Zeitung Heute : „Das System führt dazu, dass wir zu wenig für Schwache tun“

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Die OECD hat das Bildungswesen scharf kritisiert. Warum wollen Politiker jetzt das geltende Schulsystem abschaffen, Frau Erdsiek Rave?

Das dreigliedrige System – Gymnasium, Real- und Hauptschule – ist Teil des Problems. Die mangelnde Durchlässigkeit führt dazu, dass wir zu wenig für Schwache tun. Das ist in einer Demokratie nicht hinnehmbar. Und angesichts der sinkenden Bevölkerungszahlen müssen wir alle Potenziale ausschöpfen. Wir hier in Schleswig-Holstein orientieren uns an skandinavischen Ländern, die ihre Systeme vor zehn bis fünfzehn Jahren auf die Gemeinschaftsschule umgestellt haben – mit Erfolg.

Warum aber sollten die Eltern von Gymnasiasten sich wünschen, dass ihre Kinder fortan mit schwächeren oder sogar sozial auffälligen Schülern unterrichtet werden?

Soziale Probleme gibt es in allen Schichten. Sie schwächen sich ab, wenn Schüler mit unterschiedlicher sozialer Herkunft länger gemeinsam unterrichtet werden. Die Grundschule zeigt doch, dass guter Unterricht mit heterogenen Gruppen möglich ist. Die jetzige soziale Selektion fördert die Spaltung der Gesellschaft. Außerdem wollen wir das Gymnasium ja nicht abschaffen. Es soll nur später beginnen, nämlich nach der zehnten Klasse.

Die SPD in Schleswig-Holstein will mit dem Thema in den Wahlkampf ziehen. Wie soll die Auflösung des dreigliedrigen Schulsystems vonstatten gehen?

Wir wollen das dreigliedrige System nicht auflösen, sondern überwinden. Dabei sollen die unterschiedlichen Schulformen in zehn bis 15 Jahren allmählich zusammenwachsen. Die Lehrerausbildung muss entsprechend umgestaltet werden.

Angela Merkel kritisiert, vielerorts würden zu spät Noten gegeben, man fordere zu wenig von den Schülern. Erkennt inzwischen auch die Linke die Bedeutung klarer Leistungsanforderungen?

Das ist kein Problem der Linken, sondern ein allgemein deutsches Problem. Gute Schüler werden immer noch als Streber abqualifiziert. Klare Anforderungen gehören aber in jedem System dazu. Wir müssen deshalb weiter die Einhaltung der Standards überprüfen und die Orientierung am Output steigern.

Die Bundesländer gehen in der Schulpolitik eigene Wege. Kein Land der Welt hat ein so uneinheitliches Schulsystem. Brauchen wir nicht eine konzertierte Aktion?

Wir erleben gerade eine konzertierte Aktion hinsichtlich der gemeinsamen Bildungsstandards und der Ganztagsschule. Doch die Einigkeit endet bei der Strukturdebatte. Wer immer noch für das dreigliedrige Schulsystem plädiert, ist rückwärts gewandt. Aber ich bin zuversichtlich, dass dieser ideologische Glaubenskrieg überwunden wird.

Peter Glotz meint, die Schulreformen würden zu langsam umgesetzt. Wann werden sich Effekte zeigen?

Schulforscher sagen, das dauert zehn bis fünfzehn Jahre. Ich bin optimistischer. Ich sehe schon jetzt viele Veränderungen.

Ute Erdsiek-Rave (SPD) ist die schleswig-holsteinische Kultusministerin.

Das Gespräch führte Anja Kühne.

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