Zeitung Heute : Das Rundum- Sorglos-Gen

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Angeborener Infarkt-Schutz

Hartmut Wewetzer

Veränderungen im Erbgut? Schlimm. Mutationen! Aber manchmal ist die Wirklichkeit komplizierter. Veränderte Gene können auch ihr Gutes haben. Eine amerikanische Studie hat ergeben, dass Menschen mit einem mutierten Gen namens PCSK9 Normalsterblichen etwas voraus haben: Das Risiko einer Herzattacke ist bei ihnen viel geringer. Man stelle sich das einmal vor – Schlemmen ohne Ende, Hummersuppe, Gänsebrust, Sahneeis, danach eine gute Zigarre. Und das alles ohne Reue. Man hat ja sein mutiertes Gen.

Das PCSK9-Eiweiß hat mit dem Fettstoffwechsel zu tun, und zwar mit dem LDL-Cholesterin. Das ist das „böse“ Cholesterin. Wenn zu viel LDL-Cholesterin im Blut herumschwimmt, kann es die Schlagadern in Herz und Hirn verengen. In den Wänden der Blutgefäße lagert sich das weiche, wachsartige Cholesterin zusammen mit anderen Substanzen ab.

PCSK9-Protein ist in Leberzellen aktiv. Es verhindert, dass das im Blut kreisende LDL in die Leberzellen gelangt. Auf diese Weise erhöht es indirekt das LDL im Blut.

Es sei denn, man hat eine bestimmte Mutation der Erbanlage für PCSK9. Etwa jeder 30. besitzt nämlich eine PCSK9-Spielart, die nicht richtig funktioniert. Das führt zu einer um 15 Prozent geringeren LDL-Konzentration im Blut. Forscher unter Leitung von Jonathan Cohen von der Universität von Texas in Dallas beobachteten über 15 Jahre bei weißen und schwarzen Amerikanern, wie sich die Mutation auf die Gesundheit ihrer Träger auswirkte. Dann stand fest, dass 15 Prozent weniger LDL bei den Weißen das Risiko für Herzattacken halbierte. Noch günstiger war die Situation bei Schwarzen. Bei ihnen war durch die Mutation das LDL sogar um mehr als ein Viertel verringert – und die Gefahr von Herzattacken um sage und schreibe 90 Prozent.

Eine Schlussfolgerung aus dieser Untersuchung scheint auf der Hand zu liegen. Wer frühzeitig sein LDL-Cholesterin senkt, kann auch sein Risiko für Gefäßkrankheiten drastisch reduzieren. Aber wie stellt man das an? Verzicht auf tierische oder gehärtete Fette, auf Schmalz und Pommes frites? „Leider lässt sich der Cholesteringehalt des Blutes durch die Ernährung oft nur geringfügig beeinflussen“, sagt Gabriela de Angelis, Expertin für Fettstoffwechsel-Störungen an der Universität Münster. „Die Höhe des LDL-Spiegels im Blut ist zu einem wesentlichen Teil durch unsere Gene bestimmt.“

Bleibt noch eine andere Möglichkeit, und die wird in den USA auch ganz offen diskutiert: cholesterinsenkende Medikamente aus der Gruppe der Statine. Etwa schon im Kindergarten oder mit dem Trinkwasser? Nein, das wäre doch keine so gute Idee, gibt de Angelis zu bedenken. Denn es liegt zwar nahe, mit einem Arzneimittel das Gleiche zu tun, was bei manchen Menschen ein Gen bewirkt. Doch dieser Rückschluss könnte ein Kurzschluss sein. Denn die Mutation wirkt auf einen anderen Mechanismus in der Zelle als das fettsenkende Mittel. Gen und Medikament sind nicht das Gleiche.

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