Zeitung Heute : Das süße Geben

Es gibt Lesepaten, Schulpaten, Jobpaten, Baumpaten, Revolutionspaten, Tierpaten und in Berlin-Friedrichshain die „Paten für Kinder von nebenan“ – Patenprojekte sind das Ehrenamt der Stunde: Denn Menschen engagieren sich am liebsten direkt. Weil sie so den Nutzen ihres Tuns erkennen.

Gern geschultert. Statt Tschüss zu sagen, ist Jersey ihrer Patin Wenke Grams auf den Rücken gehopst. Grams freut sich auf jeden Besuch bei dem Kind. Und Jersey ist sowieso verliebt.Foto: Ariane Bemmer
Gern geschultert. Statt Tschüss zu sagen, ist Jersey ihrer Patin Wenke Grams auf den Rücken gehopst. Grams freut sich auf jeden...

Für einen kurzen Moment schwingen die beiden Schaukeln parallel. Die an den langen Ketten und die an den kurzen. Es ist ein Moment des Glücks. Und das Mädchen Jersey, die kalten Ketten fest umklammert, scheint ihn zu spüren, denn sie schaut unentwegt hinüber zur zweiten Schaukel, auf der Wenke sitzt, ihre Wenke.

Dann verliert sich die Parallelität auch schon wieder, die verschieden langen Schaukeln schwingen verschieden hoch, ganz so, wie es auch im Leben ist, in dem jeder für sich allein verschieden hoch schwingt, ganz nach Kraft und Mut – und nach der Länge der Ketten, an denen er hängt.

Bahnhof Berlin-Lichtenberg, Gleis 15. Es ist 12 Uhr 37, und die Niederbarnimer Eisenbahn rollt los Richtung Kostrzyn. Die Zugansagen kommen auch auf Polnisch. Wenke Grams, 23, sitzt in Fahrtrichtung, wie immer, wenn sie Bahn fährt. Ihr gegenüber hat Karin Rother, Mitte 50, Platz genommen. Der Zug ist kurz, und die Waggons sind voller Schüler. Die Frauen unterhalten sich über die Familie, die sie besuchen wollen. Wenke Grams sprudelt. Zum Reiterhof wolle sie dann gehen, hoffentlich höre der Regen mal auf, das werde sicher schön, der Weg dahin sei gar nicht weit, einfach mal Ponys streicheln, Reiten sei sicher teuer, wie teuer genau, wisse sie auch nicht, aber Reiten eben.

Es wird gehalten in Strausberg und Rehfelde, und draußen ist immer mehr Landschaft.

13 Uhr 12, Müncheberg. Die Frauen steigen aus, fahren noch kurz mit dem Omnibus, dann stehen sie vor einem L-förmigen ehemaligen Schulgebäude, das heute Wohnhaus ist, dahinter: Land, Schuppen, kleine Beete. Ein paar Hühner in einem Verschlag. Ein Kind kommt auf einem Fahrrad durch den Matsch geflitzt. Jersey. „Hallo Jersey“, ruft Wenke. Das Kind radelt weiter. Einen kleinen Hügel hoch, dreht oben um und radelt zurück, so schnell es kann. Dass Jersey so gut Rad fahren könne, sei neu, erklärt Wenke Karin Rother.

Aus einem von vielen Fenstern der Häuserfront beugt sich eine junge Frau. Nancy Jörg, 32, mit rosafarbener Strähne im hellen Pony. Die Mutter von Jersey und sechs weiteren Kindern. Sie will gleich runterkommen.

Wenke Grams, eine Rostockerin, absolviert in Potsdam ein Doppelstudium, Erziehungswissenschaften und Soziologie. Sie ist eine von denen, die sich schon immer engagiert haben: beim Jugendaustauschwerk Youth for Understanding oder bei der Caritas oder gegen Rechts und jetzt eben für Jersey. Sie mag Kinder, kann sofort mit ihnen herumhüpfen, rennen, singen. Das Zusammensein mit Jersey sei inspirierend, sagt sie. Auch im Hinblick auf ihre Studienfächer – „Theorie und Praxis“, sie lacht. Aber das eine habe mit dem anderen nichts zu tun.

Jersey stellt das Fahrrad weg und wischt energisch die kinnlangen Haare aus dem Gesicht. „Warst du beim Frisör?“ Jersey nickt und greift nach Wenkes Hand. Dann ist die Mutter da, und die vier gehen in ein Café, in dem außer ihnen niemand ist. Die Erwachsenen trinken Kakao. Jersey darf Nudeln essen.

Drei Erwachsene, ein Kind. Was den Alltag von Jersey und ihrer Mutter angeht, ist das die Verkehrung der Verhältnisse. Und genau dafür sind Wenke Grams und Karin Rother hier: um Verhältnisse umzukehren. Kurze und lange Ketten parallel schwingen lassen. Die Amplituden verschiedener Leben ein wenig angleichen. Wenigstens vorübergehend. Sie tun das aus dem Bewusstsein heraus, dass es die einen umständehalber auf eine Art gut haben, die den anderen ebenso umständehalber vorenthalten ist. Dass das nicht gerecht ist und auch nicht richtig.

Aus diesem Bewusstsein heraus drängt es manche Menschen, etwas zu tun. Dafür suchen sie, wie Soziologen beobachten, nach direktem Handeln, einer Art 1:1-Engagement, dessen Nutzen sich besichtigen lässt, dessen Wert. Deshalb entstehen in Deutschland wie auf der ganzen Welt neuerdings ungezählte kleine Patenschaftsprojekte, die solche Beziehungen herstellen. Zwischen Menschen mit Zeit und ohne. Mit Geld und ohne. Mit Arbeit und ohne. Mit Bildung und ohne. Mit Familie und ohne. Es gibt Lesepaten, Schulpaten, Jobpaten, Problempaten, Baumpaten, Tierpaten, Parkpaten, sogar Revolutionspaten für syrische Aufständische und in Berlin-Friedrichshain die Nachbarschaftspaten, die „Paten für Kinder von nebenan“.

Dass die ihr Büro im Samariterviertel haben, ist zwar Zufall, passt aber. Der barmherzige Samariter, der den Nächsten wie sich selbst Liebende, der selbstlos Helfende. Bibelfigur, Ideal und Mahnung zugleich. Hier wurde kurz nach 1900 eine Schule gebaut, die bis heute steht und seit 1993 Pettenkofer-Grundschule heißt. Auf deren Gelände gibt es ein Nebengebäude, in dem der Schulklub untergebracht ist, bei dem Karin Rother arbeitet, und von hier aus leitet sie auch das Patenprojekt. Sie vermittelt Paten, betreut sie, organisiert Supervision, sie hilft, Patenschaftsvereinbarungen zu formulieren: Wann kommt das Kind nach Hause, was darf unternommen werden, was nicht, was könnte das Kind durch die Patenschaft möglicherweise lernen?

Dort im Schulklubhaus, erster Stock, fing in einem mit Kindermalereien verzierten Zimmer im Sommer 2011 die Beziehung von Wenke Grams und Jersey an, als Nancy Jörg, die Mutter, anrief und sagte, sie brauche Entlastung.

Rother war sofort überzeugt. Sie kamen überein, dass es nicht gehe, nur einem der vielen Jörg-Kinder einen Paten zu vermitteln, weil das Streit gebe, aber einen Paten für mehrere Kinder zu bestellen widersprach der Vereinsidee, nach der jedes Kind ein Recht auf individuelle Förderung habe. Also verabredeten sie: Fünf Paten sollen in diese Familie. Verteilt auf alle Geschwister – fünf bis elf Jahre alt – außer dem Ältesten, 14, und der Jüngsten, 18 Monate. Karin Rother rief alle potenziellen Paten an, die ihr einfielen, es gab ein Treffen der Kinder mit fünf Erwachsenen, einer der Jungs schrie: „Den will ich!“ und zeigte auf Tobias, einen Studenten. Auch die anderen fanden sich als Paare zusammen, Männer und Jungs, Frauen und Mädchen.

So groß und bunt war diese Patenschar, dass das Projekt einen kleinen Film drehen ließ, der auf der Homepage Werbung machen soll. Doch dann fing es an, in die Wohnung der Familie Jörg hineinzuregnen, eine neue wurde erst in Müncheberg gefunden – 40 Kilometer Luftlinie vom Berliner Samariterviertel entfernt. Von Nachbarschaft keine Rede mehr. Dann fand der eine Pate, der arbeitslos gewesen war, Arbeit, die Studenten bekamen neue Stundenpläne oder begannen Auslandspraktika, und so zerfaserte die große, bunte Patenfamilie im echten Leben schon wieder, bevor der Werbefilm fertig bearbeitet war. Nur Wenke ist noch immer da.

Sie wischt Jersey die Tomatensoße aus dem Gesicht und malt mit ihr auf einem Malblock herum. Karin Rother ist nur ausnahmsweise mitgekommen. Wegen des Werbefilms, der inzwischen fertig ist und Ende April online gestellt werden soll, aber erst, wenn alle ihn gesehen haben. Wie und wo, das will sie bereden. Aber erst erzählt Nancy Jörg von der neuen Heimat: Die Schulen seien sehr gut, Kitaplätze viel teurer als in Berlin, auf der Straße werde sie komisch angeschaut wegen der vielen Kinder, und die Leute vom Amt – na ja. Sie solle schnell wieder arbeiten gehen, habe man ihr gesagt, sie könne sich nicht ewig auf ihren Kindern ausruhen. Nancy Jörg zieht zwar die Augenbrauen leicht hoch, als sie das erzählt, spricht aber weiter im ungerührten Ton derjenigen, die viel mit Ämtern zu tun haben.

Karin Rother ist nun doch empört. Um eine sozialpädagogische Tagesgruppe von acht Kindern anzubieten, sagt sie, müsse man zwei ausgebildete Pädagogen bereitstellen. Nancy Jörg ist mit sieben Kindern allein. 24 Stunden jeden Tag. Und dann sage man ihr, sie ruhe sich aus!

Rother möchte der Familie gerne den Weg ebnen in Müncheberg. Die Kinder in Vereinen anmelden, ohne dass gleich überall Hartz IV dazu gesagt werden muss. Sie möchte, dass alle etwas netter sind. Verständnisvoller. Zugewandter. Dass die Ignoranz aufhört. Sie war zu DDR-Zeiten Lehrerin, studierte danach noch Sozialpädagogik, bildete sich mehrfach fort und baute ab 1990 den Club der Pettenkofer-Schule mit auf. Sie schaut ihre Gegenüber aufmerksam an, hört genau zu und stellt nur sehr vorsichtig Fragen. Wie geht es Ihnen hier? Wie fühlen Sie sich? Näheres über die Familienverhältnisse weiß sie nicht. Sie findet auch nicht, dass sie das etwas angehe. Sie ist ja eben nicht vom Amt.

Jersey hat aufgegessen. Nancy Jörg geht nach Hause, weil die größeren Kinder gleich von der Schule kommen werden. Karin Rother begleitet Wenke und Jersey. Es regnet. Den Reiterhof verschieben sie. Ein Regenwurm schlängelt sich über die Steine. „Jersey, schau mal!“ Jersey tippt vorsichtig mit einem Finger auf den Wurm. „Iiiih!“, schreit sie.

Sie gehen zur städtischen Bibliothek, die mehrgeschossig in eine Kirche hineingebaut ist. Jersey hat eine eigene Ausweiskarte, kennt sich hier inzwischen aus. Auch das hat mit Wenke zu tun. Die sagt: „Ich wollte, dass sie an Bücher kommt.“ Deshalb hat sie der Mutter versprochen, sich darum zu kümmern, dass die Bücher rechtzeitig zurückgebracht werden. Weil die Mutter das bei sieben Kindern nicht auch noch kontrollieren kann.

Es ist ein schmaler Grat, auf dem Paten sich bewegen. Sie müssen loyal den Eltern gegenüber sein. Sie sollen die Patenkinder nicht erziehen. Die Idee ist, dass sie ihnen Dinge zeigen, die die sonst nicht gesehen hätten. Die Männer bauten mit den Jungs Fahrräder zusammen, gingen zur Kartbahn, ins Naturkundemuseum. Und als Wenke Grams und Jersey das erste Mal allein unterwegs waren, fragte sie das Kind: „Was hast du denn noch nie gemacht?“ Sie sind dann ins Schwimmbad gegangen. Das machen sie häufig. Jersey hat die Angst vorm Wasser verloren. Sie ist überhaupt mutiger geworden. Das war ein bisschen das, was die Mutter sich gewünscht hatte. Jersey, die bis vor anderthalb Jahren die Jüngste war, war auch die Ängstlichste.

Mit dem Kinderrucksack voller Bücher geht es nun zu einem Spielplatz, der im Innenhof einer Wohnanlage aufgebaut wurde. Weil es regnerisch ist und kühl, ist nichts los. Wenke Grams und Jersey schaukeln. Wenke singt: „Angsthase, Pfeffernase, morgen kommt der Osterhase.“ Jersey stimmt ein und hängt sich in die Ketten ihrer Schaukel: „Angsthase, Pfeffernase!“

Hoch und immer höher schwingen sie, Jersey auf der Schaukel mit den kurzen Ketten und Wenke auf der anderen, und dann auf einmal dieser Moment. Völlig synchron steigen die Schaukelbretter hinauf in den grauen Himmel und schwingen von dort zurück Richtung Sandkiste. Zwei Menschen, zwei Leben und viele Möglichkeiten in einer Bewegung verschmolzen.

Der nächste Regenguss dann vertreibt die drei. Nass und durchgefroren machen sie sich auf den Heimweg. Die Frauen packen das Kind je an einer Hand, laufen vor, ziehen es hinterher und werfen es ein bisschen in die Luft. „Eins-zwei- drei-hooo!“ Jersey lacht und friert bald nicht mehr, und schon sind sie da.

Auf dem Gelände hinter dem L-förmigen Haus laufen zwei von Jerseys Brüdern herum. Und ein Nachbarsmädchen, das noch vier Geschwister hat und auch einen Paten haben möchte.

Bei Nancy Jörg liegt inzwischen ein offizieller Antrag auf eine Patenschaft. Den muss sie ausgefüllt ans Bundespräsidentenamt schicken. Damit Joachim Gauck die Ehrenpatenschaft für ihr jüngstes Kind übernimmt. Das ist so vorgesehen seit Gründung der Bundesrepublik. Dass der Bundespräsident die Ehrenpatenschaft übernimmt für jedes siebte Kind. Um die „besondere fürsorgende Verpflichtung unseres Staates für kinderreiche Familien zum Ausdruck“ zu bringen, wie es auf der Homepage heißt. Und „das Sozialprestige kinderreicher Familien zu stärken“. Es ist dasselbe, was auch die Paten von nebenan wollen. Noch so eine Parallele.

Um 18 Uhr 49 sitzen die beiden Frauen dann wieder in der Niederbarnimer Bahn und fahren zurück nach Berlin. Wenke Grams in Fahrtrichtung, Karin Rother ihr gegenüber. Sie haben einen Nachmittag darauf verwendet, einem Kind zu geben, was es sonst kaum hat: exklusive Zuwendung. Sie haben dafür das Kind lachen sehen und aufblühen. Sie haben gesehen, dass es gut ist, was sie tun. Und so sitzen sie hier vielleicht ein wenig erschöpft, aber auch sehr froh.

Wenke Grams wird in der Woche drauf wieder rausfahren, den Plan mit dem Reiterhof hat sie nicht aufgeben. Wenn das Wetter irgendwann mal schön ist, wird sie mit Jersey die Ponys streicheln gehen. Weil sie weiß, dass Jersey sich das traut.

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