Zeitung Heute : Das Schwangerschaftsvitamin

DR. WEWETZER

Hartmut Wewetzer

DR. WEWETZER

In meiner letzten Kolumne „Spinat für alle!“ habe ich über Folsäure geschrieben. In den USA setzt man diese Substanz aus der Gruppe der B-Vitamine seit einigen Jahren dem Mehl zu. Ergebnis: Tausende weniger Todesfälle durch Herzinfarkt und Schlaganfall. Das jedenfalls vermuten amerikanische Forscher in einer beeindruckenden Studie, über die ich in der Kolumne berichtete.

Doch ist Folsäure nicht nur gut für die Gefäße, sonder gilt auch als „Schwangerschaftsvitamin“. Denn es senkt das Risiko für Fehlbildungen beim Ungeborenen, vor allem für den „offenen Rücken“ (Spina bifida). Aber mit dem ganz unschuldigen Hinweis darauf, dass Spinat viel von der gesunden Folsäure enthält, habe ich mir leider Ärger eingehandelt. Der Vorwurf einer Frauenärztin: Sie wiegen mit Ihrem Bericht die Frauen in falsche Sicherheit!

Zugegeben – so ganz weit hergeholt ist diese Befürchtung nicht. Denn Folsäure ist empfindlich gegen Hitze. Und Spinat kann man nun einmal nicht so gut roh genießen, genauso wenig wie manches andere folsäurehaltiges Gemüse, etwa Broccoli oder Spargel. Es geht also beim Kochen einiges von der Folsäure verloren.

Viel bedeutsamer ist allerdings ein anderer Sachverhalt: Frauen, die schwanger werden wollen oder es schon sind, brauchen ohnehin mehr Folsäure als sie mit der Nahrung üblicherweise aufnehmen können. Sie benötigen zusätzlich ein Folsäure-Präparat. Jedenfalls bei uns, im Land des folsäurefreien Mehls. Empfohlen wird eine zusätzliche tägliche Dosis von 400 Mikrogramm Folsäure. Insgesamt sollte eine Frau auf 600 Mikrogramm kommen.

Warum ist es wichtig, dass Frauen Folsäure schon einnehmen, wenn sie möglicherweise noch nicht schwanger sind? Der Grund liegt darin, dass Behinderungen wie der „offene Rücken“ bereits in den ersten vier Schwangerschaftswochen beim Ungeborenen entstehen. Das ist die Zeit, in der Gehirn und Rückenmark sich ausbilden und der Rückenmarkskanal sich schließen muss. Eine Wachstumsstörung am Rückenmarkskanal führt zur Spina bifida und ähnlichen Fehlbildungen. Aber in diesen ersten Wochen der Schwangerschaft, in denen schon so viel Entscheidendes bei der Organentwicklung geschieht, wissen die Frauen noch gar nichts von ihrem Schwangerschafts-Glück. Deshalb sollten sie vorbeugen – nicht nur mit Spinat!

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!