Zeitung Heute : Das Supermedium - Mit dem Zusammenschluss geht der kurze Sommer der Internet-Anarchie zu Ende

Leander Scholz

"Alle für einen Informationspool - ein Informationspool für alle." Diese Losung stammt von Horst Herold, dem ehemaligen Chef des Bundeskriminalamts und Erfinder der Rasterfahndung. Als Anfang der 70er Jahre die digitale Revolution auch bei Justiz und Polizei anstand, verband die Sozialkybernetik große Hoffnungen mit der neuen Technologie. Bestimmte Sozialschichten benachteiligende Formen der Ermittlung und Beurteilungsollten durch objektivere Datenauswertung ersetzt werden. Selbst die außerparlamentarische Opposition hegte die Hoffnung, dass staatliche Monopole durch Computer demokratisiert werden könnten. Rasterfahndung, Volkszählung, Videoüberwachung und Inpol - das Informationssystem der Polizei - ließen jedoch schnell die Utopie einer Informationsgesellschaft als Basisdemokratie vergehen. Stattdessen lebte Orwells Gespenst des Staats als big brother wieder auf.

Jede Einführung einer neuen Technologie, vom Buchdruck an, ist von utopischen Hoffnungen und apokalyptischen Visionen begleitet worden. Die Idee, dass das World Wide Web die Produktionsmittel von Information zugunsten eines jeden Einzelnen - wie einst die allgemeine Alphabetisierung - demokratisiere, nährte nur kurz die Fantasien von Wissensanarchisten. Der kurze Sommer des Internets ist mit der Fusion von AOL, dem weltweit größten Internetanbieter, und Time Warner, dem weltgrößten Medienmulti, zu Ende gegangen.

AOL, gegründet 1985, besteht aus den Internetdiensten America Online und Compuserve, den Internetforen ICQ und Digital City sowie Netscape, dem Pionier für Internetsoftware. AOL unterhält strategische Allianzen: mit dem weltweit drittgrößten Medienkonzern Bertelsmann AG, der fünfzig-prozentiger Partner für AOL-Europa und AOL-Australien ist; mit Cegetel und Canal+ in Frankreich; mit Mitsui und Nikkei in Japan; mit China.com in Hongkong und mit der Royal Bank in Kanada. Ziel der Firmenpolitik, so die Selbstdarstellung von AOL, ist es, ein globales Medium zu schaffen, das eine ähnlich zentrale Rolle wie das Telefon oder Fernsehen spielt. Deshalb kommt für AOL alles darauf an, einen Medienverbund zu organisieren, in dem das Internet den Zugang zu allen anderen Medien leistet.

Ein Supermedium muss die Fähigkeit haben, alle anderen Medien zu integrieren - vor allem das Fernsehen. Time Warner besitzt nicht nur die Filmstudios Warner Brothers und New Line Cinema, die Warner Music Group, die Publishing Inc. mit Zeitschriften wie "Time" und "People", sondern auch den Nachrichtensender CNN sowie den Pay-TV-Sender HBO und das zweitgrößte Kabelnetz der USA. Damit kann AOL die Breitbandkabelnetze für das Internet öffnen.

Der User als Demokrat

Alle Inhalte der alten Medien und ihrer herkömmlichen Distribution können erst durch die Integration des Fernsehens in das Internet auf das neue Supermedium ausgerichtet werden. Die Bertelsmann AG, die zunächst auch ein möglicher Fusionspartner für AOL gewesen wäre, aber dafür ihre Eigenständigkeit hätte aufgeben müssen, hat diese Strategie des Übergangs vom Massenmedium Fernsehen zum Massenmedium Internet schon länger verfolgt. Während die Kirch-Gruppe immer noch am digitalen Bezahlfernsehen fest hält, baut die Bertelsmann AG - vom Berlin Verlag bis zur Beteiligung an AOL - wesentlich längere Verwertungsketten auf. Deshalb ist die Fusion von AOL mit Time Warner auch keine Bedrohung. Die Bertelsmann AG mit ihrer Tochter Gruner + Jahr ist nicht nur in Europa Branchenführer, sondern mit dem Zukauf von Random House und Editorial Sudamericana weltweit das größte Buchunternehmen. Bertelsmann Online BOL ist im elektronischen Handel nach amazon.com inzwischen auf Platz zwei. Ist das Internet erst einmal in jedes Medium integriert, wie Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff sein Ziel visioniert, dann wird der Weg der Information innerhalb eines Unternehmens ununterbrochen sein: Inhalt, Bereitstellung, Transformation und Konsumohne Reibung.

Das Funktionieren von Demokratie war zu jeder Zeit an die Organisation der gesellschaftlichen Gebrauchsmedien gebunden. Jedes neue Medium hat auch eine neue Nutzerordnung begleitet. Gerade weil schon so viel investiert wurde in das Internet, muss jetzt seine Kommerzialisierung vorangetrieben werden. Die nicht-egalitäre Nutzerordnung der Fernsehkultur wird in Zukunft auf das Internet übertragen.

Die Simulation einer Öffentlichkeit, wie sie das Fernsehen noch beschwört, wird bald über die kommerzielle Kanonisierung auch im Internet Einzug halten. Was zur Zeit die heiligen Quoten sind, werden bald die statistischen Auswertungen der Internetnutzung von Endkunden sein. Die entscheidende Frage allerdings wird sein, ob eine wechselseitige Beobachtung von Medien innerhalb eines Supermediums überhaupt noch möglich ist, wenn die Produktion und Zirkulation aller Medien erst einmal kurzgeschlossen sind.

Rohstoff Information

Wird, wie der amerikanische Medientheoretiker Marshall McLuhan es schon am Beispiel der Druckerpresse diagnostiziert hat, Information zum Rohstoff, so wird dessen Verteilung die Gestalt der Gesellschaft prägen. Hat der Buchdruck den Menschen auch an eine neue Technik praktischen Wissens angeschlossen, so wird das neue Internet den Nutzer in einen stringenteren Kreislauf der Information einbetten. Ob Kritik im Sinne von Unterbrechung noch eine Option dieses Kreislaufs sein wird, entscheiden im wesentlichen die Handhabung von Informationsmonopolen durch die Anbieter.

Dass das kleinere Unternehmen AOL den alten Mediengiganten Time Warner schlucken konnte und die gesamte Internetbranche an der Börse dermaßen hoch gehandelt wird, zeigt allerdings zur Zeit lediglich das Vertrauen in die Zukunft des Virtuellen als Markt. Ein Medium ist nur so gut, wie die intelligente Nutzung, die seine Betreiber zulassen. Auch Erasmus von Rotterdam hat sich schon darüber beklagt, dass das göttliche Geschenk des Buchdrucks von gewinnsüchtigen Verlegern korrumpiert wurde.Der Autor ist Schriftsteller ("Jungfernpergament") und Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kölner Forschungskollegs für Medien und kulturelle Kommunikation.

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