DAS SPIELE ICH : In der Aufgabe verschwinden

Musiker verraten, warum ihnen ein Werk am Herzen liegt. Diesmal: Marino Formenti, Klavier .

FOTO:  DAVID RUANO
FOTO:  DAVID RUANO

Ich habe vor ein paar Jahren in Wien ein Projekt über Jani Christou realisiert, in dem sich für mich die Frage nach der Beziehung zwischen Musik und Leben auf radikale Weise stellte. Um die Musik mit meiner Lebenserfahrung aufzuladen, und, auf der anderen Seite, um mein Leben auf die Aufführung vorzubereiten, filmte ich vor der Performance wochenlang mein ganzes Leben, samt den vielen Stunden des Übens. Es fühlte sich wie ein Anti-Big-Brother an: statt als Privatmensch im Mittelpunkt zu stehen, war die Aufgabe hier das möglichst bedingungslose Verschwinden in die Aufgabe selbst. Meine Vorbereitung wurde noch umfassender als sonst, und es war ein sehr beglückendes Gefühl. Also habe ich mich nach einem Lebensraum gesehnt, der nur aus Musik besteht. „Nowhere“ heisst das Projekt, ein Ort, der in der absichtsvollen Stadt nicht existiert. Es gibt auch kein Publikum, nur Menschen, allein und gemeinsam. Sie gehen und kommen, wie sie wollen, und sie nehmen die klingende und stille, „geschenkte“ Zeit in dem Ausmaß an, wie sie gerade wollen und können. Man schaut nicht dem Pianisten zu: eher in einen Spiegel, wenn man es nicht zu Hause vergisst.

28.9.–20.10., von 11 bis 23 Uhr

In Kyohei Sakaguchis „Mobile House“

Vor dem Haus der Berliner Festspiele

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