Das Sterben der Arten : Auf der Welt herumgetrampelt

Die Menschheit lebt über die Verhältnisse der Erde. Besonderes Europäer und Amerikaner stehen beim globalen Fußabdruck schlecht da. Wir müssen damit anfangen, für die Überbeanspruchung zu zahlen.

Dagmar Dehmer

Schon seit den frühen 80er Jahren lebt die Menschheit über die Verhältnisse der Erde. Derzeit bräuchten wir etwa 1,25 Planeten, um das Bedürfnis der Menschen nach Energie, Rohstoffen und Land so zu decken, dass für ihre Nachkommen etwas übrig bleibt. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Europäer und Amerikaner nehmen sich nicht Afghanen und Somalier zum Vorbild, deren Lebensweise deutlich weniger als einen Hektar Land pro Kopf beansprucht. Sie stehen beim globalen Fußabdruck, den die Umweltorganisation WWF, die Zoologische Gesellschaft London und das Global Footprint Network errechnet haben, ganz schlecht da. Zudem orientiert sich die entstehende Mittelschicht in China, Indien oder Brasilien am üppigen Lebensstil der Deutschen und Amerikaner. Wir Deutsche hinterlassen mit 4,5 Hektar pro Kopf einen überdurchschnittlichen Abdruck, der allerdings von den Amerikanern mit etwa 9,5 Hektar noch übertroffen wird. Die Erde könnte jedem Menschen etwa 1,8 Hektar Fläche bieten. Dann würden sich die entnommenen Ressourcen, zumindest die nachwachsenden, wieder erneuern. Tatsächlich liegt der Durchschnitt weltweit derzeit bei 2,23 Hektar pro Mensch.

Am Montag beginnt in Bonn der neunte Gipfel der Vereinten Nationen zum Schutz der biologischen Vielfalt. Die gleichnamige Konvention ist 1992 beim Erdgipfel in Rio verabschiedet worden. Das Ziel: Der dramatische Verlust der Artenvielfalt sollte bis 2010 aufgehalten, die Nutzung der Ressourcen nachhaltig werden. Und wenn aus Bestandteilen von Heilpflanzen Medikamente werden, sollten die Vorteile gerecht aufgeteilt werden. Keines dieser Ziele ist ansatzweise erreicht worden. Das Artensterben verläuft derzeit bis zu 1000-mal schneller als normal. Die Hälfte der Fischbestände wird voll auÜbersgenutzt, weitere 25 Prozent sind bereits am Ende. Und dass eine Firma die Menschen in einem Entwicklungsland am Gewinn aus einem Kosmetikprodukt aus dem Regenwald beteiligt, ist die Ausnahme.

Wie beim Klimawandel auch rennt die Menschheit getrieben von kurzfristigen Vorteilen ins Verderben. Klimawandel und Artenverlust hängen zudem eng zusammen. Der Klimawandel wird bis Mitte der Jahrhunderts zu einem Faktor werden, der das Artensterben weiter beschleunigt. Steigt die Durchschnittstemperatur um 2,5 Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung vor 200 Jahren, könnten bis zu einem Drittel der Pflanzen und Tiere aussterben. Andererseits liegt in der Erhaltung der Artenvielfalt ein Schlüssel zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Dort könnten die Pflanzen und Tiere gefunden werden, die es der Menschheit ermöglichen, zu überleben. Für viele Ökosysteme wird aber jede Hilfe zu spät kommen, weil die Evolution deutlich länger braucht, um den Lebewesen bei der Anpassung an völlig veränderte Bedingungen zu helfen.

Einfache Lösungen gibt es nicht. Aber wir könnten damit anfangen, für unsere Überbeanspruchung der Erde zu zahlen – und zwar im Wortsinn. Um Entwicklungsländer für die Ausweisung großer Schutzgebiete zu gewinnen, muss Geld fließen. Und zwar genug, damit die dort lebenden Menschen die Natur nicht ausbeuten müssen, um zu überleben. Das eigentliche Problem aber, nämlich dass unser Lebensstil die Erde überbeansprucht, ist mit der Ausweisung von Schutzgebieten allein nicht zu lösen.

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