DAS SPIELE ICH : Die verborgenen Schichten des Dramas

Musiker verraten, warum ihnen ein Werk am Herzen liegt. Diesmal: Michael Jurowski, Dirigent

Für mich spielt die Musik in einer Oper zwar die entscheidende, aber nicht die einzige Rolle. Die Musik ordnet sich dem Drama nicht unter, sondern legt verborgene Schichten frei. Das ist beinahe wie eine Freud’sche Psychoanalyse. Wenn ich Ottorino Respighis Partitur zu „Marie Victoire“ lese, kriege ich manchmal eine Gänsehaut, denn die Geschichte aus der Zeit des Blutrauschs der Französischen Revolution erinnert mich an meine eigene Kindheit. Dann denke ich an die schreckliche Atmosphäre in Moskau während des Stalinismus. Wir lauschten nachts darauf, in welchem Stockwerk des Hauses die Aufzugtüren aufgingen und der Geheimdienst Nachbarn abholte. Diese Atmosphäre herrscht auch in „Marie Victoire“. Bei Respighi haben alle Personen musikalisch etwas zu sagen, von der naiven Gräfin bis zum Revolutionär. Er wählt dazu nicht die traditionellen Formen von Arie, Duett, Terzett, sondern geht neue Wege. Mal liegt der Schwerpunkt eher auf der dramatischen Handlung, dann wieder auf der grandios effektvollen Musik. Wer allerdings eine „stilrein italienische“ Oper erwartet, der sucht hier seine Pilze im falschen Wald.

Michael Jurowski dirigiert die Premiere von „Marie Victoire“ am 9.4., 19.30 Uhr in der Deutschen Oper

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