Zeitung Heute : Das Schweigen brechen

Kurz nach dem Tsunami brauchte Südindien Notunterkünfte und Lebensmittel - jetzt geht es darum, Traumata zu bewältigen

Carolin Jenkner

Manche Wunden heilen langsam, vor allem die, die nach einer Katastrophe zurückbleiben. Drei Monate lang hat der kleine Arunrat nicht gesprochen, sich in sein Innerstes zurückgezogen. Bei jedem kleinen Geräusch schreckt er auf. Seit sein Dorf Rajeevpuram von den Flutwellen des Tsunamis heimgesucht wurde, scheint er das Vertrauen in die Welt verloren zu haben.

Aber er ist dabei, wenn das Team zur psychosozialen Betreuung der indischen Hilfsorganisation „Psycho Trust“ nach Rajeevpuram kommt. Dann singt er mit den anderen Kindern, und sie ziehen wie eine Karawane durchs Dorf. Momente, die den Schrecken der Flut für ein paar Augenblicke ausblenden und helfen, sie zu überwinden – ganz langsam.

Arunrat lebt in einem Dalit-Dorf. Dalits gehören im Hindu-System der Kaste der Unberührbaren an und sind am unteren Ende der Gesellschaft angesiedelt. Die meisten Hilfsorganisationen haben sich nach dem Tsunami auf die Fischergemeinden entlang der Strände konzentriert. Den Dalit-Gemeinden wurde nur wenig geholfen. Die Organisation „Pycho Trust“ hat deshalb Lebensmittel in diesen Dörfern verteilt, hilft Frauen, eine Existenz aufzubauen und den Kindern, die Schrecken der Ereignisse zu bewältigen.

Der Tsnuami ist jetzt gut zwei Jahre her, aus der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist er fast verschwunden. In den indischen Provinzen Tamil Nadu, Andra Pradesh und Kerala haben die Menschen aber immer noch mit den Folgen zu kämpfen. Wie „Psycho Trust“ in Arunrats Dorf helfen die indischen Partnerorganisationen von terre des hommes in vielen Teilen des Katastrophengebietes den Menschen, ihre Traumata zu bewältigen und eine neue Existenz aufzubauen.

Direkt nach dem Tsunami, am 26. Dezember 2004, nahm das terre des hommes-Büro Indien Kontakt mit der Zentrale in Osnabrück auf. Ein Krisenstab wurde einberufen – es ging um schnelle Hilfe. Mit den Partnerorganisationen in Indien arbeitet terre des hommes seit Jahrzehnten zusammen, das Netzwerk funktioniert, so konnte man innerhalb von Stunden reagieren. In Tamil Nadu errichteten die Partnerorganisationen 34 Camps, in denen rund 30 000 Menschen mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt wurden. Eine Hilfe, die vor allem durch die große Spendenbereitschaft in Deutschland ermöglicht wurde: 12,6 Millionen Euro erhielt terre des hommes für die Tsunami-Hilfe. Wolf-Christian Ramm, Pressesprecher von terre des hommes spricht von einer „unglaublichen Spendenbereitschaft“.

Die Hilfsprogramme für die Opfer in Indien, Indonesien und Thailand sind für drei Jahre angelegt. Nach der Soforthilfe geht es nun darum, für die Menschen, die alles verloren haben, eine neue Lebensgrundlage zu schaffen. Statt in provisorischen Hütten sollen die Menschen in stabilen Häusern unterkommen. In der Region Nagapattinam ließ eine Partnerorganisation 800 Fischerboote reparieren. So wurden 1600 Familien wieder in die Lage versetzt, zu arbeiten und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In einigen Regionen ist der Boden so versalzen, dass Landwirtschaft kaum möglich ist. Er wird nun wieder fruchtbar gemacht.

In neun Dörfern des Katastrophengebietes hat die Organisation „Psycho Trust“ Kinderzentren eingerichtet, um Arunrat und seinen Altersgenossen zu helfen. Allein in seinem Dorf besucht eine Mitarbeiterin jede Woche 37 Kinder, auch Arunrat selbst. Anfangs war es schwierig mit ihm, aber nach drei Monaten sang er auf einmal das Lied über den Schmetterling mit – und fing wieder an zu sprechen.

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