Zeitung Heute : Das Reich in die Mitte

Harald Maass[Peking]

Mit Kriegsdrohungen gegen Taiwan und neuen Zahlen zum Wirtschaftsboom bestimmt Chinas Volkskongress die Schlagzeilen. Welche Folgen könnte Chinas Entwicklung zur kommenden Supermacht des 21. Jahrhunderts haben?

Statistisch gesehen ist die Volksrepublik China noch immer ein Schwellenland. Trotz des Aufschwungs in den vergangenen beiden Jahrzehnten lebt die Hälfte der Chinesen bis heute als Bauern oder Landarbeiter. Die meisten bestellen wie zu Kaisers Zeiten ihr Feld mit dem Pflug von Hand. Chinas Wirtschaft ist nur ein Viertel so groß wie die Japans. Mit einer Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung im Jahr 2003 von 5000 US-Dollar (kaufkraftbereinigt) lag China weltweit auf Rang 123 – noch hinter Peru und der Ukraine. Deutschland hatte diese Entwicklungsstufe bereits 1925 erreicht, Italien 1950. Auch militärisch wird China oft überschätzt. Die Volksrepublik ist zwar Atommacht und verfügt mit 2,5 Millionen Soldaten über die größte Armee der Welt. Militärtechnisch hinkt Pekings Volksbefreiungsarmee den USA und anderen Großmächten jedoch um Jahrzehnte hinterher.

Chinas eigentliche Macht liegt in dem Potenzial des riesigen Landes und seiner 1,3 Milliarden Menschen. Seit der wirtschaftlichen Öffnung Ende der siebziger Jahre ist die chinesische Wirtschaft um durchschnittlich acht Prozent gewachsen. Ähnliche Entwicklungsschübe gab es zwar auch in den fünfziger und sechziger Jahren in Japan, Korea oder Taiwan. In China, einem Land mit einem Fünftel der Erdbevölkerung, sind die Dimensionen jedoch ungleich größer. Wenn Chinas rasantes Wachstum anhält, könnte die Volksrepublik bereits 2015 Japan und 2040 die USA als Wirtschaftsmächte überholen, heißt es in einer Studie der US-Investmentbank Goldman Sachs.

Chinas Industrialisierung hat weltweite Folgen. Von den global 20 Städten mit der stärksten Umweltverschmutzung, liegen heute 16 in China. 1973 überholte die Volksrepublik die USA als weltgrößten Getreideverbraucher. Seit 1987 ist China der weltweit größte Kohlenverbraucher, seit 1999 der größte Stahlverbraucher und seit 2001 das Land mit den meisten Mobiltelefonen. Der Export von Millionen „Made in China“-Produkten hat dazu geführt, dass weltweit die Containerschiffe knapp werden. Rohstoffe sind so teuer wie seit Jahrzehnten nicht mehr – auch das ist eine Folge der wachsenden chinesischen Nachfrage. Politisch brisant ist auch Chinas wachsender Erdölbedarf. Das Land ist auf dem Weg, der größte Erdölimporteur der Welt zu werden. Alle dieses Entwicklungen zwingen Pekings Führung dazu, außerhalb der Landesgrenzen aktiv zu werden. Eine der wichtige Aufgabe der Pekinger Führer bei Auslandsreisen ist schon heute die Sicherung von Energiequellen. In den kommenden Jahren wird China noch stärker mit westlichen Industrienationen um den Zugang zu Erdöl und Energie konkurrieren.

China ist zu mächtig, als dass es sich von außen eindämmen ließe. Der wirksamste Einfluss, den der Westen hat, ist die Einbindung Chinas in die Weltgemeinschaft, in die Weltwirtschaft. Die 1979 von Deng Xiaoping gestartete Politik der Öffnung und Reformen ist längst unumkehrbar. Seit dem verlorenen Vietnamkrieg im gleichen Jahr hat China keinen Krieg mehr geführt. Um das Land weiter wirtschaftlich aufzubauen, werden Chinas KP-Führer auch in Zukunft auf eine friedenserhaltende Außenpolitik setzten und sich in die Weltgemeinschaft integrieren. Die gesellschaftliche Öffnung wird dazu führen, dass die Chinesen auch ihre politischen Rechte stärker einfordern.

Gefährlich könnte Chinas Entwicklung aber dann werden, wenn der Aufschwung ins Stocken gerät. Soziale Unruhen und Aufstände könnten das Machtmonopol der allein regierenden KP und damit die Stabilität des Landes gefährden. Militärische Abenteuer wären dann nicht mehr ausgeschlossen. Das größte Risiko heißt Taiwan. In den Augen Pekings ist der Inselstaat mit seinen 23 Millionen Bewohnern bis heute eine abtrünnige Provinz, die zurück ins Heimatland geholt werden muss. Auf dem Volkskongress hat Peking ein Gesetz vorgestellt, das China im Krisenfall zur Militärgewalt gegen Taiwan berechtigen soll. Die Zustimmung zu dem Gesetz sei eine „feierliche Aufgabe“ der Delegierten, erklärte Pekings Regierung.

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