Zeitung Heute : „Das Schlimmste ist bereits überstanden“

Verbraucherschützer Scholl: Verträge nicht kündigen

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Herr Scholl, wie ernst ist die Lage bei den Lebensversicherungen wirklich?

Ich glaube, dass das Schlimmste vorüber ist. Die Börsen haben sich im Moment eher stabilisiert. Die Aktienkurse sind zwar noch auf einem niedrigen Niveau, aber die Lebensversicherer stehen nicht mehr unter einem so enormen Druck, ihre Aktien zu verkaufen, wie noch vor kurzem. Hinzu kommt, dass die Beitragseinnahmen trotz der Verunsicherung der Kunden steigen. Auch das wirkt stabilisierend. Wenn die Börsen nicht noch weiter deutlich nach unten gehen, ist ein langfristiger Gesundungsprozess in der Lebensversicherungsbranche möglich und auch wahrscheinlich. Außerdem haben die Versicherer ihre Aktienquote in den vergangenen Monaten deutlich heruntergefahren. Das heißt: Für die Zukunft nimmt die Gefahr, dass ein Lebensversicherer in die Knie geht, eher ab.

Woran kann der einzelne Kunden erkennen, wie es um seine Versicherung steht?

Wenn der Versicherer die Überschussbeteiligung praktisch auf Null herunterfährt, dann ist das ein Anzeichen für höchste Gefahr.

Die meisten Versicherer haben ihre Überschussbeteiligungen für dieses Jahr auf Werte zwischen vier und fünf Prozent gekürzt. Ist das schon alarmierend?

Nein. Die Unternehmen haben damit auf die Schwäche der Kapitalmärkte reagiert. Im Gegenteil: Gesellschaften, die jetzt noch für das laufende Jahr eine Überschussbeteiligung von sechs oder sieben Prozent versprechen, müssen zeigen, dass sie das wirklich können – indem sie entsprechende Kostengewinne an die Kunden weitergeben. Und in dem hohen Maße fallen solche Kostengewinne gar nicht an.

Hat die Aufsichtsbehörde BaFin, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, die Situation im Griff?

Die Intensität und Flexibilität der Aufsicht sind zweifelsohne besser geworden. Aber ich fürchte, dass die BaFin – obwohl sie über viele interne Daten aus den Unternehmen verfügt – den Gesellschaften nicht richtig in die Karten gucken kann. Es gibt durchaus Möglichkeiten, Aktiva hin und herzuschieben, so dass die Aufsichtsbehörde nicht unbedingt mitbekommt, wie groß die eigentliche Gefahr ist. Nehmen Sie den jüngsten Stresstest. Der sollte beurteilen, wie gefährdet die Unternehmen bei weiteren Kursverlusten sind. Aber der Test berücksichtigt nicht, ob sich die Versicherer gegen einen solchen Verlust abgesichert haben. Die genaue Struktur der Aktiva wird gar nicht deutlich.

Gefahren können nicht nur von Aktien, sondern auch von vermeintlich sicheren Rentenpapieren ausgehen.

Ja, es gibt Unternehmen, die so genannte Step-down-Anleihen in ihr Portfolio gelegt haben. Die Verzinsung dieser Papiere sinkt mit der Zeit. Aber bei den Kunden wird der Eindruck erweckt, dass die Zinshöhe konstant ist, und der Zinssatz wird für die Zukunft weiter versprochen. Dahinter steckt die Überlegung, den sinkenden Zins mit Gewinnen am Aktienmarkt abfangen zu können. Aber wenn die Börsen nicht steigen, geht die Rechnung nicht auf.

Falls ein Lebensversicherer in die Knie gehen sollte, springt – als letzte Rettung – die von der Versicherungsbranche gegründete Auffanggesellschaft Protektor ein. Wie sicher ist diese Lösung?

Protekor hat ein Haftungskapital von fünf Milliarden Euro. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass das Neugeschäft der Lebensversicherungen bei über 80 Milliarden Euro liegt. Protektor würde es zwar locker verkraften, wenn ein kleiner Lebensversicherer aufgeben müsste. Aber sollte einem großen Versicherer die Puste ausgehen, sieht die Sache anders aus. Allerdings gibt es eine Reihe anderer Rettungsmöglichkeiten, bevor Protektor an der Reihe ist. In den meisten Fällen dürften Not leidende kleine Firmen von größeren Unternehmen übernommen werden. Zudem hat die Aufsichtsbehörde zahlreiche Möglichkeiten einzugreifen. Sie darf sogar bestehende Forderungen der Versicherungsnehmer herunter setzen. Den Super-Gau wird es wahrscheinlich nicht geben.

Was sollen Kunden tun, die bereits eine Lebensversicherung haben?

Die Kunden sollten bei dem Versicherer bleiben und den Vertrag aufrecht erhalten. Das Schlimmste und Allerdümmste wäre, den Vertrag zu kündigen. Das liegt an den niedrigen Rückkaufwerten in den Anfangsjahren und daran, dass ein Teil der Überschussbeteiligung als Schlussgewinnanteil gezahlt wird. Beim vorzeitigen Rückkauf fällt dieser Schlussgewinnanteil weg oder wird eingeschränkt. Hinzu kommt: Wenn viele Kunden ausscheiden, gehen Beitragseinnahmen verloren, die jetzt noch kleinere Kursverluste abfangen. Wenn das nicht mehr geht, kann es wirklich kritisch werden.

Das Interview führte Heike Jahberg.

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