Zeitung Heute : „Das Stress-System fährt hoch“

Der Psychologe Miltner über Terror und Angst

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WOLFGANG

MILTNER (54)

ist Inhaber des Lehrstuhls für Biologische und

Klinische Psychologie an der Universität Jena

Foto: R/D

Herr Miltner, die Gefahr von Terrorattentaten weltweit gilt als belegt. Welchen Einfluss hat eine globale, permanente Bedrohungssituation auf die menschliche Psyche?

Hier bei uns, wo wir bisher von Attentaten verschont geblieben sind, reagiert jeder Mensch anders auf die Bedrohung. Die Ängstlichen leiden unter erhöhter Zustandsangst. Sie fürchten, dass sie selbst von einem Anschlag betroffen sein könnten, und richten ihren Alltag danach aus. Es sind Extremfälle von Patienten bekannt, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Diejenigen, die sich nicht so sehr sorgen, haben gut ausgeprägte Bewältigungsfertigkeiten entwickelt, die sie vor Panik schützen. Andere machen sich schlicht keine Gedanken. Und dann gibt es noch die, die sich grundsätzlich in Sicherheit wiegen und sagen: Ein Terrorakt kann alle anderen betreffen, nur nicht mich.

Sie sprechen von „Bewältigungsfertigkeiten“. Kann man die auch trainieren oder bewusst beeinflussen?

Ja, das geht durchaus. In der Psychotherapie probieren wir so, Patienten zu helfen, ihre Ängste auf ein gesundes Maß zu beschränken. Es geht darum, die so genannten kognitiven Schemata, mit denen der Patient seine Umwelt interpretiert, zu normalisieren. Das bedeutet, dass wir mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten – streng rational also. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Bus, der mich morgen früh zur Arbeit fährt, entführt wird? Sehr klein, würde ich sagen.

Aber das Unheimliche an der Bedrohung ist, dass Menschen nach dem 11. September 2001 anscheinend zu jeder Zeit, an jedem Ort der Welt Opfer eines Attentates werden können.

Richtig. Und doch: Wenn ich abends in den Nachrichten von einer neuen Terrorwarnung oder konkret von einem Anschlag auf einen Bus im Nahen Osten erfahre, muss ich keine Angst haben, dass mir ganz persönlich das ebenfalls passiert. Menschen, die ununterbrochen an einen terroristischen Akt denken, reagieren auf eine Vielzahl von Reizen, die weniger Ängstliche gar nicht wahrnehmen. Empfindsame vergleichen Merkmale aus den Nachrichten mit Merkmalen ihrer Realität, auch, wenn es eigentlich keinen Zusammenhang geben kann.

Wie wirkt dieser erhöhte StressPegel auf Körper und Seele?

Angst kann krank machen. Es ist nachgewiesen, dass es zu einer erhöhten Hormonausschüttung kommt. Psychosomatische Erkrankungen, auch Infektionen, nehmen zu. Das gesamte Stress-System des Organismus wird hochgefahren. Dies gilt vor allem für akute Angstsituationen.

Manchen hilft der andauernde Konsum von Nachrichten, andere übergehen die Angst vor dem Terror. Welche Rolle spielt Verdrängung?

Diesen Begriff verwende ich nicht so gerne, er kommt aus der Psychoanalyse und bedeutet, dass Trieb-Impulse zurückgewiesen werden, die für das Individuum gefährlich sein können. Wir reden eher von Ausblendung. Und die spielt schon eine große Rolle. Letztendlich kann ich nur raten, Wahrscheinlichkeiten bewusst kalkulieren zu lernen.

Das Gespräch führte Esther Kogelboom.

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