• Das sind vielleicht FrüchtchenDie Zeit von Knoblauch und Ketchup ist vorbei – jetzt kommen fruchtige Dips auf den Teller. Aber welche? Der große Grillsaucen-Test.

Zeitung Heute : Das sind vielleicht FrüchtchenDie Zeit von Knoblauch und Ketchup ist vorbei – jetzt kommen fruchtige Dips auf den Teller. Aber welche? Der große Grillsaucen-Test.

Esther Kogelboom

Ich bin ein Saucen-Junkie. Ich muss sie immer, zu jeder Zeit und überall auf alles schmieren, streichen, tröpfeln und kleckern lassen. Pommes bei Mc Donald’s kommen mir grundsätzlich nur mit süß-saurer Sauce, die eine der aprikosigsten überhaupt ist, aufs Tablett. Saucen-Abteilungen in großen Kaufhäusern sind mein Paradies. Bei Grill-Abenden im Park bin ich satt, bevor das erste Würstchen braun ist – zu verlockend das knusprige Brot und die bereitgestellten, gekühlten Relishs, Chutneys und Dips.

Das war nicht immer so. Nein. Früher gab es sowas ja noch nicht. Da fachte der Vater mit dem Fön die Glut an, während die Mutter aus der Küche Ketchup, Senf, manchmal sogar eine Flasche dickflüssige Knoblauch-Paste und den obligatorischen Putz-Eimer mit Wasser (es war derselbe, der Weihnachten neben der Tanne stand) in den Garten trug. Schlimme Zeiten waren das, zäh wie das letzte, vergessene Stück Bauchfleisch, und wenn alles vorbei war, hat die ganze Familie fürchterlich nach Knoblauch gerochen und danach verbissen auf frisch gepflückter Petersilie herumgekaut, was ja bekanntlich helfen soll. Nein, vor Vampiren brauchen wir jetzt keine Angst mehr haben, nuschelte der Vater. Har, har!

Beckers Beste

In dem Sommer, als Boris Becker zum ersten Mal Wimbledon gewann und damit Namensgeber unseres Katzen-Babys wurde, kam ich aus purer Verzweiflung auf die Idee, etwas Tuben-Remoulade (die mit den kleinen Gurkenstücken und Dill von Thomy) auf das Gegrillte zu quetschen. Das fühlte sich gleich besser an. Das war ein Anfang. Ich kam zu dem Schluss: beim Grillen geht es eigentlich gar nicht um die Wurst. Auch nicht um die Steaks und ihre in Alufolie-Mäntelchen verpackten Begleiterinnen, die Kartoffeln. Die wirklichen Stars sind die Saucen. Ohne sie ist ein Hot Dog bloß eine lasche Brühwurst im weißen Papp-Brötchen. Ohne sie ist ein Sommer kein Sommer.

Zugegeben: Ich bin zu faul, um die Saucen selbst zu produzieren. Haben Sie schon mal versucht, zum Beispiel ein Mango-Ingwer-Chutney von optimaler Konsistenz herzustellen? Viel zu Zeit raubend. Man bekommt nie die gut ausgereiften Mangos. Und die Küche sieht danach aus wie ein Schlachtfeld. Grill-Abende kann man sowieso schlecht planen. Weshalb also lange in der Küche stehen und schälen? Allein, bis man die Haut von den im Ofen erhitzten Paprika-Streifen geknibbelt hat, sind die Regale im nahe gelegenen Supermarkt leergeräumt. Weggegessen wird der Paprika-Dip später in ein paar Minuten sein. Liebe Minimalisten, schreien Sie ruhig auf. Ein Saucen-Junkie braucht seinen Stoff sofort. Ach so, natürlich reden wir hier von Grill-Abenden mit Kohle, „Fauchi“-Anzünder-Würfeln und richtigem Rost. Leute, die Indoor mit einem Elektro-Grill grillen, die tragen auch Ohrstöpsel beim „Manowar“-Konzert. Sicher, das ist vernünftig, aber…

Zurück zur Sauce. Es gibt nämlich seit Neuestem einen Trend. „Esst mehr Obst! Es ist gesund!“ steht auf den Papier-Tüten, die man auf dem Markt bekommt. Und diese Forderung der internationalen Frucht-Lobby sowie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung gilt jetzt auch am Grill. Zum Glück. Denn nie gab es eine größere Auswahl an fruchtig Eingelegtem, Pürierten und Gemischtem. Dass man wieder gerne Frucht zum Fleisch ist, ist neu – mal abgesehen von der halben Dosenbirne mit Preiselbeeren, die in Dorfrestaurants grundsätzlich den Teller-Platz neben dem Wildschwein-Steak einnimmt. Oder dem göttlichen Toast Hawaii mit seiner normierten Scheibe Ananas, dessen Krönung – die Cocktail-Kirsche – ich immer als erstes einnahm und hamsteresk möglichst lange im Mund behielt. Und dem Schweinefleisch süß-sauer, das ja mit authentischer asiatischer Küche nicht viel zu tun haben soll, wie ich kürzlich erfuhr.

Jetzt werden die Kombinationen immer gewagter. Man beachte nur den wilden Cranberry-Atem, der hier mitten im Text weht. Vorbei ist Kühnes Saure-Gurken-Zeit! Born to be wild! Meine Ex-Nachbarin, der ich einen Teelöffel Cranberry Breeze aufdrängte und die kurz darauf bezeichnenderweise in den Spreewald zog, fand die dunkle Sauce in der praktischen Squeeze-Flasche zu künstlich. Okay. Möglicherweise hat sie recht. Ich esse das Kontrastmittel am liebsten zu in Retrowahn frittiertem Camembert.

Süß-sauer, süß-scharf oder süß-bitter – Früchte lassen alles mit sich machen. Vielleicht will man in diesen Zeiten das Fleisch auch nicht mehr so schmecken, nach all’ diesen Skandalen, vielleicht ist Fleisch-Geschmack out. Und statt ihn mit einer dezenten Sauce perfekt zu unterstreichen, sind die neueren Saucen so egoistisch geworden, dass sie den klassisch-rauchigen Grill-Geschmack einfach überdecken. Nicht plump handeln sie, sondern mit dem betörenden Charme des Verspielten. Diese kleinen, selbstverliebten Egomanen in ihren Tuben und Gläsern.

Die Engländer wissen schon seit der Kolonialzeit um die köstliche Wirkung von Frucht-Saucen. Neulich brachte mir ein eingefleischter England-Kenner ein sagenhaftes Karotten-Pfirsich-Chutney mit giftgrünen Mini-Kapern aus Birmingham mit. „Organic“ stand auf dem Etikett – aus biologischem Anbau also. Beim Grill-Abend im Park riss man es mir aus den Händen. Ich bin sicher, bei dem Streit zwischen zwei Großfamilien, der kürzlich im Rauchschwaden durchzogenen Tiergarten losbrach, ging es nicht um einen ethnischen Konflikt. Es ging wahrscheinlich um den letzten Tropfen Karotten-Pfirsich-Chutney.

Salz, Pfeffer, Lorbeerblatt

Solche Zusammenstellungen sind für Leute gedacht, die viele Fliegen mit einer Klappe schlagen wollen. Denen nur süß oder nur sauer nicht genug ist. Die alles auf Einmal wollen. Für die Oma ist diese Vorstellung ein Graus. Sie würzt nur mit Salz, Pfeffer und Lorbeerblättern. Die Mutter liess sich jüngst nach harter Überzeugungsarbeit vom Kokos-Hühnchen-Zitronengras-Aroma einer Tom-Kha-Suppe verführen. Ein exotischer Anblick war das.

Der Exotikfaktor steht ja sowieso im Mittelpunkt der Dips, Relishs, Chutneys und Saucen, mit denen sogar ein Sixpack „Bratmaxe“ nach Las Vegas schmeckt. Und nachdem 2Step als Musikrichtung längst vorbei ist, gibt es jetzt hippe Two-Step-Saucen aus den USA – „The true Taste of The Americas“ – mit extra Marinade-Pulver im Deckel. Soviel Zeit muss sein. Was am Ende wirklich drin ist in der Importware aus den Staaten, weiss niemand. Es wird sehr sparsam deklariert. Doch die Beschreibung hat es in sich. „Diese kreolische Sauce aus New Orleans“, heißt es frei übersetzt, „vereint die Würze Frankreichs, Spaniens, Afrikas und der Indianer in sich.“ Völkerverständigung in einer Two-Step-Sauce. Nur die „Zigeuner“, vermutlich direkt nach den „Jägern“ die beliebtesten Saucen-Namensgeber in der BRD der 70er, durften nicht mitmischen. Schade, eigentlich.

Scharf

Exzellente Mischung aus Cranberry und Chili von Kühne. Auf der Tube steht: Born to be wild. Schmeckt prima zu Käse. Macht abhängig.

2,48 Euro

Kirschtomatig

Getrocknete Tomaten mit Basilikum von Heinz, den Geschmack kennt man. Langweilig wird er trotzdem nicht. Sehr empfehlenswert auch als Brotaufstrich.

1,28 Euro

Adelig

Johannisbeer-Gelee, Wein, Orange und Meerrettich geben der Cumberland-Sauce von Langbein ihr saures Aroma. Benannt nach dem Duke of Cumberland.

3,58 Euro

Sämig

Fast wie Konfitüre – wäre da nicht der leichte Senfgeschmack. Mit diesem Gläschen von Lacroix lassen sich auch Salate verfeinern. Süß, aber nicht zu süß.

4,98 Euro

Stückig

Absolut preisverdächtiges Chutney von Grashoff mit Fruchstückchen und einer ausgeprägten Curry-Note. Schmeckt hervorragend zu gegrilltem Geflügel.

5,48 Euro

Karibisch

Jambalaya! Rauchig und trotzdem irgendwie fruchtig. Kreolisch-amerikanisch. Geht gut zusammen mit Tacos und dem Saft dicker, blutiger Rindersteaks.

5,98 Euro

Neonfarbig

Für das Asia-Würstchen gibt es keine andere Alternative als süß-sauer Sauce. Diese Variante von Amoy ist zu sauer, besticht aber durch seine schrille Farbe.

2,98 Euro

Heftig

Für die französische Marinade: eingelegte Zitrone mit Ingwer von Le Coq Noir. Etwas gewöhnungsbedürftig, weil scharf. Zum Fischfilet. Sparsam verwenden.

5,98 Euro

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