Das schwarze Hamburg : Salon Afrika - Mehr als ein Friseur

Haare, lang und glänzend wie Beyoncé? Kein Problem. Und wenn dazu der Reis anbrennt und die Trockenhauben dröhnen, fühlen sich Martha Bekoe und ihre Kunden richtig wohl.

Dialika Krahe

Jeden Morgen, kurz bevor die ersten Kunden kommen, bevor das Geschrei anfängt, das Gelächter, die Musik, jeden Morgen, wenn sie die Tür zu ihrem Afro-Friseursalon am Hamburger ZOB (dem Zentralen Omnibusbahnhof) aufschließt, beginnt Martha Bekoe erst einmal zu beten.

Sie sitzt auf einem Korbstuhl am Fenster und schließt die Augen. Die Morgensonne scheint herein, die Perückenköpfe in der Auslage werfen Schatten auf die weißen Bodenkacheln, sie haben glatte, lange Haare – der Traum vieler schwarzer Frauen. Martha Bekoe, 54, aus Ghana kann ihn erfüllen. Nach dem Gebet.

„Ich bitte den Lord“, sagt Martha Bekoe, „ich bitte den Lord, dass heute viele Menschen kommen, damit wir ihnen die Haare machen.“ Sie betet, dass die Kunden Zöpfe wollen, sich Locken glätten und die Bärte rasieren lassen. Vor allem aber betet sie, dass sie die Ruhe bewahrt, wenn es mal wieder zu voll wird zwischen den Trockenhauben, den Waschbecken und dem Perückenregal. Wenn die Kinder zwischen ihren Beinen hindurchrennen, die Musik aus den Boxen dröhnt, der Reis anbrennt, und die Männer lauthals über ihre Sportwetten diskutieren.

Wenn es so ist wie an jedem Tag im Black-Hair-Saloon am ZOB. Hektisch, laut und ein bisschen wie zu Hause.

Martha Bekoes Friseursalon liegt im Zentrum Hamburgs, in der Nähe vom Hauptbahnhof, ein kleines Geschäft, vollgestopft mit bunten Tiegeln und Dosen voller Haarpflegeprodukte; mit Perücken, Stoffen und Stöckelschuhen. Hier treffen sich schwarze Menschen aller Nationalitäten, Deutsche, Ghanaer, Kubaner, Senegalesen. Menschen aus Kamerun, den USA, Lateinamerika – Hamburg hat neben Berlin eine der größten schwarzen Communities in Deutschland. „Egal woher wir kommen“, sagt Marthas Mann, Freddy-Jones Bekoe, „mindestens eins haben wir gemeinsam: das gelockte Haar.“

Für viele Menschen ist der Laden ein Stück Heimat in Deutschland. Hier finden sie Produkte, die es in deutschen Geschäften nicht zu kaufen gibt, speziell für schwarze Haut, speziell für schwarze Haare – Sheah-Butter, dunkles Make-up und Puder, Kunsthaar, Echthaar, Chemiepaste zum Haareglätten. Sogar Kochzutaten werden verkauft, spezielle Brühwürfel, typisch für die senegalesische Küche, der Maisbrei von Nestlé, den man in Ghana so gern isst, Chili-Sauce und Corned Beef, wie es sie so im deutschen Supermarkt nicht gibt.

Friseursalons gelten seit jeher als idealer Umschlagplatz für Klatsch und Tratsch. Ein eigener Kosmos, in dem das Haareschneiden oft nur als Vorwand dient, ein bisschen zu tratschen. Im „Black-Hair-Saloon am ZOB“ ist das nicht anders: Die Kunden nennen sich gegenseitig „Brother“ und „Sister“. Sie unterhalten sich über Politik in afrikanischen Ländern, über Obama, das Leben in Deutschland. „Der Salon ist mehr als nur Friseur“, sagt Freddy-Jones Bekoe, „man trifft jeden und bekommt alles.“

Ein bisschen, sagt der 54-Jährige, sei das schwarze Hamburg wie ein Dorf und sein Laden wie die Kneipe.

Zehn Uhr, die erste Kundin. Die junge Frau wünscht sich Haare wie Sängerin Beyoncé, lang und glatt und glänzend, im Moment kräuseln sie sich gerade mal bis zu den Ohren. „Sister“, sagt sie, „ich will die Haare bis zum Po.“ Martha hat jetzt ihren Kittel angezogen, weiß, mit hellblauen Längsstreifen. Sie greift sich eine der Kunsthaar-Packungen, die an einem vollgestopften Ständer hängen. Die Modelle heißen „Dalina“ oder „Elisa“ und fühlen sich so künstlich an, als gehörten sie auf den Kopf einer Barbie. Martha hält die Haare erst ins Licht der Leuchtstoffröhre und dann gegen den Kopf ihrer Kundin. „Colour ist gut“, sagt sie, die Farbe passt. Innerhalb von zweieinhalb Stunden wird der Kundin eine Diven-Mähne wachsen.

Jetzt, gegen Mittag, öffnet sich die Tür im Minutentakt. Eine Frau will nur Haare waschen, ein Junge seine alten Rastazöpfe aufflechten lassen, eine Dame will ihre Locken glätten. „Welche Cream?“, fragt Martha, „Dark and Lovely“, antwortet die Kundin. „Ich finde Frauen mit glatten Haaren auch schöner“, sagt Freddy-Jones, „dein Hemd bügelst du ja schließlich auch.“

30 Euro kostet das Glätten. Immer mehr Locken fallen auf den Boden, manche sind echt, manche aus Plastik. Kinderwagen werden reingeschoben, ein Junge mit Gangstarap-Frisur und Glitzerstein im Ohr verteilt Flyer für eine Party. Drei Frauen mit Blumenkleidern kommen einfach nur zum Tratschen.

„Viele wollen gar nichts kaufen oder die Haare machen, die wollen sich nur ein bisschen unterhalten“, sagt Freddy-Jones Bekoe. Er ist ein kompakter Mann mit jungenhaftem Lachen, steht hinter seinem Tresen, die Arme verschränkt, Kunden wie Angestellte nennen ihn „Chef“. Als er selber Ende der 70er nach Deutschland kam, hatte er „nichts außer ein paar Freunden“. Auch wenn er am Anfang gelebt habe wie im Ghetto, zu sechst in einer Dreizimmerwohnung, ohne Arbeit, ohne ordentliche Papiere – auf die Hilfe der Community habe er sich verlassen können, hatte ein Bett, etwas zu essen und bald den ersten Job.

Und genauso sei es doch heute in seinem Laden. „Wir Ghanaer“, sagt er, „wir sind wie eine Familie zueinander.“ Man brauche sich schließlich, die gemeinsame Kultur, das Essen. Es gibt kaum afrikanische Restaurants oder Kneipen in Deutschland. Da nutzen viele den Friseur als Ersatz.

Vor zehn Jahren haben Martha und Freddy-Jones Bekoe den Laden übernommen – der alte Besitzer wollte zurück nach Ghana. Auch Freddy-Jones hatte diesen Traum: Möglichst schnell, möglichst viel Geld verdienen und dann zurück nach Hause. In das kleine ghanaische Dorf, in dem er zur Schule ging, zusammen mit seinem Cousin in einem Lebensmittelladen arbeitete, wo er Freunde hatte und Familie. Doch daraus wurde so schnell nichts. „Meine drei Kinder sind Deutsche geworden“, sagt er, sie gehen zur Schule, studieren, arbeiten hier. „Da kann ich nicht so einfach gehen.“

Am Nachmittag ist der Laden voll, Martha stöhnt. „Immer so viel los“, sagt sie und macht den CD-Player an. Ghanaischer Gospel, „Warm-up“ nennt sie das. Die Friseurinnen wiegen ihre Hüften im Takt, während sie mit Gummihandschuhen rosa Chemiepaste in die Locken ihrer Kunden schmieren. Eine der Friseurinnen singt laut mit, eine Kundin stimmt ein: „Oh Lord“, ihr Mann lacht und klatscht dazu in die Hände.

Martha verdrückt sich ins Hinterzimmer und schmiert sich ein Brot mit Wurst und Käse. Manchmal kocht sie auch, dann riecht es im Laden nach Reis und Sauce. „Das ganze Leben findet hier im Laden statt.“ Freddy-Jones Bekoe verschwindet kurz im Geschäft nebenan: wie jeden Tag Sportwette, 1. Bundesliga, Kreuz machen bei Bayern gegen HSV. So habe er schon mal ein paar hundert Euro gewonnen, sagt er jetzt. „Wenn es ein paar Tausend sind, dann geht es, wenn die Kinder alt genug sind, ab nach Hause.“

Später, am Abend, wird es endlich ruhiger im „Saloon am ZOB“. Grobe Borsten fahren nun über die Bodenkacheln und kehren die abgeschnittenen Haare zu kleinen schwarzen Häufchen zusammen. Vorne an den Eingang hat jemand einen Stapel Einladungen gelegt, für eine Ostafrika-Party mit dem Motto „Obama, Yes We Can“. Auch ein neues Poster hängt jetzt neben der Tür: „Final Funeral Rites“ steht da, neben dem Foto eines alten Mannes aus Ghana – eine Ankündigung zu seiner Trauerfeier.

Es ist endlich Feierabend im Friseur am ZOB, nach und nach geht jeder wieder seiner Wege: mit einer neuen Frisur auf dem Kopf, mit ein paar Brühwürfeln in der Plastiktüte. Manch einer nimmt vielleicht sogar ein Gefühl von Heimat mit nach Hause. Martha und Freddy-Jones Bekoe drehen die Musik leise, rücken die Dosen in den Regalen gerade, zählen ihre Einnahmen. Und wie jeden Abend, danken sie dem „Lord“ für einen arbeitsreichen Tag – und für die Locken und das Heimweh ihrer Kunden.

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