Zeitung Heute : Das rosa Universum

Barbie wird 50. Die Bilanz ihres Lebens: zwei Kerle, viele Häuser. In ihrer aktuellen Villa wohnt sie als Single, in Rosa mit Homeoffice. Ein Design-Report.

Laura Wieland
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Stadtvilla. So lebt Barbie heute.Foto: promo

Für Ken ist kein Platz mehr. Es gibt bloß noch einen Stuhl, das Himmelbett ist zu schmal für zwei. Selbst wenn Ken einmal zu Besuch käme, es sich im Wohnzimmer auf dem Sofa gemütlich machen wollte: Da hockt schon die Katze. Die kann man auch nicht wegscheuchen, die ist aufgedruckt.

Männer waren in Barbies Universum immer bestenfalls Accessoire, so wie schicker Modeschmuck oder eine Designer-Handtasche. 50 Jahre ist Barbie jetzt alt, am Montag hat sie Geburtstag, und in all der Zeit hatte sie gerade mal zwei Männer an ihrer Seite: Dauerfreund Ken und kurzzeitig Blaine, den Surfer.

Wichtiger als ihre Verehrer waren die Traumhäuser. Von denen hatte sie einige. In ihrem aktuellen Domizil, der ultramodernen „Stadtvilla“, Serienkennzeichen J0505, fehlt nicht nur ein Zimmer für Ken, sondern noch etwas Entscheidenderes: der Kleiderschrank. Und das, obwohl ausnahmslos jede Besitzerin einer Barbie Unmengen verschiedener Miniatur-Röcke, -Hosen, -Blusen und -Jacken hortet – gehört doch das An- und Umkleiden der Plastikpuppe zu den zentralen Inhalten eines Barbiespielnachmittags.

Barbies Welt ist Projektionsfläche für Mädchenträume, heißt es. Wenn das stimmt, träumen heutige Achtjährige von Flachbildschirmen, iPods und anderem High-Tech, der sich in Barbies Single-Haushalt findet. Und natürlich von dem als „Homeoffice“ deklarierten Schreibtisch. „Dank der Stehlampe kann Barbie noch bis spät in den Abend an ihrem Laptop arbeiten“, wirbt die Herstellerfirma Mattel.

Als Barbie 1959 erstmals in die Läden kam, verkörperte die unnatürlich proportionierte Modepuppe das Lebensgefühl ihrer Zeit. Sie spiegelte die Epoche des wirtschaftlichen Aufschwungs wider, in der die amerikanische Mittelklasse in die Vorstädte zog. Barbies Accessoires repräsentierten die wachsende Konsumgesellschaft im neuen „suburban America“: Der aus allen Nähten platzende Kleiderschrank war der Mittelpunkt ihres komplett möblierten Traumhauses, in dessen Garage der – schon damals pinke – Sportwagen stand.

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Villa Kunterbunt. In den 60ern war Barbies Haus noch farbenfroh.Foto: promo


In Barbies Bungalow waren Kaffeetisch und Schrankwand aus dunklem Holz. Der blau gepolsterte Sessel mit passendem Fußschemel hob sich von der gelb leuchtenden Tapete ab. „Im Traumhaus der 60er fällt vor allem die Nachahmung der Realität auf, es ist die Imitation eines echten Wohnraumes“, sagt Renate Flagmeier, Design-Expertin und leitende Kuratorin des „Werkbundarchiv – Museum der Dinge“. Das Berliner Museum sammelt Objekte der Design- und Alltagskultur des 20. Jahrhunderts, auch viel Kitsch, den der Deutsche Werkbund stets bekämpft hat. Hier hat Barbie in einer Vitrine Obdach gefunden, als „Design-Feindbild“ in einer Reihe mit Nierentisch und Chippendale-Stühlen.

„Nicht nur die Farben, auch Material und Oberfläche von Barbies Mobiliar waren in den 60ern viel authentischer“, sagt Renate Flagmeier. Es gab Stoffteppiche, Fliesenboden und ein mit Filz bezogenes Sofa, sogar die Bücher im Regal waren betitelt. Gemessen an anderen Puppenstuben lebte Barbie viel wirklichkeitsgetreuer als ihre Kolleginnen.

Die Ära des Plastiks begann in den 80ern – und dauert bis heute an. Barbies aktuelles Traumhaus ist eine homogene Kunststoffwelt. „Es hat ein Verschmelzungsprozess von Möbeln und Raum stattgefunden“, sagt Flagmeier. Der Tisch, die Wand, die Lampe, die Tür: Alles ist aus Plastik. Die Ecken und Kanten der 60er sind verschwunden. Heute dominieren weiche, geschwungene Formen, kaum eine gerade Linie durchläuft Barbies Imperium. Dazu kommt eine ungeheure Detailversessenheit, bis hin zur Quietsche-Ente neben der frei stehenden Badewanne. Abgesehen vom fehlenden Kleiderschrank ist es die perfekte Miniaturisierung der Erwachsenenwelt, vom amerikanischen Kühlschrank mit integriertem Eis- und Wasserspender über Handy und Notebook bis hin zu Geräuscheffekten: Die Waschmaschine schleudert, auf dem Herd brutzelt das Essen, Türglocke und Telefon klingeln. Selbst die Toilettenspülung macht auf Knopfdruck Geräusche.

Alles wie im echten Leben. Und manchmal näher an der Wirklichkeit, als es Mattel lieb sein dürfte. Als der Konzern 1997 die politisch korrekte „Rollstuhl-Becky“ – speziell für behinderte Mädchen konzipiert – auf den Markt brachte, passte das rosa Gefährt von Barbies Freundin nicht durch die Tür. Barbies Traumhaus war, wie viele Gebäude im wirklichen Leben, nicht behindertengerecht.

Die Designer von Mattel greifen immer wieder aktuelle Wohntrends auf. Derzeit zum Beispiel Fusion, die Kombination aus Altem und Neuem. Ein Gründerzeitschrank wurde in einen Sekretär umfunktioniert, neben dem Neo-Rokoko-Schreibtisch stehen die 50er-Jahre-Lampe und der moderne Drehstuhl. „Das ist der Versuch, das reale Leben zu kopieren“, sagt Renate Flagmeier vom Werkbundarchiv. „Ein paar Antiquitäten sollte man haben. Denn anders als in den 50er und 60er Jahren will man sich nicht mehr ganz in einem Stil einrichten.“

Dem hohen Realismus widerspricht aber die Farbgebung. Die Schweinchenrosa-Dominanz der gesamten Einrichtung ergibt ein surrealistisches Ambiente. Selbst Homestorys über Paris Hilton offenbaren nicht solch bonbonfarbene Fantasiewelten. Ob sich das Rosa der Barbie-Welt auf Generationen von kindlichen Psychen ausgewirkt hat, ist schwer zu sagen. Fest steht: „Jedes Mädchen geht durch eine Rosa-Phase, egal, wie stilbewusst die Eltern sein mögen“, sagt Klausbernd Vollmar, Psychologe und Autor von „Das große Handbuch der Farben“. Charaktereigenschaften wie Zärtlichkeit, Hilfsbereitschaft und Schwärmerei, zu denen kleine Mädchen kulturell erzogen würden, kämen in Rosa ideal zum Ausdruck. Während Rot dem Farbpsychologen zufolge für Liebe, Leidenschaft und Sexualität steht, schwächt Pink den erotischen Symbolcharakter der Farbe ab.

Außerdem passt keine Farbe besser in unsere Zeit. Rosa ist die Farbe der Krise. „Sie unterdrückt Aggressionen“, erklärt Vollmar. Damit ist Rosa das beste Sedativum, wenn das Bankkonto leer, der Job weg und der Frust groß ist.

Barbies künstlicher Realismus ist ein Kosmos, in dem man sich verlieren, dem man aber nichts hinzufügen kann. Ein geschickter Schachzug von Hersteller Mattel, denn an Zubehör mangelt es nicht: Ein Arsenal von 60 Extras findet man in den Regalen der Spielzeugabteilungen, von der Récamière bis zum Schminktisch. Ein womöglich noch selbst gebastelter Nachttisch aus Pappe neben dem Plastiksitzkissen wäre eine Zumutung, ein Holzschränkchen in Barbies Wohnzimmer würde sich mit der magentafarbenen Couch beißen. Jede Ergänzung zerstört das Bild.

In den 60ern hatte Barbie noch ein ge rahmtes Foto von ihrem Lover im Regal stehen. Heute hat die emanzipierte Karrierefrau lieber Bilder von ihren Freundinnen und Haustieren an den Wänden. Wer mit seinen Puppen ganz klassisch Vater-Mutter-Kind spielen will, sollte lieber in das „Happy-Family“-Set investieren. Mit Barbie als Trauzeugin hat Busenfreundin Midge vor einigen Jahren ihren Alan geheiratet. Heute sind sie eine glückliche Familie mit zwei Kindern und jeder Menge Zubehör: Großeltern, Volvo, Haus und Pool. Garantiert rosa-frei.

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