Zeitung Heute : „Das Spiel ist aus“

Oberstufenlehrer Michael Bannert verabschiedete seine Abiturienten an der Gabriele-von-Bülow-Oberschule mit einem Schlusspfiff:

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Von Michael Bannert „Sie haben lange auf diesen Tag gewartet, ich habe lange auf diesen Moment gewartet. (…). Überall ist Fußball, warum auch nicht in diesem Saal des Bezirksamts Reinickendorf, benannt nach Ernst Reuter, der ja bekanntermaßen kein Fußballspieler war, der aber auf andere Art und Weise eine Menge in dieser Stadt bewegte, so viel, dass bei Ihrer Abifeier kein Parteisekretär einer Einheitspartei eine Rede hält und ich deshalb frei ohne vorgegebene Losungen sprechen kann. Also dachte ich mir, ich könnte meine Rede beginnen mit der aktuellen Feststellung:

,Das Spiel ist aus’. (…).

Einige von Ihnen haben es diesmal besonders spannend gemacht und sind in die Verlängerung gegangen (…). Aber jetzt ist dieses Spiel vorbei, es wird nicht noch einmal angepfiffen. Die Schiedsrichter haben ihre roten und gelben Karten eingepackt, die Punkte sind vergeben und die Pfeifen dürfen sich ausruhen, ich meine natürlich die Trillerpfeifen. (…). Mit dem Ergebnis dieses Spiels werden Sie leben müssen. Die bisherigen Trainer und Trainerinnen haben kaum noch Einfluss auf Ihre weiteren Spiele. (…). Egal, wo sie in Ihrem Leben hingehen mögen, sie werden andere Stadien betreten, Sie werden sich Ihre eigenen Stadien bauen, Sie werden aber auch immer ein Stück Ihrer persönlichen Geschichte mitnehmen. (…).

Ich wünsche Ihnen viele private Netze, in die sie sich zurückziehen können, wo sich anlehnen können, die Sie gegebenenfalls auffangen, die Ihnen aber auch helfen, sich wieder aufzurichten, damit sie weiterspielen können. Im Leben ist es nun so, dass man von Zeit zu Zeit von dem einen oder anderen Netz Abschied nehmen muss. Gut, wenn dann andere Netze da sind. Ganz schlecht wäre es, wenn man unbeachtet von anderen an der Eckfahne stehen geblieben ist. Lassen Sie nicht zu, dass wir eines Tages wieder auf einem Spielfeld aufwachen, auf dem nicht mehr nach den Regeln der Fairness gespielt wird und auf dem dann nur wieder nach einer Pfeife getanzt werden muss. (…).

Im Leben geht es darum, die richtige Mischung zu finden, eine Mischung aus Neugierde und Vorsicht, aus Eigensinn und Anpassung, aus Individualismus und Gemeinschaftssinn , aus Flexibilität und Beharrungsvermögen, aus Spontaneität und Bedachtsamkeit, aus Einfordern von Rechten und Erfüllung von Pflichten, aus Humor und Ernst, aus Kreativität und Normalität, von allem ein bisschen zur richtigen Zeit und auf dem richtigen Spielfeld. (…). Zum Glück unterscheiden wir uns bei der individuellen Mixtur. Nur Ballacks, nur Ronaldinhos, nur Weltklassefußballer, das ergäbe wohl noch keine gute Mannschaft. Wenig Erfolg haben allerdings die, die ständig über widrige äußere Bedingungen jammern und dabei das Spielen, das Leben vergessen und so aus dem Gleichgewicht geraten. (…).

Wie im Fußballspiel so gehört auch im Leben ein wenig Glück dazu, und das ist leider nicht immer gleich verteilt. Manchmal erkennt man im Leben das Glück nicht oder bemerkt es zu spät, so wie ein Fußballspieler eine ganz sichere Chance nicht rechtzeitig erfasst.“

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