Zeitung Heute : Das schönste Geschenk für Egon Bahr

Der Tagesspiegel

Von Barbara Junge

Irgendwann überwältigt auch den verschmitzten kleinen Mann die Rührung. Als Egon Bahr im Festssaal des Roten Rathauses die große rote Mappe mit der Ehrenbürgerurkunde Berlins von Parlamentspräsident Walter Momper in Empfang nimmt, fehlen ihm die Worte. Still nimmt er die Mappe und geht die wenigen Schritte zu seinem Platz zurück.

Seine Dankesworte richtet Bahr, der an diesem Montag 80 Jahre alt wird, erst eine halbe Stunde später an seine Gratulanten. „Wenn es eine Steigerung des Wortes Danke gäbe“, sagt er ihnen, „hätte ich sie heute verwendet.“ Berlin - das sei seine Stadt. Nicht weil er sie im zarten Alter von sechs Monaten zum ersten Mal erblickt habe, nicht wegen der späteren Fahrten mit dem 5er Bus von Friedenau zur Friedrichstraße. Nicht wegen der ersten Zigarette und nicht wegen des ersten Kusses. Das Besondere, das den Journalisten und Politiker Egon Bahr „in dieser Stadt in die Pflicht nahm“, ist sich der Jubilar sicher, „war Willy Brandt“. Und der gemeinsame Kampf für Berlin.

Der große alte Sozialdemokrat Egon Bahr wird stolze 80 Jahre an diesem Tag. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit verleiht ihm im Festsaal des Roten Rathauses die Ehrenbürgerwürde der Stadt Berlin. Der ehemalige Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin, Hans Otto Bräutigam, würdigt Bahrs Lebenswerk als Vordenker und Architekt der Ostverträge. Alte Freunde und Weggefährten sind gekommen, ihm ihre Achtung zu bezeugen; und ihn in den Arm zu nehmen. Rührung steht den Gratulanten im Gesicht - und doch bestimmt am Montag beschwingte Frühlingslaune die Feier des nun 80-Jährigen. Die Sonne durchflutet den Saal, Frühlingsblumen, orange getönte Rosen und gelbe Gerbera, schmücken die Vasen und zarte Klarinettentöne aus Mozarts Divertimento Nr.4 erfüllen den Raum. Wäre dies alles nicht so, wäre der Jubilar nicht Egon Bahr, der hoffnungsfrohe Berliner.

Für Egon Bahr ist es kein formaler Akt, zum Ehrenbürger ernannt zu werden. Als ihm der Protokollchef persönlich die Nachricht überbracht habe, sei er einen Augenblick sprachlos gewesen, gesteht er den Gästen. „Und dann hat sich ein überwältigendes Gefühl der Wärme und tiefer Freude eingestellt.“ An diesem Tag nimmt er die Urkunde und gibt herzliche Worte zurück: „Ein größeres und schöneres Geschenk konnte ich an diesem Tag nicht erhalten.“

Als einen Berliner würdigen den in Thüringen geborenen und in Berlin aufgewachsenen auch seine Gratulanten. „Wir verneigen uns vor einem Berliner mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand“, gratuliert Wowereit dem Parteifreund. Und Bräutigam nennt den Festakt einen Anlass, „an die historische Leistung Egon Bahrs für seine Heimatstadt zu erinnern“. Bahr indes lässt an diesem Tag, als sich die Blicke in die Vergangenheit richten, das heutige Berlin nicht zu kurz kommen. Schon als er die Verträge mit Ostberlin ausgehandelt habe, erzählt er, sei er Unter den Linden geschlendert und habe befunden, eine richtige Hauptstadt stünde der Bundesrepublik gut zu Gesicht. „Und nun haben wir sie“, grinst der Jubilar, „mit allen Problemen“. Angesichts der Sparklausur hätten die (anwesenden) Senatsmitglieder eigentlich gar nicht zur Gratulation erscheinen können, meint er. Doch Bahr bleibt Bahr. Der Senat, so meint er, sei eigentlich zu beneiden, dass er in dieser Situation regieren dürfe. „Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen“, ob „die Jungs und auch die Mädchen“ es schaffen, die Probleme zu bewältigen. Lohnen würde es sich allemal. „Ich habe nicht den geringsten Zweifel: sie wird durch die Schwierigkeiten hindurchwachsen zu einer größeren, attraktiveren europäischen Metropole“. Der Senat – das ist sein Rat – dürfe sich nur „um alles in der Welt von keinem Protest davon abbringen lassen zu tun, was notwendig ist“. Und den Berlinern rät der Ehrenbürger, dabei „die gute Laune zu behalten, trotz des bekannten Meckerns“.

Bahr hielt sich am Montag an den eigenen Rat und behielt gute Laune trotz eines kleinen Missklangs. Etliche Stühle im Saal waren leer geblieben, weil die CDU-Fraktion sich nicht dazu durchringen hatte können, der Ehrung Bahrs zuzustimmen. Die Ehre der CDU retteten als Gratulanten der ehemalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen und Ex-Senator Elmar Pieroth.

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