Zeitung Heute : Das schwarze Loch im Kleid

Mode aus den Niederlanden ist oft überraschend.

Die Braut trägt Silber. „Caroline“ von Viktor & Rolf, Herbst/Winter 2006-2007, in Oranienbaum. Fotos: Rolf Brockschmidt
Die Braut trägt Silber. „Caroline“ von Viktor & Rolf, Herbst/Winter 2006-2007, in Oranienbaum. Fotos: Rolf Brockschmidt

Sie gelten als Gilbert & George der Mode. Das Duo Viktor & Rolf tritt gern als Zwillingspaar auf und hält es schon seit mehr als zwanzig Jahren miteinander aus. Viktor Horsting und Rolf Snoeren sind die berühmtesten Designer der Niederlande. Mit ihren immer wieder unerhört aufwendigen, spektakulären Modenschauen gehören sie in Paris spätestens seit ihrer „Babuschka“-Kollektion zum harten Kern der Modeszene.

Im Jahr 1999 betrat das Model Maggie Rizer eine Plattform, nur bekleidet mit einer Nesselkorsage, die an den Korpus einer Schneiderpuppe erinnerte. Die Designer zogen ihr nach und nach neun Kleiderschichten übereinander, die mehr als 70 Kilo wogen – damit war ihr Ausnahmestatus als Künstler festgestellt.

Mit ihrer Haltung, in Paris Außenseiter zu sein, sind Viktor & Rolf typisch für ihr Heimatland. Da geht es schon historisch oft um Abgrenzung. Im 16. Jahrhundert war unter spanischer Herrschaft die spanische Hofmode mit ihren versteiften Oberteilen und wagenradgroßen Kragen vorherrschend. Nach den Unabhängigkeitskriegen blieben die Niederländer der spanischen Tradition von Schwarz und Weiß verhaftet und übernahmen sie in ihre pragmatisch ausgerichtete Alltagsmode. Während in anderen Ländern extravagantere, reich dekorierte und farbige Kleidung vorherrschte.

Viele Entwürfe von Viktor Horsting und Rolf Snoeren, die sich während ihres Studiums in Arnheim kennenlernten, wirken so, als wenn sie sich damit von der calvinistischen Konformität ihres Landes absetzen wollen. Zum Beispiel mit dem Kleid aus der Kettensägenmassaker-Kollektion: In einen Rock aus steifem Tüll sind kreisrunde Löcher geschnitten, durch die man auf die Beine der Trägerin schauen kann.

Auch Iris van Herpen fühlte sich während ihres Studiums in Arnheim nicht wirklich verstanden. Inzwischen ist sie eines der jüngsten Mitglieder der Haute Couture in Paris. Ein wenig kann man bei ihren Entwürfen an eine sehr futuristische Version der höfischen Mode denken. Die Proportionen von Iris van Herpens Kleidern sind nicht dem Körper angepasst, sie verformen und erweitern ihn auf bizarre Weise. Ein Kleid sieht aus wie ein Käfig aus versteiftem Leder, ein anderes scheint aus vielen Halskrausen zusammengesetzt zu sein. Iris van Herpen verwendet 3-D-Fräsungen, die aus der Medizin kommen. Indem sie die neueste Computertechnik benutzt, überträgt sie die handwerkliche Kunst des Barock ins 21. Jahrhundert.

Auch weil die Niederlande klein sind, holen sich die Designer ihre Inspirationen von überall her. Das Ergebnis ist oft überraschend. Wie bei der Viktor-&-Rolf-Kollektion „Schwarzes Loch“. Nicht nur die Kleider waren komplett schwarz, auch die Models hatten die Designer von Kopf bis Fuß schwarz angemalt. Sie kommentierten ihre Arbeit danach so: „Wir glauben an die Kraft, dass man alles in etwas Schönes verwandeln kann.“ Grit Thönnissen

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