Zeitung Heute : Das Schärfste, was es gibt

15 000 in der Kölnarena, Sprechchöre – Massen feiern das Buch auf der „lit.Cologne“, einer Mischung aus Cebit, Cannes und Karneval

Verena Mayer[Köln]

Um zur Lesung zu kommen, muss man erst einmal durch die Security. Männer mit gelben Jacken stehen am Eingang und mustern die Besucher. Wer Getränke in Flaschen dabei hat, muss sie draußen stehen lassen, große Taschen werden untersucht. Auf den Eintrittskarten ist der Block, in dem man sitzen wird, verzeichnet, und die Tribüne, Eingang Nord, Nordost oder Südwest etwa. Es gibt Popcorn- und Getränkebuden, Eisverkäufer laufen auf und ab. Es geht zu wie bei einer Großveranstaltung. Es ist auch eine Großveranstaltung, die hier stattfindet, es handelt sich nämlich um die Kölnarena. In der Kölnarena finden normalerweise Eishockeyspiele oder Volksmusik-Shows statt, Britney Spears war auch schon da. Montagabend ging es jedoch um Literatur. Besser gesagt um die deutsche Sprache und darum, wie man sie richtig verwendet.

Der Autor, der an diesem Abend aus seinen Werken vorträgt, ist Bastian Sick. Bastian Sick hat ursprünglich beim „Spiegel“ als Korrektor gearbeitet, und irgendwann hat er angefangen, auf „Spiegel Online“ eine Kolumne über lustige Grammatikfehler zu schreiben. In der Kolumne stellt Sick zum Beispiel fest, dass es nicht heißt, man gehe „nach“ Aldi, sondern „zu“ Aldi. Die Kolumnen sind später in einem Buch erschienen, das „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ heißt. Aus irgendeinem Grund hat sich dieses und ein zweites Kolumnenbuch in Deutschland zweieinhalb Millionen Mal verkauft und Bastian Sick ist ein Star.

Die Kölnarena ist ausverkauft. Von allen Seiten strömen die Massen in die Halle, 15 000 Leute sind es insgesamt, am Ticket-Schalter stehen sich diejenigen die Beine in den Bauch, die keine Karten mehr bekommen haben. Sehr viele Besucher der Lesung sind jung, Tausende Schüler sind gekommen, die Stimmung ist wie bei einem Popkonzert. Private Sponsoren haben viele Karten für Schulen gespendet. Noch bevor es losgeht, brandet in der Arena immer wieder Applaus auf, es wird gekreischt und gejohlt, dazwischen klingeln Handys.

Bastian Sick tritt im Rahmen der „lit.Cologne“ auf. Die „lit.Cologne“ ist das Kölner Literaturfestival, 131 Veranstaltungen sind angesetzt. Im vergangenen Jahr hat die „lit.Cologne“ 50 000 Besucher angezogen, in diesem werden es 70 000 gewesen sein. Die „lit.Cologne“ ist damit inzwischen das größte Literaturfestival Europas. Es ist noch immer im Wachsen begriffen, in diesem Jahr hat man es erstmals von fünf auf neun Tage ausgedehnt.

Gegründet haben es Werner Köhler und Rainer Osnowski. Werner Köhler ist ein breitschultriger Mann mit großen Händen und dröhnender Stimme. Er trägt eine schwarze Jacke und braune Raulederschuhe, von seiner Erscheinung her könnte er auch Handwerker oder Chef eines mittelständischen Unternehmens sein. Köhler verwendet Ausdrücke wie „Win-Win-Situation“, über Literatur sagt er, dass „Bücher immer das Schärfste sein werden, was es für mich gibt“. Er war lange Jahre Geschäftsführer einer Buchhandlung, dann kam der Tag, an dem er mit anderen in der Eisdiele saß und irgendjemand sagte, man müsse doch in Köln etwas mit Literatur machen. Etwas, das über klassische Lesungen oder Veranstaltungen in Literaturhäusern hinausgeht.

Seit 2001 gibt es nun das Literaturfestival in Köln. Das Konzept der „lit.Cologne“ lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Autoren, Inszenierungen, Attraktionen. Die Schriftsteller, die hier auftreten, haben einen Namen und oft Bestseller geschrieben, dieses Jahr sind es etwa Bret Easton Ellis, Magdalen Nabb, Urs Widmer, Zeruya Shalev, Bernhard Schlink, Daniel Kehlmann, Leon de Winter oder Frank Schätzing. Die Lesungen finden im Schauspielhaus statt, im Museum Ludwig, auf einem fahrenden Schiff oder auf dem Polizeipräsidium. Und dann gibt es Veranstaltungen wie: Der Bundesfinanzminister stellt seinen Lieblingsschriftsteller vor, den Krimiautor Robert Wilson. Oder etwas über Fußball oder eine Gala im WDR, bei der der Deutsche Hörbuchpreis verliehen wird. Oder Cordula Stratmann aus der Sat.1-Comedyserie „Schillerstraße“ tritt in einem Live-Hörspiel mit dem Titel „Das Kölner Wartezimmermassaker“ auf. Der Buchmesse in Leipzig wolle man keine Konkurrenz machen, auch wenn sich der Termin überschneidet. Eher profitiere man voneinander, von der Aufmerksamkeit, die die Literatur bekommt, und davon, dass manche Autoren im März ohnehin im Lande seien. Köhler sagt, er für seinen Teil wolle „dicke Bretter bohren“. Wenn man mit den beiden Gründern über Vorbilder für ihre Veranstaltung spricht, fallen irgendwann zwei Namen: die Cebit und Cannes.

Das Hyatt Regency ist das teuerste Hotel Kölns und liegt, angestrahlt von der Märzsonne, wie ein Fantasypalast am Ufer des Rheins. Hier wohnen nicht nur die Autoren, im holzgetäfelten Foyer mit seinen Springbrunnen hat sich das Organisationsteam der „lit.Cologne“ breit gemacht. Man will es bei der „lit.Cologne“ nicht billig haben. Für Interviews mit Autoren hat man eine Suite angemietet, so wie es auch Agenturen beim Start eines Blockbusters machen.

Im Restaurant des Hyatt sitzt Rainer Osnowski, der zweite Gründer der „lit.Cologne“, und isst ein Steak. Osnowski, Mitte vierzig, trägt einen beigen Anzug und ein rotes Shirt von Boss. Wenn er über das Literaturfestival redet, sagt er oft einen Namen und dann eine Zahl. Etwa „Elke Heidenreich, Lyrik, 600 Leute“, „Ellis, 900 Besucher, die meisten um die 20“ oder: „Bastian Sick, da hätten wir sicher noch 5000 Karten verkaufen können.“ Osnowski hat früher als freier Lektor Sachbücher für Kiepenheuer & Witsch lektoriert, dann war er lange Jahre in Brasilien und hat darüber fürs Fernsehen berichtet. Gemeinsam mit Köhler und einem Dritten betreibt er die LKO Verlagsgesellschaft, die für Verlage Bücher und Kalender produziert.

Osnowski säbelt an seinem Steak und spricht von „Glamourfaktor“. Zwei Tische weiter sitzt Otto Sander und nippt an einem Tee, einmal latscht Moritz von Uslar vorbei. Osnowski sagt, dass es bei der „lit.Cologne“ darum gehe, „der Literatur den roten Teppich auszubreiten“. Dazu gehöre, dass man die Autoren ordentlich bezahle und betreue, Fahrer, die sich mit Literatur auskennen, inbegriffen. Die „lit.Cologne“ finanziert sich über Eintrittsgelder und Sponsoren, die Kinderschiene „lit.kid.Cologne“ wird von einer Stiftung unterstützt. Für Literaturfestivals wie das in Berlin hat Osnowski nicht viel übrig: zu wenig Leute, zu viel Subventionen, zu konventionell aufgemacht.

Auch Bastian Sick tritt nicht einfach in einer Lesung auf, der Abend ist „lit.Cologne-like“, wie Köhler es gerne nennt. Die Veranstaltung in der Kölnarena läuft unter dem Titel „Die größte Deutschstunde der Welt“, und man will als solche ins Guinness-Buch der Rekorde kommen. Auf der Bühne stehen als Dekoration Pulte mit Schulranzen, zu Beginn läutet eine schrille Glocke. Dann tritt als Moderator Thomas Bug auf. Bug saß mal in der Jury von „Deutschland sucht den Superstar“, jetzt ruft er: „Wir wollen zeigen, dass Deutsch Spaß macht.“ Die Menge tobt, dann kommt Bastian Sick und liest jene Kolumne, in der Aldi eine wichtige Rolle spielt. Eine regionale Jungsband tritt auf und singt ein Lied, in dem es darum geht, dass das Wort Birne ein Stück Obst bezeichnen kann oder eine Glühbirne. Ein Schauspieler aus der „Lindenstraße“ parodiert einen Politiker, Wladimir Kaminer tritt auf und liest eine Geschichte darüber, wie in der Sowjetunion der Deutschunterricht war. Dann ist wieder Bastian Sick dran. Diesmal handelt die Kolumne davon, dass man zu Papa jetzt „Dad“ und zu Niveau „Level“ sagt.

Jürgen Rüttgers wird auf die Bühne gebeten und sagt ein paar launige Worte, dazwischen ruft der Moderator immer wieder Richtung Tribüne Nord, Nordost und Südwest: „Ihr seid Teil der größten Deutschstunde der Welt!“ Schließlich tritt noch die Kultusministerin von Nordrhein-Westfalen auf. Auch sie hat eine Nummer einstudiert, sie soll drei Lehrer prüfen, ob es etwa heißt: „Ich mag den Autor“ oder „Ich mag den Autoren“. Drei Lehrer gehen dazu nach oben, einer von ihnen hat etwas von Professor Unrat, heißt aber Herr Unsinn und grüßt seine Klasse, die 7c. Die 7c springt von den Sitzen auf, hält Transparente in die Höhe und erhebt ihre Stimmchen Minuten lang zu „Unsinn, Unsinn“-Sprechchören.

Doch auch die anderen Veranstaltungen der „lit.Cologne“ stoßen auf regen Zuspruch, selbst wenn Lyrik, das Stiefkind des Literaturbetriebs, Thema ist, kommen Hundertschaften. Die Literatur ist in diesen Märztagen Teil des Straßenlebens, überall sieht man Citylights, die für die „lit. Cologne“ werben, Leute ziehen von einem Veranstaltungsort zum nächsten. Helge Malchow, der Verleger von Kiepenheuer & Witsch sagt, dass der große Erfolg des Festivals wahrscheinlich auch mit Köln zu tun habe. Dass man sich in Köln einfach gerne aufmacht, um gemeinsam etwas zu erleben. Ein bisschen wie im Karneval.

Wie eine Karnevalssitzung geht auch die „Die größte Deutschstunde der Welt“ zu Ende. Der Moderator sagt, dass alle jetzt gemeinsam einen Satz sagen müssten, um einen „Lernerfolg“ zu beweisen. Der Satz lautet „Ich gehe zu Aldi“. Die 15 000 sagen ihn mehrere Male sehr laut, durchmischt von weiteren „Unsinn, Unsinn“-Sprechchören der 7c. Nach einem finalen Johlen und Klatschen beginnt sich der Saal zu leeren. Werner Köhler, der am Rand gestanden hat, haut den Beteiligten des Abends zur Gratulation auf die Schulter. Dann geht er zur nächsten Veranstaltung. Es gibt noch viele dicke Bretter zu bohren.

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