Zeitung Heute : "Das schlüssigste Konzept siegte"

In dieser Woche ist die Entscheidung über die

Holger Lippmann, Chef des Berliner Liegenschaftsfonds, über die Kriterien, nach denen die Anfang des Jahres eingerichtete Gesellschaft landeseigene Grundstücke vergeben will. In dieser Woche vergab der Fonds das Baugrundstück Friedrichstraße 100 an die Gesellschaft CTI. Insgesamt 3000 Grundstücke soll der Fonds verkaufen.

In dieser Woche ist die Entscheidung über die begehrte Friedrichstraße 100 gefallen. Wer bekommt das Filetgrundstück?

Wir haben den Investor ausgewählt, der das schlüssigste Nutzungskonzept und einen der höchsten Kaufpreise geboten hat, die Capital Treuhand AG.

Wodurch überzeugte das Konzept?

Der Investor wird auf 20 Prozent der Fläche in seinem Neubau Wohnungen einrichten. Außerdem sollen Büros und ein Hotel entstehen. Besonders überzeugend erschien der Jury der Vorschlag, eine Tiefgarage zu errichten, die 50 bis 100 Reisebusse aufnehmen kann. Das fand vor allem bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung großen Zuspruch. Denn die Friedrichstraße, nahe Unter den Linden, ist Ziel zahlreicher Reiseveranstalter. Wenn deren Busse in einer Tiefgarage verschwinden, entlastet das die Innenstadt. Das Konzept muss aber noch auf seine Plausibilität hin weiterentwickelt werden. Die Zahl der Parkplätze ist nicht genau bestimmt, und es besteht die Gefahr, dass Busse mit laufenden Motoren vor der Tiefgarageneinfahrt Schlange stehen. Das würde dem Konzept zuwiderlaufen.

Im Vorfeld dieser Entscheidung gerieten Sie in die Kritik, weil die Frist für die Abgabe von Angeboten kurz war. Man vermutete die Bevorzugung eines Optionsbesitzers...

Das war unbegründet. Die Hanseatica HPE hatte eine Option auf das Grundstück, doch diese war abgelaufen. Deshalb haben wir das Grundstück ausgeschrieben und Bewerbern eine angemessene Frist von vierzig Tagen eingeräumt. In dieser Zeit gelang es mehreren Projektentwicklern, schlüssige und detaillierte Nutzungskonzepte vorzulegen. Diese wurden präsentiert und von den zuständigen Senatsverwaltungen für Wirtschaft, Stadtentwicklung, Finanzen und vom Bezirksamt Mitte beurteilt.

In der Branche munkelte man auch, dass Grundstücksoptionen nach undurchsichtigen Kriterien vergeben wurden. Wie viele Optionen gibt es?

Der Liegenschaftsfonds, der Anfang des Jahres seine Arbeit aufnahm, übernahm die zum Verkauf vorbereiteten Grundstücke von Bezirken und Senat. An die Erklärungen, die die Verwaltungen seinerzeit an Investoren gaben, sind wir gebunden. Dazu zählen auch einige wenige Optionen. Der Fonds selbst wird Optionen künftig nur vergeben, wenn ein Grundstück noch nicht entwickelt ist, also kein Baurecht herrscht. Wir werden Optionen öffentlich ausschreiben, und wer am meisten bietet, erhält die Option.

Die Hanseatica erklärt, sie habe die Optionen auf die Grundstücke Friedrichstraße 100 sowie Planckstraße erhalten, weil der Senat sie auf Planungskosten im selben Quartier sitzen ließ. Werden Sie auch solche Kompensationsgeschäfte schließen?

Wenn Investoren in Vorleistungen gehen, müssen sie dies auf eigenes Risiko tun. Eine Kompensation sollte ausgeschlossen sein.

Wie werden Sie im Fall des Grundstücks Karlsbad weiter verfahren?

Hierbei handelt es sich um ein Geschäft, das der Senat für Finanzen noch zum Abschluss brachte. Der Liegenschaftsfonds ist darin nicht involviert.

Ein weiteres Filetgrundstück, das der Hanseatica zufiel, ist Friedrichswerder. Wie geht es hier weiter?

Dafür erhielt die Hanseatica vor einem Jahr den Zuschlag. Der Liegenschaftsfonds wird so bald wie möglich die Verhandlungen über den Grundstücksverkauf aufnehmen. Wir wollen Ende des ersten Quartals 2002 die Verträge abschließen.

Böse Zungen behaupteten, dass das Land auf Millionen verzichtete, weil es nicht das höchste Gebot annahm. Öffnet eine Entscheidung zugungsten einer städtebaulichen Form, wie es so schön heißt, willkürlichen Jury-Entscheidungen zugunsten bestimmter Investoren oder Architekten Tür und Tor?

Über das Grundstück hat eine hochkarätig besetzte Jury entschieden und sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Es war für alle Mitglieder klar, dass nicht allein der Städtebau überzeugen durfte, sondern natürlich auch ein angemessenes Kaufpreisgebot vorgelegt werden musste. Beides kam im Angebot der Hanseatica am besten zusammen. Deshalb entschied die Jury hier zugunsten dieses Unternehmens.

Mit wie vielen Millionen werden Sie in den kommenden Jahren durch Grundstücksverkäufe den Haushalt entlasten?

Im ersten Geschäftsjahr möchten wir Kaufverträge im Umfang von 400 bis 500 Millionen Mark abschließen. Dies bedeutet nicht, dass solche Beträge dem Landeshaushalt 2001 zufließen. Denn die Fälligkeit der Kaufpreise kann etwa durch den Eintrag des Eigentümers ins Grundbuch in der Zukunft liegen. Parallel zu den ersten Verkäufen analysieren wir die 3000 in den Fonds eingebrachten Grundstücke. Davon und von der mit dem Land Berlin und dem Aufsichtsrat noch abzustimmenden Vermarktungsstrategie werden die weiteren Erlöserwartungen abhängen.

Ausländische Investoren behaupten, der Berliner Bausumpf sei kaum zu überwinden. Fürchten Sie nicht auch, dass Sie mit Ihrem Schatz an Filetgrundstücken in dem Strudel künftiger Affären versinken?

Nein, das befürchte ich nicht, denn der Liegenschaftsfonds stellt von Anfang an ganz offensiv auf Transparenz ab, sowohl bei den Verfahren als auch bei den Angeboten. Und Transparenz ist das beste Gegenmittel gegen solche Vorbehalte.

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