Zeitung Heute : Das Reisen

IRGENDWIE, IRGENDWO, IRGENDWANN

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Eine Generation weiß nicht wohin – einer macht sich schon mal auf den Weg

Von Matthias Kalle

Es war die ständige Wiederkehr des Immergleichen: In den Sommerferien fuhr ich mit meiner Familie an die Nordsee, das war praktisch, denn meine Familie hat dort ein Haus, in dem wir sechs Wochen des Jahres lebten. Ich mochte es sehr auf dieser Insel, fand es nicht langweilig, und meiner Familie bin ich bis heute dankbar, dass ich nie eines dieser Kinder war, über das man sich in Clubanlagen auf Fuerteventura oder Kreta ärgern musste. Ich wollte Fremden nie lästig sein – ein Prinzip, das ich bis heute verfolge.

Klar: Irgendwann fährt man dann nicht mehr mit seiner Familie in den Urlaub, sondern bleibt mit seinen Freunden zu Hause. Später, wenn man es sich leisten kann, fliegt man nach New York oder fährt nach Italien, und mit 25 denkt man dann, dass man schon überall war, wo es sich lohnen könnte, gewesen zu sein. Aber das ist natürlich totaler Quatsch.

„Dann kannst du ja jetzt auch viel reisen“, sagen manche, die aus Freundlichkeit meinem Rückzug in meine Heimatstadt etwas Positives abgewinnen wollen. Wenn ich dann frage: „Warum?“, dann kriege ich nur dumme Antworten – meistens: „So halt.“ „So halt“ passt ja immer.

„So halt“ bin ich letzte Woche nach Hamburg gefahren, denn ich war mit einem Mädchen verabredet. Ich packte eine Tasche und nahm den Zug, am Bahnhof kaufte ich Zeitschriften, die ich während der Fahrt las. In Hamburg kochte das Mädchen für mich, und ich fühlte mich wohl. Am nächsten Tag bin ich mit dem Zug nach München gefahren, um Freunde zu treffen und einfach in München zu sein, denn in München war ich einmal glücklich. War ich auf einer Reise?

Im Zug schlief ich die meiste Zeit . Reisebekanntschaften sind etwas, auf das ich verzichten kann – man kennt ja eh schon genug Menschen. Einmal ging ich in den Speisewagen, um einen Kaffee zu trinken und eine Zigarette zu rauchen, und da konnte ich es beobachten: Menschen, die sich seit Göttingen kennen und ab Augsburg nie wieder sehen werden, sitzen an diesen Bistrotischen und erzählen sich ihr Leben, manche versuchen zu flirten, es wirkt hilflos, wie einer RTL2-Ballermann-Reportage abgeschaut. Männer höre ich zu Frauen sagen: „Aber es ist doch echt die Hauptsache, wenn du weißt, was du willst. Das ist total wichtig.“ Draußen beginnt Bayern.

Wenn ich in München bin, dann wohne ich bei einem guten Freund, der es als Beleidigung ansieht, falls ich in ein Hotel gehen würde. Es ist schon seltsam: Seit ein paar Jahren kann ich in Hamburg, Berlin, München oder Köln wohnen – überall leben Freunde, und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil die alle jetzt einen kennen, der in Minden wohnt. Ich rechne nicht mit viel Besuch.

In München blieb ich vier Tage, es waren Tage des Donners. Ich war auf dem Oktoberfest und in den Bars und Clubs, in die ich auch früher, als ich noch in München lebte, gegangen bin, und ich traf die Menschen, die mir seit dieser Zeit nahe stehen und ein paar, die mir vollkommen egal sind, und als ich nach vier Tagen wieder im Zug saß, wunderte ich mich, dass ich nicht einfach noch ein paar Tage blieb, so wie ich auch in Hamburg länger hätte bleiben können.

„Warum fährst du denn wieder zurück nach Minden“, wurde ich gefragt. Ich antwortete: „So halt.“

Matthias Kalle hat Berlin verlassen und zog zurück in seine Heimatstadt Minden. Darüber berichtet er Woche für Woche. Wer ihm schreiben will: Sonntag@Tagesspiegel.de

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