Zeitung Heute : Das Singen ist des Metzgers Lust

Jörn Wöbse

Ob das, was Stefan Raab Humor nennt, witzig ist oder nur blöd und beleidigend, darüber darf gestritten werden. Dass der gelernte Metzger aber ein Gespür für musikalische Filetstücke hat, ist unstreitig. Der Grand Prix d’Eurovision, bis in die 90er Jahre eine belächelte Liebhaberveranstaltung für Fans mit Spaß an abgestandenem Geträller, ist als Eurovision Song Contest auferstanden zur Champions-League der PopSchaffenden. Und Raab ist mittendrin. Schon 1998, dem Jahr von Fusselbarde Guildo Horn, hatte er als Komponist „Alf Igel“ seine Finger im Spiel. 2000 trat er dann mit dem funkigen Blödsinn „Wadde hadde dudde da“ gleich selbst an. Überraschend vergab Europa für die ironische 70er-Inszenierung genug Punkte für Platz 5. Es folgten die raablosen Jahre – mit Pleiten für Corinna May und Lou, die beiden Geschöpfe Ralph Siegels. Aber nun ist Raab wieder da, der Mann, mit dem Gespür für den Geschmack der Massen. Dass er nicht selbst singt, sondern in einer quotenträchtigen Prozedur einen Maximilian Nepomuk Mutzke gecastet hat, ist kein Rückzug von Raab. Nicht Max, ein schüchterner 22-jähriger Bube aus Waldshut ist das Ereignis, Raab ist es. Er hat „Can’t wait until tonight“ komponiert, seine Band wird Max in Istanbul begleiten, er ist Pressesprecher, er ist Vater, Mutter und alles andere gleichzeitig. Kurz: Raab ist Max’ Mentor. Und Mentor des deutschen GrandPrix-Erfolges. Wie es auch ausgehen wird in Istanbul, ein Gewinner steht schon fest: Der musikalische Metzger aus Köln.

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