DAS SPIELE ICH : Schweige nicht!

Musiker verraten, warum ihnen ein Werk am Herzen liegt. Diesmal: Zeynep Gedizlioglu, Komponistin .

FOTO:  MANU THEOBALD
FOTO:  MANU THEOBALD

Dieses einsätzige Streichquartett hatte bereits Monate bevor ich es in Notenschrift aufs Papier setzte seine Spannung aufgebaut und Gestalt angenommen. Am Nachmittag des 19. Januar 2007 wurde der armenische Journalist Hrant Dink im Stadtteil Osmanbey in Istanbul durch drei Schüsse ermordet. Meine Eltern kannten ihn. Als uns ein enger Freund das Geschehen telefonisch mitteilte, begann mein Vater zu weinen. Er war zwanzig Minuten vorher auf derselben Straße unterwegs gewesen, um sich mit meiner Mutter und mir zu treffen. Auf dieser Straße in Osmanbey, vor dem Gebäude der armenischen Zeitung „Agos“, versammelten sich dann innerhalb weniger Stunden tausende Menschen und demonstrierten – sie riefen laut: „Susma! Schweige nicht!“ Als ich mich diesem Ort näherte, wurden die Stimmen immer lauter, ich spürte immer deutlicher die extrem hohe Spannung, die Wut und die tiefe Traurigkeit. Während ich mich also Schritt für Schritt näherte, habe ich angefangen das Quartett zu komponieren, und ich sage damit auch zu Hrant Dink: „Schweige nicht!“, obwohl und weil ich weiß, dass er nie wieder sprechen wird. Trotzdem!

MaerzMusik: „Susma“ von Zeynep Gedizlioglu und andere Werke türkischer Komponis-

ten, 23.3., Haus der Berliner Festspiele

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