Zeitung Heute : „Das Rennen ist genauso offen wie vorher“

Warum Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen wenig von TV-Duellen hält und für ihn die Bundestagswahl nicht entschieden ist

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Herr Jung, die beiden TV-Duelle sind vorbei. Haben sich jetzt alle unentschlossenen Wähler für einen Kandidaten und seine Partei entschieden?

Wir haben festgestellt, dass unter den Zuschauern der Anteil derjenigen, die nicht parteilich gebunden sind, geringer war als in der Gesamtheit der Bevölkerung. Wir gehen davon aus, dass sich jeder Dritte noch nicht endgültig entschieden hat. Und diejenigen, die sich die TV-Duelle angesehen haben, waren überdurchschnittlich Anhänger der beiden Spitzenkandidaten und wollten ihren jeweiligen Favoriten auch nur im Duell sehen. Die Wirkung ist in erster Linie konfirmatorisch.

Also hat das Duell auf die Entscheidung der Unentschlossenen keine Auswirkung gehabt?

Das werden wir erst mit dem neuen Politbarometer Ende der Woche feststellen können. Die Erfahrung – auch aus Amerika – lehrt, dass die Wirkung solcher Fernseh-Veranstaltungen nicht unbedingt direkt ist. Die öffentliche Debatte über das TV-Duell in den Folgetagen ist für die Bevölkerung durchaus von Bedeutung.

Gibt es überhaupt keine unmittelbaren Auswirkungen?

Wir hatten in der Vorwoche und unmittelbar nach dem Duell gefragt, wer als Kanzler bevorzugt wird. Da hat sich an der Präferenz praktisch nichts geändert. Die Wirkung ist zu vernachlässigen.

Die Debatte in den Medien ist demnach wichtiger als das Duell selbst.

Das kann man durchaus so sehen. Grundsätzlich sollte aber die direkte und indirekte Wirkung solcher Duelle nicht überbewertet werden. Wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen, dass das Bild, das die Zuschauer von den Kandidaten haben, relativ fest gefügt ist. Das hängt damit zusammen, dass das keine unbeschriebenen Blätter sind wie so mancher Präsidentschaftskandidat in den USA. Die markanten Profile von Schröder und Stoiber können durch einen solchen Auftritt nicht mehr verändert werden.

Was machen denn die TV-Duelle mit Wählern, die sich schon vorher entschieden haben?

Da mag es einen Mobilisierungseffekt geben, der die Begeisterung für den jeweiligen Kandidaten noch erhöht.

Taugt das TV-Duell, um die Politikverdrossenheit zu bekämpfen?

Wahrscheinlich nicht. Das ist keine Präsentationsform, die von Menschen, die sich kaum für Politik interessieren, angenommen wird. Diese Sendungen schauen sich überwiegend Leute an, die für Politik etwas übrig haben. Das Kritische ist, dass sich rund die Hälfte der Menschen nicht für Politik interessiert. Bei einer Bundestagswahl gehen viele dieser Gruppe aber doch zur Wahl, ohne dass sie sich im Rahmen eines Wahlkampfes über politische Sachverhalte informiert haben.

Müssen die kleineren Parteien fürchten, durch die TV-Duelle an den Rand der Wahrnehmung gedrängt zu werden?

Theoretisch ist das nahe liegend, dass sie sich über den zusätzlichen Fokus auf die beiden großen Parteien beschweren. Aber es ist ja nicht so, dass die beiden Spitzenkandidaten der großen Parteien die Sendungen triumphal verlassen. Die Unzufriedenheit der Menschen über beide Kandidaten kann den kleineren Parteien durchaus zugute kommen, ohne dass sie sich dem gleichen Ritual unterwerfen müssen.

Wer gewinnt die Bundestagswahl?

Das Rennen ist heute genauso offen wie vor den TV-Duellen. Wir wissen, dass sich die Deutschen, und da unterscheiden wir uns ganz enorm von den Amerikanern, zum sehr großen Teil an den Parteien orientieren. Diese Bindungen an eine Partei lassen auch Vorteile eines Kandidaten als Person nicht so wirksam werden, wie manche sich das vielleicht wünschen.

Wie wird die Wahl entschieden?

Es kommt darauf an, welche Themen jetzt auf die Agenda gesetzt werden. Vor vier Jahren haben wir es erlebt, dass in der letzten Woche vor der Wahl eine völlig ungeplante und für die damalige Bundesregierung katastrophale Debatte über eine Mehrwertsteuererhöhung durch eine Ministerin des Kabinetts Kohl losgetreten wurde und die Regierung einige Prozentpunkte gekostet hat.

Wie nah wird Ihre nächste und letzte Prognose am Freitag am Wahlergebnis liegen?

Wenn sich nichts Entscheidendes mehr tut, gibt es zwei Fehlerquellen. Die eine ist in der Natur der Umfrage begründet, die andere in der Tatsache, dass sich ein Drittel der Wähler noch nicht entschieden hat. Bei den großen Parteien können die Fehlerintervalle im Bereich von plus/minus zwei Prozent liegen. Und bei dem derzeitigen knappen Stand könnte das wahlentscheidend sein.

Das Gespräch führte Lutz Haverkamp.

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