehr als 20 Jahre tot.

"Es gibt hier nur den alltäglichen Horror der israelischen Besatzung, die Absperrungen, das Eingesperrtsein in den engen Flüchtlingslagern, die Toten und Verletzten", fällt Khalil als Grund für die Tat ein. "So schlimm wie seit dem Ausbruch der zweiten Intifada war es noch nie. Wafa hat bei ihrer Arbeit beim Roten Halbmond so viele von israelischen Kugeln zerfetzte Körper gesehen. Ariel Scharon ist schuld." Khalil schaut in die Runde, zu seinen Brüdern und den Freunden, die auch da sind. Die jungen kräftigen Männer in ihren dunklen Bomberjacken nicken etwas betreten. Als müssten sie sich erst noch an den Rollentausch gewöhnen. Normalerweise sind es die Frauen, die um ihre Männer und Brüder trauern, die sich in Israel in die Luft gesprengt haben. Auch Khalil gilt als Held des palästinensischen Widerstandskampfs, ein Fatah-Aktivist, der acht Jahre in israelischer Haft verbracht hat. Nun hä ngt neben einem Foto des bärtigen Khalil, aufgenommen im Gefängnis, auch das Plakat des schönen "Mädchens von Jerusalem". So wurde die zunächst unbekannte Attentäterin von der Jaffa-Straße in den ersten Tagen nach dem Anschlag genannt. Die Märtyrerin Wafa lässt damit den Ruhm des großen Bruders etwas verblassen.

Bei vielen jungen Palästinenserinnen ist Wafa sehr populär. Sie holen sich die Plakate mit ihrem Foto stapelweise im Haus der Familie ab, tragen ein Bild der jungen Attentäterin in der Hosentasche. Die Hamas dagegen, die für die meisten Selbstmordanschläge verantwortlich ist, fürchtet den Verfall der Sitten: Das spirituelle Oberhaupt der konservativen Bewegung, der gelähmte Scheich Ahmed Jassin, hat gesagt, man brauche keine Frauen für solche Anschläge, die jungen Männer stünden bei Hamas schließlich Schlange. Außerdem müsse eine gute Muslimin bei einer solchen Tat von einem männlichen Verwandten begleitet werden.

Wafas Bruder Khalil beteuert, er hätte seine Schwester zurückgehalten, wenn er etwas geahnt hätte. Hat er aber nicht. Er will überhaupt keine Veränderung an seiner Schwester bemerkt haben: "Am Samstag, einen Tag vor der Tat, saß sie noch hier und spielte mit meinen Kindern, wie immer." Vielleicht ist der Mutter etwas aufgefallen, doch sie kann nichts erzählen. Sie hat nach dem Tod ihrer Tochter einen Nervenzusammenbruch erlitten, liegt im Krankenhaus.

Wafas Zimmer hat sie abgeschlossen und die Schlüssel mitgenommen. Sie will, dass alles in dem Zimmer so bleibt, wie es war, als ihre Tochter am Sonntagmorgen vor zwei Wochen nach Jerusalem aufgebrochen ist.

Von draußen kann man durch winzige Fenster in den Raum blicken. An der grün gestrichenen Wand hängt ein Bild von Wafas Prüfung am Ende ihrer Sekretärinnen- Ausbildung beim Palästinensischen Roten Halbmond. In schwarzem Talar und mit Viereckshut auf der langen, rot gefärbten Lockenmähne sieht sie aus wie eine amerikanische College-Studentin. In einem kleineren Rahmen das Zertifikat für einen Erste-Hilfe-Kurs, den Wafa später absolviert hat.

Seit eineinhalb Jahren fuhr sie Einsätze mit dem Krankenwagen. Anfangs brachte sie vor allem Dialysepatienten und schwangere Frauen ins Krankenhaus, dann waren es immer hä ufiger Intifada-Verletzte, die sie versorgen musste. "Das ist ein sehr harter Job", sagt der Direktor der Erste-Hilfe-Abteilung des Roten Halbmonds in Ramallah, Wael Qadan. "Die Art der Verletzungen haben sich seit dem Ausbruch der Intifada verändert." Durch die regelmäßigen Bombardierungen und die gezielten Ermordungen, per Rakete und Autobombe, seien die Körper immer häufiger völlig verstümmelt. Viele Freiwillige halten den Dienst nicht länger als drei Tage durch.

Wafa war anders. Sie hatte sich für eine Fortbildung angemeldet, die im März beginnen und sie zur ausschließlichen Arbeit bei Noteinsätzen berechtigen sollte. "Sie wollte helfen, das verschaffte ihr eine tiefe Befriedigung", erinnert sich Wael Qadan. Manchmal habe sie jedoch zu viel auf eigene Faust machen wollen, da musste er sie bremsen. Wafa sei ein sehr korrekter Mensch gewesen, habe einen starken Gerechtigkeitssinn gehabt. Mit ihrer lauten Stimme habe sie ihre Meinung immer geradeheraus gesagt.

Auch Qadan bekam Wafas Temperament zu spüren. "Wenn sie von einer Fahrt kam, bei der die israelischen Soldaten an einem Checkpoint den Krankenwagen mit einem Schwerverletzten aufgehalten hatten, beschwerte sie sich bei mir." Denn Wael Qadan organisiert über das Internationale Rote Kreuz die Durchfahrt der Krankenwagen durch die israelischen Checkpoints.

Qadan glaubt nicht an einen Selbstmordanschlag. Er vermutet, dass Wafa die Bombe nur transportieren, sich aber nicht in die Luft sprengen wollte. Auch in den psychologischen Gruppensitzungen, die für die freiwilligen Helfer Pflicht sind, sei niemandem eine Veränderung an Wafa aufgefallen.

Die These vom Unfall vertritt inzwischen auch die israelische Polizei. Dafür spricht, dass die Bombe sich in einer Tasche befand;Selbstmordattentäter binden sich die todbringende Fracht ü blicherweise um den Leib . Und anders als bei den meisten bisherigen Selbstmordanschlägen gibt es weder einen Abschiedsbrief noch ein Video der Toten.

Wafas beste Freundin Rifa Abu Rish wohnt gleich neben dem Haus der Familie Idris. Sie trauert zweifach: um die Freundin und um ihren Vater, der vor kurzem gestorben ist. Rifa arbeitet als Lehrerin in der Schule des Flüchtlingslagers und leitet das Frauenzentrum des Flüchtlingshilfswerkes UNWRA in Al-Amari. Obwohl schon 30, ist sie noch ledig - für eine Palästinenserin sehr ungewöhnlich. Sie trägt einen schwarzen Rollkragenpulli, Jeans und eine schwarze Brille. So sitzt in dem grünen Stoffsessel gleich neben der Tür des kleinen, dunklen Wohnzimmers. "Das war Wafas Lieblingsplatz", sagt sie und erzählt, wie Wafa war: "Sie liebte Kleider, jeden Tag hatte sie etwas anderes an." Immer Hosen, Kleider und Röcke trug sie nie. Ab und zu veränderte sie ihre Haarfarbe, von Braun zu Rot und zurück. Sie schminkte sich gern, und sie liebte Sport. Oft lief Wafa durchs Lager, über die ungeteerten staubigen Wege, über Schuttberge und Haufen mit Baumaterialien, bis zur Hauptstraße, die nach Jerusalem führt, und zurück. Andere Sportmöglichkeiten gibt es im Flüchtlingslager nicht. Wenn sie sich zu Hause mit ihren Freundinnen traf, rauchten sie zusammen Wasserpfeife.

Rifa weiß nicht, was in ihrer besten Freundin vorgegangen ist. "Noch am Freitag, zwei Tage vor dem Anschlag, saß sie hier, genau in diesem Sessel, und wir schmiedeten Pläne, dass wir in ein Frauencafé in Ramallah zum Wasserpfeife rauchen gehen wollten, sobald die Trauerzeit für meinen Vater vorbei ist." Zwar erinnert sich Rifa daran, wie sie schon während der ersten Intifada zusammen Steine auf israelische Soldaten geworfen haben. "Wafa war immer in der ersten Reihe." Doch das machen im Lager viele, für Rifa ist das kein Hinweis auf die spätere Tat ihrer Freundin. Ebensowenig wie die sehr persönliche Tragödie Wafas, die Rifa miterlebt hat.

Die schöne Wafa hatte bereits mit 17 Jahren ihren Cousin geheiratet. " Sie haben sich geliebt", erinnert sich Rifa. Dennoch ließ Wafas Mann sich auf Druck seiner Eltern vor drei Jahren scheiden, weil sie keine Kinder bekommen konnte - in gläubigen muslimischen Familien ist das nicht unüblich. Wafa muss es sehr getroffen haben. Ein Jahr lang sei sie deprimiert gewesen, erzählt Rifa, habe nur die Liebeslieder des ägyptischen Sängers Mustafa Kamel gehört, in denen "blutige Tränen" um die verlorene Liebe geweint werden. Doch dann habe Wafa sich in ihre Arbeit beim Roten Halbmond gestürzt und neue Lebenskraft daraus gezogen, anderen zu helfen.

Wenn man Rifa fragt, wie sie die Tat ihrer Freundin beurteile, sagt sie, natürlich sei Wafa eine " Heldin" und lebe jetzt im Paradies. Es ist Stolz zu spüren über die Tat der Freundin. Die Tatsache, dass zum ersten Mal eine Frau zur Selbstmordattentäterin geworden sein könnte, überrascht Rifa wenig. "Immer mehr Menschen hier glauben, dass ihr Leben weniger wert ist als der Tod. Da gibt es keine Unterschiede mehr zwischen Männern und Frauen. Das musste irgendwann passieren." Und doch hat man das Gefühl, dass die junge Frau bedrückt ist - weil ihre Freundin nicht mehr da ist, sicher, aber vor allem wohl, weil sie nicht ahnte, was in Wafa vorging. Seit dem Sonntag, an dem es geschah, hat Rifa Kopfschmerzen und Schwindelanfälle.

Die Einzige, die vermutlich etwas geahnt hat von den Plänen, mit denen Wafa sich trug, ist Nihaja. Eine Woche vor dem Anschlag saß sie mit Wafa und Rifa hier im Wohnzimmer. Sie tranken Kaffee und rauchten Zigaretten. Nihaja ist 40, sie trägt ein gemustertes Kopftuch und ein Sweatshirt mit der Aufschrift "The most beautiful girl". Ihre breiten Wangenknochen lassen sie ein bisschen asiatisch aussehen. Ihr werden seherische Fähigkeiten nachgesagt. Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen ist es, ihren Freundinnen aus dem Kaffeesatz die Zukunft zu lesenEin kleiner Gasofen wärmte notdürftig den kleinen Raum. Als Wafa ihre Tasse mit dem starken arabischen Kaffee ausgetrunken hatte, drehte sie sie um. Anschließend las Nihaja die Spuren des schwarzen Kaffeesatzes am Tassenrand. Sie sah darin ein Ereignis mit vielen herumfliegenden Gegenständen vorher. Wafa hat darüber nur gelacht.

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