Zeitung Heute : Das Schweigen nach dem Sturm

„War der Tod jeder zehnten Geisel vertretbar?“, fragt eine Zeitung. Aber sie ist mit ihren Zweifeln in Moskau die große Ausnahme. Die meisten fühlten sich am Tag danach wie erlöst. Und die Befreiten berichten, wie grausam die langen Tage der Gefangenschaft waren.

Alexej Dubatow[Moskau]

Von Alexej Dubatow,

Moskau

Die Fenster des Moskauer Musicaltheaters sind mit Sperrholzplatten vernagelt. In der himmelblauen Leinwand mit der Aufschrift „Nord-Ost“ über dem Eingang gähnt ein großes Loch. Immer wieder kommen Menschen, um Blumen auf dem Rasen davor niederzulegen. Aber sie müssen in gebührendem Abstand bleiben, der Platz rund um das Theater ist abgesperrt. Schneeregen rieselt vom tristen Himmel auf rote Nelken, weiße Chrysanthemen und auf brennende Kerzen.

In der nächsten Querstraße drängen sich Angehörige der Geiseln vor dem Tor des 13. städtischen Krankenhauses. Die meisten der „gut 750 Geretteten“ – so die offizielle Formulierung – wurden nach der Stürmung des Theaters hier eingeliefert. Der graue Plattenbau ist nicht gerade das beste der Moskauer Krankenhäuser, aber es liegt eben ganz in der Nähe. Uniformierte mit Maschinenpistolen sind vor dem Tor postiert. Niemand darf in das Krankenhaus hinein. Die Menschen üben sich in Geduld, versuchen, mit Rufen und Winken in Kontakt zu ihren Angehörigen zu treten. Manche bringen Tüten voller Lebensmittel, die sie am Tor abgeben.

Je länger die Menschen vor dem Krankenhaus ausharren, umso mehr regt sich dann doch Unmut. „Die befreiten Geiseln stehen praktisch erneut unter Arrest“, kommentiert der Radiosender „Echo Moskwy“. Erst am späten Nachmittag werden die ersten Angehörigen ins Krankenhaus eingelassen. Ein Grund für die lange Kontaktsperre könnte gewesen sein, dass die russischen Sicherheitsbehörden unter den Patienten noch versteckte Geiseln vermuteten. Einen anderen nannte die Staatsanwaltschaft. Sie erklärte, die Geiseln hätten noch befragt werden müssen, ehe Besuche möglich waren.

Es war eine der spärlichen Mitteilungen, die es am Sonntag gab. Ansonsten herrschte in Moskau so etwas wie Nachrichtensperre. Nach der bewegenden Rede von Präsident Wladimir Putin am Samstagabend, in der er sagte „Verzeihen Sie uns, dass wir nicht alle retten konnten“, hüllten sich die offiziellen Stellen bis zum Abend in Schweigen. Erst dann gab es erste Erklärungen. So hieß es zum Beispiel, die Behörden hätten sich entschlossen, zur leichteren Identifizierung der Opfer Fotos der Toten zu veröffentlichen. Die Bilder sollten in einem psychologischen Beratungszentrum ausgehängt werden.

Noch immer keine Klarheit gab es jedoch über die Art des beim Sturm verwendeten Gases. Vize-Innenminister Wladimir Wassiljew hatte am Samstag lediglich mitgeteilt, man habe ein „Spezialmittel“ verwendet. Rechtsanwalt Valentin Gefter von der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ nannte diese Informationspolitik am Sonntag „ein Verbrechen“. Unklar blieb auch, ob die Erstürmung des Theaters wirklich eine Reaktion auf die ersten Erschießungen von Geiseln war. Der Radiosender „Echo Moskwy“ kritisierte: „Der Krisenstab muss mit offenen Karten spielen.“

Ansonsten allerdings herrschte am Tag danach trotz der großen Zahl von Toten geradezu Euphorie in Moskau über die „glänzende Arbeit unserer Spezialdienste“. Endlich könne man auf den Geheimdienst und die Sonderpolizei stolz sein und brauche nicht mehr zu erröten, sagen Politiker im Fernsehen und einfache Bürger in Straßeninterviews. Bei einer Meinungsumfrage, die am Sonntag veröffentlicht wurde, war die fast einhellige Ansicht, dass die Erstürmung des Musicaltheaters die einzig richtige Lösung gewesen sei. In der Zeitung „Moskowski Komsomolez“ erzählte einer der Polizisten, der beim Einsatz dabei gewesen war: „Die ganze Aktion war wie im Lehrbuch ausgearbeitet. Insgesamt muss ich sagen, dass wir sehr zufrieden sind. Als Schulnote würde ich uns eine 2+ geben. Das war unsere erste gelungene Operation seit einigen Jahren, deshalb sind unsere Jungs jetzt ziemlich zufrieden.“

Nur wenige Zweifler fragen, ob man den Sturm nicht hätte vermeiden können. Entgegen offizieller Darstellung hätten die Geiselnehmer doch nichts Unerfüllbares gefordert, sagen einige. „War der Tod jeder zehnten Geisel vertretbar?“, fragt die Webzeitung „polit.ru“. Aber diese zaghaften Stimmen sind die Ausnahme und werden vom weitaus lauteren Chor der erleichterten Stimmen übertönt. Präsident Wladimir Putin empfing Glückwünsche zum erfolgreichen Abschluß des Geiseldramas aus aller Herren Länder.

Die Korrespondentin der Nachrichtenagentur Interfax, Olga Tschernjak, die am Mittwoch ihre Redaktion angerufen und als Erste die Welt von der Geiselnahme in Moskau informiert hatte, sagte in einem Interview aus dem Krankenhaus, alle Geiseln hätten den Sturm als wahre Erlösung empfunden. Das Sitzen in den Sesselreihen sei nach den langen drei Tagen völlig unerträglich geworden. Wer sich von seinem Platz unerlaubt erhoben habe, sei brutal zusammengeschlagen worden. Das angeblich faire Verhalten der Terroristen, von dem zuvor immer wieder die Rede war, sei ein Märchen gewesen.

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