Das S-Bahn-Debakel : Gestörter Rhythmus

Die Krise der S-Bahn ist auch irgendwie eine Krise der Stadt. Die Politik muss begreifen, dass der Kollaps der S-Bahn ans Mark des städtischen Lebens greift, und dass das Verkehrsmittel S-Bahn - gerade in einer Großstadt, gerade in Berlin - ein öffentliches, ein gemeinsames Gut ist.

Hermann Rudolph

Und das war einmal der Ruhm der Stadt! Denn es ist wahr, dass die Berliner S-Bahn einst das weltweit bestaunte Beispiel eines städtischen Verkehrssystems war. Sie knüpfte die wachsende Stadt im Innern zusammen, mit ihr öffnete die Weltstadt ihre Flügel nach draußen. Und nun das: Chaos, große Depression, ein System außer Kontrolle. Illustriert von den Abertausenden, die sich auf den Bahnsteigen drängen, und einem ratlosen Personal, das ihnen sagt, wann, vielleicht, der nächste Zug nach Ostkreuz geht. Der Offenbarungseid einer Säule des Nahverkehrs – und des legendären, geliebten Taktschlägers des Rhythmus dieser Stadt.

Und wie reagiert Berlin? Reicht es nur zu dem Zynismus, dass die Russen 1945 eine ganze Armee aufboten, um Berlin zu erobern, die S-Bahn aber doch nicht so kleinkriegten, dass sie nicht kurz nach Kriegsende wieder zu verkehren begann, während es nun einem vierköpfigen S-Bahn-Vorstand gelingt, sie von heute auf morgen auf ein Viertel ihrer Zug-Kapazität zu bringen? Und zu einer, das dann doch auch, erstaunlichen Probe der Geduld und der Improvisationsgabe der Berliner ?

Was beispielsweise die Suche nach den Gründen für das Desaster angeht, so bietet es bislang, beispielsweise, so ziemlich das gleiche bestürzende Bild wie die S-Bahn selbst. Defekte Bremszylinder, unfähige Manager, ein Eigentümer Bahn, der seine Tochter rabenvaterhaft ausquetscht, um nur an die Börse zu kommen: Alles in der Debatte. Alles bestimmt zur Überprüfung. Doch gerade deshalb droht die Gefahr, dass sie schließlich hängen bleibt in der Erörterung des Verkehrsvertrags, den die Stadt mit dem Unternehmen S-Bahn abgeschlossen hat. Oder im Gezerre um den Rücktritt der Verkehrssenatorin.

Denn die Krise der S-Bahn ist auch irgendwie – an dieser Einsicht führt kein Weg vorbei – eine Krise der Stadt. Zumindest kann man die Bilder nicht wahrnehmen, die die Berliner S-Bahnhöfe dieser Tage bieten, und der Meinung sein, dieses Debakel beträfe nicht auch das Gemeinwesen als Ganzes – die Stadt, dieses hoch komplizierte Lebewesen, in dem alles mit allem zusammenhängt, und zu dessen wichtigen Nervensträngen und Lebensadern der Verkehr gehört. Auch wenn Berlin nicht Eigentümer der S-Bahn ist, behält die Stadt doch für sie eine Art Treuhänderschaft.

Nicht dass wir gerade ein Donnerwort des Regierenden Bürgermeisters brauchten, der die S-Bahn zur Chefsache macht, was er – wie die Dinge liegen – gar nicht könnte. Da hat ein Wort zur Lage von Verkehrsminister Tiefensee schon mehr Gewicht; schließlich ist er verantwortlich für den gründlich blamierten S-Bahn-Besitzer Bahn. Aber vor allem muss die Politik begreifen, dass der Kollaps der S-Bahn ans Mark des städtischen Lebens greift – und dass sie deshalb dringlich gehalten ist, alle Mittel in Bewegung zu setzen, um ihren offenbar beklagenswerten Zustand von Grund auf zu sanieren.

Was heißt: Auch die Politik muss sich verantwortlich fühlen für die ruinöse Verfassung, in die ein wichtiges Verkehrssystem dieser Stadt zum zweiten Male in kürzester Zeit geschlittert ist. Sie kann ein so wichtiges und offenbar kompliziertes Verkehrssystem nicht einfach an die Betriebswirtschaft abschieben, schon gar nicht die im Rambo-Stile Mehdorns, erst recht nicht, wenn sie dessen Probleme nicht Herr wird. Das Verkehrsmittel S-Bahn ist – gerade in einer Großstadt, gerade in Berlin – ein öffentliches, ein gemeinsames Gut.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben