Zeitung Heute : „Das Technikstudium lohnt sich“

Über Berufschancen von Frauen in Männerfächern

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Es gibt sie, die Frauen, die sich für ein Studium der Physik oder des Maschinenbaus entscheiden. Aber ihr Anteil in Physik, Informatik, Elektrotechnik, in Maschinenbau und Bau- oder Wirtschaftsingenieurwesen liegt in Deutschland unter 25 Prozent. Deshalb gelten diese Fächer als Männerdomäne. Die Soziologin Franziska Schreyer erforscht, welche Chancen sich Frauen mit einem Abschluss in geschlechtsuntypischen Studienfächern auf dem Arbeitsmarkt bieten.

Frau Schreyer, Sie sagen, die Entscheidung für ein Studium in einem dieser Männerfächer sei ein Kulturbruch. Lohnt sich für die Frauen dieser Kulturbruch hinsichtlich ihrer Berufschancen?

Ja – wie sich ein Studium überhaupt lohnt. Das Paradies erwartet Frauen aus Männerfächern aber ebenso wenig wie Frauen mit gängigen Studienfächern. Werbekampagnen, die Frauen für technische Bereiche gewinnen wollen, suggerieren zuweilen, die Frauen müssten nur etwas Vernünftiges studieren und nicht immer diese Geisteswissenschaften, dann stünde ihnen beruflich alles offen. Dem ist aber nicht so.

Was bietet der Arbeitsmarkt Frauen mit einem Hochschulabschluss in einem solchen Männerfach?

Sie haben häufiger unbefristete Verträge als Frauen aus geschlechtstypischen Fächern. Das ist ein deutliches Plus, gerade in Bezug auf Lebensplanung und soziale Sicherheit. Auch ihre Einkommen sind teils höher. Was die Aufstiegschancen betrifft, sind Frauen mit einem Männerfach genauso wenig in den obersten Machtetagen zu finden wie Frauen aus anderen Studienfächern. Vergleicht man die Arbeitsmarktchancen der Frauen, die sich für ein Männerfach entschieden, mit denen der Männer, die dasselbe studierten, zeigt sich eine deutliche Ungleichheit zu ungunsten der Frauen. Bei allen Arbeitsmarktindikatoren – sei es Arbeitslosigkeit, Einkommen, Aufstiegschancen – stehen die Frauen schlechter da als die Männer. Die Arbeitslosenquote der Ingenieurinnen und Informatikerinnen lag 2004 mit zehn Prozent doppelt so hoch wie bei Ingenieuren und Informatikern.

Trotz der enormen Nachfrage nach hochqualifizierten Ingenieuren schützt ein solches Studium also doch nicht vor der Arbeitslosigkeit?

Es ist ein Schutz, aber ein begrenzter. Gerade wenn Frauen ein Männerfach studierten, sind sie häufiger arbeitslos im Vergleich zu den Männern mit den gleichen Fächern und teils auch im Vergleich zu Frauen, die sich für ein frauentypisches Fach entschieden. Die These, Akademikerinnen seien deshalb mehr von Arbeitslosigkeit betroffen als Akademiker, weil sie sich immer für vermeintlich brotlose Fächer entschieden und nicht für die zukunftsträchtigen, innovativen Disziplinen, ist schlichtweg falsch.

Was sind die Ursachen für diese Ungleichheiten?

Eine Ursache ist sicherlich, dass in männerdominierten Bereichen die Arbeitszeitkultur eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf sehr erschweren. Teilzeit ist in den Ingenieurberufen quasi ein Fremdwort. Die entgrenzte Arbeitszeit stellt zum Beispiel in der IT-Branche für Frauen mit Kind ein Problem dar. Zudem sprechen die Geschlechterstereotype eher Männern Kompetenz in der Technik zu als Frauen.

Das motiviert kaum, sich als Frau für ein Ingenieurstudium zu entscheiden.

Ich will deutlich machen, dass wirkliche Veränderungen der Beschäftigungsbedingungen in den Unternehmen notwendig sind. Keineswegs will ich junge Frauen abschrecken. Denn auch ein solches Studium lohnt sich. Ganz eindeutig.

Das klingt wenig überzeugend ...

Der akademische Arbeitsmarkt ist privilegiert. Zwar gibt es diese Ungleichheit zwischen Mann und Frau bezüglich der Arbeitslosigkeit, aber die Arbeitslosenquote unter den Hochschulabsolventen ist viel geringer als bei weniger Qualifizierten. 2004 lag sie bei den Personen mit Hochschulabschluss bei vier Prozent, bei denen mit abgeschlossener Berufsausbildung bei zehn Prozent.

Das Gespräch führte Sybille Nitsche.

Franziska Schreyer erforscht die Berufschancen von Frauen und Männern. Die Soziologin ist Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarktforschung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg.

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