Zeitung Heute : „Das spielt Sharon in die Hände“

Der Tagesspiegel

Von Dorothee Nolte

Der Nahostkonflikt dringt jetzt bis in die Studierstuben mittelenglischer und schwedischer Kleinstädte - und sorgt indirekt auch in Berliner Wissenschaftsinstitutionen für Empörung. Der Grund: Über hundert europäische Wissenschaftler haben einen offenen Brief unterzeichnet, der dazu auffordert, die Wissenschaftsbeziehungen zwischen Israel und europäischen Ländern einzufrieren.

In dem Text, der am 6. April als offener Brief in der englischen Tageszeitung „Guardian“ erschienen ist, heißt es: „Trotz der internationalen Verurteilung seiner Politik der gewaltsamen Unterdrückung der Palästinenser in den besetzten Gebieten erscheint die israelische Regierung taub gegenüber moralischen Appellen. Die wichtigste potenzielle Quelle effektiver Kritik, die Vereinigten Staaten, sind offensichtlich nicht bereit zu handeln. Doch es gibt Wege, auch von Europa aus Druck auszuüben. Obwohl es merkwürdig erscheinen mag, betrachten viele europäische Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen Israel wie einen europäischen Staat, wenn es darum geht, Stipendien zu vergeben und Kooperationsverträge abzuschließen. (Kein anderer Staat des Nahen und Mittleren Ostens wird so behandelt). Deswegen ist es an der Zeit, auf nationaler als auch auf europäischer Ebene ein Moratorium für solche Unterstützung auszurufen, bis Israel die Resolutionen der UN befolgt und ernsthafte Friedensverhandlungen mit den Palästinensern führt, im Sinne früherer und zuletzt des saudiarabischen Friedensplans.“

Initiatoren sind die beiden Politikwissenschaftler Hilary und Steven Rose (City bzw. Open University London), die dem Vernehmen nach in ihrem Fach auch über die Grenzen Großbritanniens hinaus einen Namen haben. Den offenen Brief haben 120 Akademiker unterzeichnet, darunter 43 englische Professoren, weitere 45 andere englische Wissenschaftler sowie einzelne Professoren aus Italien, den skandinavischen Ländern, Spanien, der Schweiz und Frankreich. Nur zwei deutsche Namen sind dabei: die Professoren Klaus Reymann und Julietta Frey von der Universität Magdeburg.

Der Text hat nicht nur bei israelischen Wissenschaftlern Empörung ausgelöst. Sie sehen darin einen Aufruf, die israelische Wissenschaft schlechthin zu boykottieren, das heißt, keine Israelis mehr einzuladen und Kooperationsprojekte auf Eis zu legen. „Mit einem solchen Boykott erreicht man genau das Gegenteil von dem, was man will“, sagt Susan Neiman, Direktorin des Einstein Forums in Potsdam, das dafür bekannt ist, Kontakte zwischen Deutschland, Israel und den USA zu pflegen. Sie hat den Aufruf aus zwei Quellen erhalten - von einem Befürworter und einer Gegnerin. „Das spielt doch Sharon und seiner Regierung in die Hände, die immer suggerieren, die Israelis stünden ganz allein da, weil alle anderen Antisemiten seien.

Ausgerechnet die Wissenschaftler zu isolieren, von denen viele in der Friedensbewegung aktiv waren oder sind, ist kontraproduktiv.“ Eva Illouz, eine israelische Soziologin, organisiert nun von der Hebrew University aus per Mails die Gegenseite. Mehrere israelische Wissenschaftler haben Briefe an die Initiatoren verfasst, in denen sie darauf hinweisen, dass an vielen EU-finanzierten Gemeinschaftsprojekten auch palästinensische Wissenschaftler beteiligt seien. Israelis und Araber könnten in dem „neutralen Rahmen“ europäischer Wissenschaftsprojekte einen Dialog führen. So schreibt der Soziologe Aaron Benavot von der Hebrew University: „Israelische Wissenschaftler, die wie ich die Regierungspolitik stark ablehnen, arbeiten dafür, diese Politik zu verändern. Wir schreiben Briefe, wir demonstrieren, wir erscheinen in den Massenmedien, wir unterstützen oppositionelle Bewegungen finanziell. Unsere Arbeit würde durch ein Einfrieren der Kontakte geschwächt.“

In vielen Berliner Institutionen ist von dem offenen Brief nichts bekannt. Eine Wissenschaftlerin des Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam hat eine Mail mit dem Boykott-Aufruf bekommen, laut Mailing-Liste auch die Leiterin des Centre Marc Bloch. Georges Khalil, Koordinator des Arbeitskreises Moderne und Islam am Wissenschaftskolleg, sagt, es kursierten mehrere Boykott-Aufrufe. Er habe sowohl diesen als auch einen anderen erhalten, in dem jüdische Amerikaner zum Boykott von Künstlerkontakten mit Israel aufriefen. „Ich halte das für falsch. Es ist in meinen Augen eher ein Zeichen der Ohnmacht. Ans Wissenschaftskolleg laden wir weiter Israelis und Araber ein; es ist doch gerade in diesen Zeiten wichtig, Kontakt zu halten.“

Am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, an der Technischen oder Freien Universität hat man noch nichts vom Boykott-Aufruf gehört - allenfalls können einzelne Wissenschaftler aufgrund besonderer Kontakte davon Kenntnis bekommen haben.

Zu ihnen gehört der FU-Soziologe Martin Kohli, der als ehemaliger Präsident der European Sociology Association über eine Mailing-Liste den Boykott-Aufruf bekommen hat. „Ich halte diesen Vorschlag für schlecht durchdacht und falsch“, sagt er - deswegen hat er sich auch auf der Liste der Boykott-Gegner im Internet eingetragen. Dort sind inzwischen ungefähr 230 Namen aufgeführt, darunter rund 100 aus Israel und 21 aus Deutschland. Fragt man in den Wissenschaftsinstitutionen herum, wie sie den Aufruf beurteilen, heißt es unisono: „absurd“, „verfehlt“, „da würden wir natürlich nicht mitmachen“.

Mehr zum Thema im Internet:

www.Geocities.com/euroisrael2002/

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