Zeitung Heute : Das Raumschiff ist gelandet

Die Mitte? Mal wieder aufgewühlt. Die Politik? Hat sich eingerichtet. Und der Bürger? Erstaunlich unverkrampft - auf der Suche nach der Berliner Republik

Axel Vornbäumen

Es war ein Sommer, der Spuren hinterlassen hat – und ganz beseitigt sind sie noch immer nicht. Wie eine aufgerissene Wunde liegt die weite Fläche vor dem Westportal des Reichstags in diesen Tagen da, wieder mal, wie so oft schon. Berlins aufgewühlte Mitte. Schweres Gerät war vonnöten für die Erdarbeiten, die irgendwie ja auch Aufräumarbeiten waren, auf dass demnächst alles wieder so aussehen möge wie zuvor, hier, wo das politische Herz der Republik schlägt – dabei wird womöglich nichts mehr so sein, wie es war. Die Anzeichen mehren sich.

Vorne, ein paar Meter entfernt nur von dem Eingang, vor dem sich das Volk wie eh und je drängt, um in Sir Norman Fosters Reichstagskuppel zu gelangen, diesem genialen Symbol einer nach neuen Symbolen nicht eben übereifrig suchenden Republik, sind die ersten Streifen des Rollrasens bereits verlegt. Es wird nicht lange dauern, dann ist das neue Gras angewachsen. Nur als Metapher taugt es wohl nicht mehr.

Anfang der 90er hat Hans-Dietrich Genscher genau hier mal für eine Million Mark Gärtner kommen lassen, weil die von Freizeitkickern malträtierte Fläche, ihm, dem Außenminister und Gastgeber, als zu berlin-piefig erschien und ganz und gar nicht repräsentativ genug für eine internationale Tagung. Im Sommer ’95 dann waren Christo und Jean-Claude da, verpackten den Reichstag und verwandelten auf bezaubernde Weise das Schwere ins Leichte. Damals entstand – genau von hier aus – eine erste Ahnung davon, zu welcher Unverkrampftheit die Deutschen fähig sein können, wenn man ihnen nur die entsprechende Gelegenheit dazu bietet. Ein Jahr zuvor hatte sich die Debatte just an jenem seltsam angestaubt klingenden Begriff entzündet – unverkrampft. Roman Herzog hatte sich bei seinem Entree als Bundespräsident sein Volk so gewünscht. Er stand seitdem unter nicht unbeachtlichem Restaurationsverdacht.

Und plötzlich ist der weg.

Und die Unverkrampftheit ist da. Und sie hat sich nationaler Symbole bemächtigt, schneller, ausladender, fröhlicher und unvoreingenommener, als viele das für möglich gehalten hätten. Ein Identitätsschub hat stattgefunden, in Schwarz-Rot-Gold, und die Hauptstadt hat sich ihre Scheibe davon abgeschnitten, schnell, und ohne groß zu fragen, wie all das denn auf einmal sein könne. „Willkommen in Berliiiiin“, hat Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister, von der Bühne vor dem Brandenburger Tor, Westseite, den Völkern der Welt, nun ja, doch: zugebrüllt. Mit lang gezogenem „i“. Nichts Flehendes war da mehr in der Stimme eines Berliner Regierenden, nichts Banges, wonach man doch bitte auf diese Stadt schauen möge. Ein Identitätsschub in Schwarz-RotGold, gar nicht hässlich, leicht. Der Rausch eines WM-Sommers war dazu nötig. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr.

Wenn Sie die „Berliner Republik“ suchen, hat ausgerechnet Werner Schulz gesagt, dann schauen Sie doch da nach.

Er kann, wie so viele, mit dem Begriff nichts anfangen, findet ihn „maniriert“, „geschwollen“, mag das von dem Publizisten Johannes Gross Anfang der 90er-Jahre in die öffentliche Debatte eingeführte Etikett nicht, aber wenn man unbedingt den Begriff „Berliner Republik“ mit Inhalten füllen wolle, bitte sehr, dann mit den Bildern aus diesen WM-Wochen.

War er denn nicht ihr erstes Opfer?

Im Sommer des plötzlich verloren gegangenen Vertrauens, 2005, hat Schulz sich von der großen politischen Bühne verabschiedet – aufgebracht über Gerhard Schröders Coup, Neuwahlen anhand einer gescheiterten Vertrauensabstimmung herbeizuführen. Damals, in den letzten Tagen von Rot-Grün, wähnte der ostdeutsche Bürgerrechtler den Staat am Rande einer Verfassungskrise, fühlte sich an dunkelste DDR-Volkskammerzeiten erinnert durch die „Einladung“ des Kanzlers und Franz Münteferings, die Abgeordneten mögen ihrer in engstem Kreise entstandenen Idee folgen und die vorzeitige Auflösung des Parlaments herbeiführen. Schulz sieht die Krise heute noch.

Und noch heute trauert er auch all den vertanen Gelegenheiten nach, die sich geboten hätten, das vereinte Deutschland mit Anstand und gegenseitigem Respekt in eine Neuzeit zu überführen, eine, die beides aufgenommen hätte: Bonner Kontinuität und ostdeutsche Bürgerbewegtheit. Schulz hätte, beispielsweise, gern Brechts „Kinderhymne“ zur neuen Nationalhymne der Deutschen gemacht. Ein Anfang in Versöhnung – „Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand …“ Doch als er den Text mal auf seinem Sitz im Bundestag sang, da zischte es aus den Reihen der Union, er solle aufhören, die „Internationale“ zu singen.

Werner Schulz lächelt sein mildes Lächeln. Lang ist die Geschichte der zerplatzen Illusionen. „Es gab keine Inventur“, sagt er, „ein Neuanfang hat nicht stattgefunden“, auch geistig nicht. Und so gäbe es auch einiges zu erzählen aus dem Leben des einstigen Bundestagsabgeordneten Werner Schulz, über die eingefleischten Rituale und das grobe Mahlwerk des bundesrepublikanischen, des stets westdeutsch dominierten Politikbetriebes.

Nur eines würde auch Werner Schulz nicht behaupten: Dass all das irgendetwas speziell mit Berlin zu tun hätte. Man hat, so lautet sein Fazit, im Großen und Ganzen doch so weitergemacht wie aus Bonner Zeiten gewohnt.

„Die Kontinuität der Politik der Bundesregierung“, hat der inzwischen verstorbene Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer schon zwei Jahre nach dem Umzug von Regierung und Parlament vom Rhein an die Spree festgestellt, „ist unabhängig vom Regierungssitz“. Ein „Gespenst“ sei da kreiert worden von den Umzugsgegnern, so Sontheimer, ein „behändes Spiel mit beliebigen Versatzstücken aus der Geschichte“ – der „Ortsbestimmung einer Hauptstadt, in der die politischen Entscheidungen für den Gesamtstaat getroffen werden“, sei „viel zu großes Gewicht beigemessen“ worden.

Kein unheilvoller Genius loci also, à la „Reichshauptstadt“ und „Kapitale des militaristischen Preußen“, der auf die Politik der Neuzeit wirkt? Nein, keiner. Auch ängstigt im Ausland Deutschlands neue Größe und die seiner neuen Hauptstadt ganz augenscheinlich niemanden. Es ist bislang jedenfalls kein Fall überliefert, dass unter den Gästen der alten rot-grünen und der neuen großen Koalition welche vorstellig geworden wären, die lieber weiter nach Bonn gekommen wären. Im Gegenteil: Die Ortsdebatte, heißt es im Außenministerium, stieß im Ausland doch allenthalben auf Unverständnis.

Aber es ist eben auch nichts von der hoffnungstriefenden Prophezeihung eines Lothar de Maizière eingetroffen, der, am Vorabend der Vereinigung noch, davon ausgegangen war, dass Deutschland nun östlicher und protestantischer werden würde. „Nichts davon ist eingetreten“, sagt Wolfgang Thierse, selbst aus dem Osten, lange Jahre Bundestagspräsident und nun Vize, „es sei denn auf die verquere Weise, dass Ostdeutschland mit seinen Problemen die Gesellschaft insgesamt belastet.“ Und die erhofften bewusstseinsbildenden Tauchfahrten in den rauen Alltag einer deutschen Großstadt fanden auch nur allzu selten statt. Im Jahr 7 nach dem Umzug heißt es: „Das Raumschiff ist gelandet.“

Auch de Maizière übrigens, leidenschaftlicher Bratschist, unternahm in jenen umtriebigen Vereinigungstagen einen musikalischen Selbstversuch, die Hymnen der beiden deutschen Staaten zu verzahnen. Doch Helmut Kohl winkte nur ab. Und Gerhard Schröder, um hier nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, dass in dieser Hinsicht Parteizugehörigkeit die Sichtweise bestimmt hätte, hätte, wäre er denn seinerzeit schon Kanzler gewesen, auch abgewinkt. Gedöns!

Im Haushaltsausschuss des Bundestags ist in diesen Tagen mal wieder fraktionsübergreifend die Erkenntnis gereift, dass man damals, in den 90ern, wohl zu großzügig gewesen war mit den Kompensationsleistungen für das politisch bedeutungsloser werdende Bonn. Ministerien sind geblieben, um den Preis mangelnder Effizienz. Man wusste damals um die Folgen – und man spürte sie heute. Es ist die alte Debatte, geführt mit den alten Schlagworten wie „Rutschbahneffekt“ oder „Verlässlichkeit“ – und doch nimmt noch immer niemand den Parlamentariern das starke Votum zugunsten Bonns so recht übel, das damals, an jenem historischen 20. Juni 1991, beinahe dafür gesorgt hätte, dass alles beim Alten geblieben wäre im neuen Deutschland. Vor 15 Jahren schlug das Pendel knapp zugunsten Berlins aus – auch weil politische Schwergewichtler wie Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher, Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble und Richard von Weizsäcker sich für den Umzug aussprachen. Wer weiß, sagt Werner Schulz, wie es heute ausgehen würde, wo prägende Persönlichkeiten in der Politik immer rarer würden.

Dabei, hat Wolfgang Thierse festgestellt, sind nicht nur die Befürchtungen der Berlin-Skeptiker nicht eingetreten, für ihn sei sogar das Gegenteil der Fall: Der verantwortungsvolle Umgang mit der Historie sei in Berlin allemal leichter zu praktizieren, als es in Bonn möglich gewesen wäre. „In Berlin erinnert sich die deutsche Gesellschaft viel stärker an ihre Geschichte“, sagt Thierse und verweist beispielsweise auf das Holocaustdenkmal, das in Sichtweite des Regierungsviertels liegt. Die räumliche Nähe hält der Bundestagsvizepräsident durchaus für prägend; in Bonn, so Thierse, wäre das so „undenkbar“ gewesen.

Und doch – es sind am Rhein auch Vorarbeiten geleistet worden, die sich wohl einfacher von dort aus haben erledigen lassen, um Deutschlands schwierige Suche nach einer neuen Rolle zu erleichtern. Noch in Bonn wurde die Beteiligung am Kosovo-Krieg beschlossen. Wolfgang Thierse erinnert an den „enormen moralisch-pathetischen Aufwand“, der seinerzeit notwendig war, dies zu erklären – und das ausgerechnet vom gerade erst angetretenen rot-grünen Kabinett. Und womöglich wäre das, wäre man schon in Berlin gewesen, noch schwerer gefallen.

So ist durchaus eine gewisse Kontinuität zu besichtigen in der größer gewordenen Republik, die sich nicht „Berliner Republik“ nennen lassen will. Nicht das Ob, sondern nur noch das Wie eines Einsatzes deutscher Soldaten im Nahen Osten steht in diesen Tagen auf der Tagesordnung – und die Messinstrumente der politischen Aufgeregtheiten verzeichnen auch keine höheren Ausschläge als beim Thema verschobene Gesundheitsreform.

Wie schrieb Kurt Sontheimer vor fünf Jahren? Es spreche nichts dagegen, für das wiedervereinigte Deutschland das Etikett „Berliner Republik“ zu wählen. „Sollte man mit dieser Bezeichnung jedoch zum Ausdruck bringen wollen, dass es sich bei der Berliner Republik um eine wesentlich andere Republik als die von Bonn handele, so wäre das irreführend.“

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