Zeitung Heute : Das surfende Klassenzimmer

Lernen und Lehren an der Freien Universität Berlin im digitalen Zeitalter

Eva H emer
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Die Kreide ist passé: Gerald Friedland arbeitet mit Seminarteilnehmern an der sogenannten Data Wall – oder auch Elektronischen...

Vom Gerichtssaal in den Pferdestall – vom Pferdestall ins Schloss: einmal im Monat für ein paar Tage den Beruf tauschen und ein ganz anderer sein. Matthias Frohn lässt von Zeit zu Zeit seine juristische Robe im Schrank hängen. Dann versucht er als Landwirt im Karohemd die Zuchtstute Samantha zu verkaufen, oder er berichtet als Hofreporter Rolf Scheelmann-Eckenzwerg, mit Krawatte und Einstecktuch, aus den Königshäusern dieser Welt. Die Paragrafen, Artikel und Absätze begleiten ihn allerdings in jeder Rolle. Wo Frohn ist, gibt es immer einen verzwickten Rechtsstreit aufzuklären – und all das ist im Internet zu sehen.

Tatsächlich ist Matthias Frohn wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich für Rechtswissenschaft an der Freien Universität Berlin und zusammen mit Peter Reineke – beide derzeit Referendare am Kammergericht Berlin – Begründer von „Tele-Jura“. Das Internetprojekt produziert juristische Lehrfilme und fordert so die Studierenden elektronisch zum Lernen auf.

„E-Learning – das Lernen mithilfe digitaler Medien – bedeutet nicht nur zu technologisieren, sondern Lernen mittels Technologie anzureichern“, erklärt Professor Nicolas Apostolopoulos, Leiter des Center für Digitale Systeme (CeDiS), des Kompetenzzentrums für E-Learning und Multimedia an der Freien Universität Berlin. Das juristische Lehrbuchstudium könne zwar nicht ersetzt werden, „die Filme sind jedoch eine abwechslungs- und zugleich lehrreiche Ergänzung dazu“, sagt auch Matthias Frohn. Bisher ist „Tele-Jura“ einzigartig in Deutschland. Die Filme werden in Anwendungskursen zu den Vorlesungen über Zivilrecht an der Freien Universität gezeigt – mit großem Erfolg bei den Studierenden.“. „Die Reaktionen sind sehr positiv“, sagt Frohn. Vielen falle es zu Beginn schwer, sich in einzelne Streit-Parteien hineinzuversetzen, „deshalb spielen wir die Fälle nach und erzielen dadurch Lerneffekte“.

Dem Film „Zuchtstute Samantha“ beispielsweise liegen ernsthafte juristische Entscheidungen zugrunde. In knapp sieben Minuten wird anhand von plastischen Bildern und realistischen Charakteren der Fall eines Kaufvertrags rechtlich erläutert. Vor allem Jura-Studierende nutzen die Lehrfilme, wobei sich immer öfter auch Nichtjuristen aus ganz Deutschland dafür interessieren. Das Projekt „Tele-Jura“ wurde mit dem „FU E-Learning-Preis“ 2008 gewürdigt. Dieser wird seit 2005 jährlich in drei Kategorien vergeben.

Neben der ständigen finanziellen und strukturellen Unterstützung durch die Universitätsleitung förderte auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung die elektronische Lehre an der Freien Universität bis zum Herbst 2008 mit knapp 1,7 Millionen Euro. So konnte das Projekt „FUEL“ (FU E-Learning) erfolgreich abgeschlossen werden. Ziel des von CeDiS durchgeführten Projekts war es, E-Learning als einen wichtigen Bestandteil von Lehre und Lernen in allen Fachbereichen und Einrichtungen zu etablieren. Mittlerweile profitieren Dozenten und Studierende von einem umfangreichen E-Learning-Beratungs- und Schulungsangebot.

„Die Herausforderung bei der Einführung von E-Learning ist, die Technologie in der Lehre so zu integrieren, dass sie zu einem festen Bestandteil wird, zu einem unverzichtbaren Hilfsmittel“, erklärt Nicolas Apostolopoulos. Der Mensch habe sich schon immer Werkzeuge zunutze gemacht, so der Medienpädagoge. Dazu gehören auch Materialien, mit deren Hilfe man ritzen, schreiben, gravieren und stempeln kann. Und während die Kreide vor Millionen von Jahren entstand, erleben wir im 21. Jahrhundert die Geburt der „E-Kreide“. Das digitale Schreibwerkzeug, entwickelt am Fachbereich für Informatik, ist ein weiteres E-Learning-Projekt der Freien Universität. Die elektronische Kreide ermöglicht, komplette Tafelbilder und Notizen aus Seminaren und Veranstaltungen nachträglich im Internet abzurufen.

„Heutzutage haben wir eben den Computer, den wir als Werkzeug nutzen können“, sagt Apostolopoulos. Wichtig für eine exzellente Lehre sei die Kombination aus Präsenzunterricht und digitalen Technologien. Mittlerweile sind mehr als 1600 Kurse der Freien Universität über die zentrale Lernplattform „Blackboard“ online verfügbar. Im vergangenen Semester waren etwa 21 000, also zwei Drittel aller Studierenden, aktive Nutzer der Plattform. Sie ermöglicht einen intensiveren und schnelleren Austausch: Unabhängig von Zeit und Ort können Lehrmaterialien heruntergeladen, Hausarbeiten abgegeben und sogar Tests geschrieben werden. „E-Learning ist weder Einsparmittel noch Allheilmittel, sondern eine Ergänzung zur Präsenzlehre im Sinne von Blended Learning“, erklärt Apostolopoulos.

Das neue Ziel heißt: „E-Learning 2.0“ weiter voranbringen. Grundlage dafür sind die sogenannten Web-2.0-Anwendungen, die es ermöglichen, eigene Inhalte einzustellen oder mit anderen Nutzern zusammenzuarbeiten. So können sich Studierende in einem Netzwerk – ähnlich wie Facebook – organisieren, gemeinsam Aufgaben lösen oder kleine Tests schreiben. Mehrere Professoren aus verschiedenen Universitäten und Orten könnten online gemeinsam einen neuen Studiengang organisieren und leiten. Die technischen Möglichkeiten seien gegeben, sagt Apostolopoulos. Oft scheitere es an einfachen Dingen. Schon vom Schulalter an müsse jedes Kind die Möglichkeit haben, zum Lernen ein Notebook zu nutzen, plädiert er: „Eine Abwrackprämie für die Bundesrepublik Deutschland ist gut – eine entsprechende Prämie für die Bildungsrepublik Deutschland noch besser.“ Wie erfolgreich E-Learning ist, zeigen die Reaktionen der Studierenden. „So macht Jura Spaß“, schreibt ein Nutzer im Diskussionsforum zu „Tele-Jura“. Und ein anderer stellt fest: „Danke für diese informative Show, da habe ich doch glatt etwas dazugelernt.“ Gestik und Mimik während einer Vorlesung, persönlicher Kontakt zu Kommilitonen und Dozenten sind allerdings nach wie vor wichtig, da sind sich die E-Learner einig. Was sich in einer Vorlesung abspielt, könne nie mit digitalen Medien ersetzt werden. An der Freien Universität Berlin macht es wohl die Mischung. Es geht nicht darum, das Konzept eines Campus zugunsten der Technologie aufzugeben, sondern um das Zusammenspiel von Mensch und Maschine. In welchen digitalen Welten wir uns in einigen Jahren bewegen, wird sich erst noch zeigen. Von „Beam me up, Professor“ darf geträumt werden.

Im Internet:

www.e-learning.fu-berlin.de

www.telejura.de

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