Das T-Com-Haus : Ein Eigenheim mit Zulage

Mitten in Berlin steht ein Einfamilienhaus – es kann telefonieren und noch viel mehr

An so einem eiskalten Morgen schlendert keiner, die Menschen gehen zügig vorbei an diesem Grundstück an der Leipziger Straße. Dennoch ist keiner unter den Passanten, der nicht wenigstens einen kurzen Blick durch den Plexiglaszaun wirft – auf ein frei stehendes Einfamilienhaus mitten in der Berliner Innenstadt, Leipziger Ecke Wilhelmstraße, die Potsdamer-Platz- Hochhäuser sind von hier aus zu sehen. 56000 Autos fahren täglich vorbei, besser kann man ein Haus kaum platzieren, um auf sich aufmerksam zu machen. „Heute macht jeder Werbung, da wundert man sich über nichts“, sagt die Briefbotin, die an den Plattenbauten auf der anderen Straßenseite gerade die Post einwirft. Seit drei Monaten beobachtet sie die Bauarbeiten. Ob sie schon mal die Straßenseite gewechselt hat, um zu sehen, was denn drin steckt im Haus? „Nein, für so etwas haben wir keine Zeit, und so lange ist es ja auch noch nicht fertig.“

Wer weiß, ob jemals in der Leipziger Straße 13 in 10117 Berlin Briefpost zugestellt wird. Zwar ziehen am 1. April die ersten Bewohner ein, aber der Hausherr ist T-Com, die Tochterfirma der Deutschen Telekom, die für das Telefonieren im Festnetz zuständig ist. Sie zeigt in diesem Haus, was elektronische Kommunikation heute alles kann: E-Mail, SMS, MMS, via DSL und W-Lan auf dem PDA zu empfangen … Was alles an Technik aufgeboten ist, kann man schon draußen am Zaun lesen. Aber einen Briefkasten hat das Haus nicht.

Dafür ist neben der Tür ein DinA-4- großer Bildschirm, der auf Berührung reagiert. „Willkommen im T-Com-Haus“, steht da auf grauem Grund. Die Klingel darunter ist konventionell. Wenn nach 45 Sekunden niemand antwortet, reagiert das Haus: Dann kann der Besucher an der Tür eine Videobotschaft hinterlassen.

Das Haus mit „quaderförmigem Grundkörper“ in „eleganter Holzverschalung“ an dem weiße Säulen den „Balkon aus Stahl“ stützen, der wiederum „an eine laufstegartige Brücke angebunden ist“ – so steht das in einer Broschüre der Baufirma Weberhaus – ist eingerichtet von Neckermann, „jung und trendig“, wie der Produktmanager des Versandhauses sagt. Sehr farbenfroh vor allem: In jedem der drei Schlafzimmer, in der Küche, im Wohn- und im Arbeitszimmer, in den zwei Bädern, im Fitnessbereich ist jeweils eine Wand rot, gelb, grün oder blau gestrichen. Alles folge den „modernsten Wohn- und Wohlfühlkonzepten, sagt der Produktmanager. Das ist die Hülle.

Drin steckt die Technik von T-Com und Siemens. Modernste Haustechnik, Sicherheitstechnik, Hausgeräte der neuesten Generation, aber vor allem Kommunikationstechnik. Jeder Bewohner wird mit einem PDA ausgestattet, einem persönlichen digitalen Assistenten, quasi der Fernbedienung für alles im Haus. Auch telefonieren kann man damit, oder man schickt eine SMS oder eine Mail. In den Regalen liegen auch Bücher und Zeitschriften, aber das ist im Wesentlichen Dekoration. Denn Filme, Musik, Spiele – alles kommt aus dem Internet und kann auf einem der flachen Bildschirme in jedem Raum abgerufen werden. Auch die Stimmung im Haus – das Moodmanagement – lässt sich per drahtloser Funktechnik steuern. Verschiedene Einstellungen stehen zur Verfügung: „aktiv“, „romantisch“, „entspannend“. Das Licht, die Musik, die Bilder auf den Monitoren stellen sich darauf ein.

Herzstück ist die Kommunikationszentrale im Eingangsbereich, ein auf Berührung reagierender Monitor wie der vor der Tür. Hier kann jeder Bewohner nicht nur seine persönlichen Nachrichten abrufen, sondern auch den Wetterbericht für die kommenden Tage ansehen, erfahren, wann der Bus vor der Haustür abfährt, was am Abend im Kino geboten wird, wer angerufen hat und so weiter.

Wer will so leben, mit Kameras und Bildschirmen, mit Kabeln und Funk überall? „Ich lebe so“, sagt Achim Berg, Marketing-Chef bei T-Com. Das Haus war seine Idee. 90 Prozent dessen, was man hier ausprobieren kann, habe er zu Hause schon, sagt Berg. „Wir wollen nicht zeigen, was in Zukunft alles möglich ist, wir zeigen, was es heute schon gibt.“ Ein Kühlschrank, der selber Milch nachbestellt, wenn die Tüte leer ist – „zu abgedreht, wir haben unsere Ingenieure zurückgepfiffen“. Computer, die aufs Wort reagieren? „Ich glaube nicht, dass Menschen gern mit Maschinen sprechen.“ Die Technik soll im Hintergrund bleiben, sagt Berg.

Andreas Prünn aus Kreuzberg würde gern einziehen. Er kommt gerade vorbei, wie jeden Tag, er ist auf dem Weg zur Arbeit. Im Internet kann man sich bewerben. Mehr als 10000 haben das schon getan. Das Los entscheidet, wer ab April für je vier Tage im Haus wohnen darf. Doch noch hat Prünn seine Frau nicht überzeugen können. „Sie kommt mit Technik nicht klar. Schon bei der Fernbedienung hört es bei ihr auf“, sagt er. Dabei hätte er ein klares Ziel für seinen Aufenthalt. „Ich würde gern herausfinden, wer am Ende Herr im Haus ist: ich oder die Technik. Was ist, wenn ich das Haus verlassen will und die Technik sagt Nein?“

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