Zeitung Heute : Das tiefrote Kapital

Der bayerische Ölhändler Manfred Seel war einst ein überzeugter SPD-Mann. Nun ist er Chef eines Kreisverbands der Linkspartei. Viele seiner alten Parteifreunde hat er mitgenommen

Axel Vornbäumen[Bäumenheim]

Die Haare waren länger, damals, bei Franz Müntefering, die Ohren noch bedeckt. Manfred Seel, heute 53, weiß noch genau, wann das Foto gemacht wurde, Ende August ’98 war das. Am Tag zuvor hatte er geheiratet. Ein paar Wochen später dann war die Bundestagswahl gekommen und mir ihr die Macht, endlich, nach 16 langen Jahren. Glückliche Zeiten. Es sah gut aus für die Sozialdemokratie in jenem August ’98. Man kann dies heute noch erkennen in den Gesichtern, bei Seel, bei Münte.

Die Macht ist geblieben, nur die Visionen sind verloren gegangen.

Neun Fotos hängen an der Wand hinter dem Schreibtisch von Manfred Seel in Bäumenheim, was in der Nähe von Donauwörth liegt, was in der Nähe von Augsburg ist. Neunmal Seel. Immer das gleiche Motiv: Er, Seit’ an Seit’ mit der Creme de la Creme der deutschen Sozialdemokratie; Seel mit Schröder, mit Struck, mit Thierse, Seel mit Hans-Jochen Vogel, das sogar noch in Schwarz-Weiß, so lange ist das schon her. Ein politisches Leben ist da an der Bürowand zu besichtigen, seines. Und irgendwie muss es ein erfülltes gewesen sein, ein umtriebiges.

Willy, sagt Seel und zeigt auf die Bildergalerie, sei ihm am wichtigsten, dann Oskar. Der Rest ist – mittlerweile egal. Und Münte, sagt Seel, „nahezu tragisch“.

Manfred Seel war Gemeinderat, war Kreisrat, war Kreisvorsitzender. Einmal, 1992, war er auf Einladung der SPD sogar in Moskau, eine ganze Woche lang, tolle Sache. Er hatte in seinem Kreis, im Donau-Ries, die meisten Mitglieder für die Partei geworben – wohlgemerkt, die meisten Mitglieder von ganz Bayern! Er hatte in jener Zeit die Zahl der SPD-Mitglieder allein in Bäumenheim „hochgebeamt von 39 auf 196“. Er war eine Art Menschenfischer, der nach der Devise handelte: „Die Mitgliederwerbung endet erst beim CSU-Fraktionsvorsitzenden, aber die Frau des CSU-Fraktionsvorsitzenden kann ruhig angesprochen werden.“ Dabei ist das Donau-Ries nicht gerade als sozialdemokratische Hochburg bekannt. „A Roter“ zu sein ist der Mehrheit in dieser Region eher suspekt. Der Sinn darin will sich nicht so recht erschließen.

Es muss also wehgetan haben, als Manfred Seel die SPD im Jahr 2003 verließ, nach 24-jähriger Mitgliedschaft – und zwar für beide Seiten, für ihn und für die SPD. Er wollte Schröders Agenda-Politik nicht in seine Seele lassen, damals, die tiefen Schnitte ins soziale Netz. So hat er sein Parteibuch abgegeben und ist geblieben, was er immer war – ein Linker.

An einem Donnerstagabend im Juli 2007, „musikalisch umrahmt von den Mehlprimeln und in Anwesenheit von mehr als 60 Zuhörern“,wie es in der örtlichen Zeitung am anderen Tag heißt, hat Manfred Seel im Nachbarort Kaisheim den Kreisverband Donau-Ries/Dillingen für die Linke gegründet. Sogar Klaus Ernst war eigens angereist, der Vizechef der Linken. Ernst hat an diesem Abend gesagt, die Politik der SPD sei so, als lade ein Vegetarierklub seine Mitglieder zur Schlachtschüssel ein. Das war vielen im Saal plausibel, obwohl man im Donau-Ries eigentlich nichts gegen deftige Kost einzuwenden hat.

Es gibt ein Bild, das Manfred Seel im Kreis seiner neuen Genossen zeigt, der neue achtköpfige Kreisvorstand kurz nach der Gründung. Seel trägt als Einziger Krawatte und hat einen mächtigen Blumenstrauß in der Hand. Das Bild ist ein Dokument, es bezeugt, dass das politische Leben von Manfred Seel weitergeht.

Das war vor ziemlich genau zwei Wochen. Manfred Seel sagt: „Ich bin überzeugter Sozialdemokrat. Eine sozialistische Demokratie ist nicht so weit weg von der alten SPD.“ Seit diesem Donnerstagabend, musikalisch umrahmt von den Mehlprimeln, ja, da war ein wenig Unruhe zu spüren im Kreis. Der in Donauwörth beheimatete CSU-Staatssekretär Georg Schmidt forderte Seel postwendend auf, zu sagen, „ob er wirklich den Kreisverband einer Partei gegründet hat, in der ehemalige Stasi-Leute und Altkommunisten ihre politische Heimat haben“. Das neue Parteimitglied Leo Wagner, ein kerniges Mannsbild, das den strukturellen Ungerechtigkeiten dieser Welt körpersprachlich mit fortwährend verschränkten Armen begegnet, ist in der Dorfkneipe angesprochen worden: „Bist jetzt a Kommunist?“ Wagner hat darauf geantwortet: „Besser a Kommunist als a politischer Blindgänger.“ Dann war Ruhe.

Manfred Seel hat in diesen ersten Tagen eine Form von „kalter gesellschaftlicher Aussperrung“ gespürt; die, die sonst aus ihren Autos heraus gegrüßt haben, haben plötzlich geradeaus geschaut. Ein Nachbar hat ihm gesagt: „Musste es denn unbedingt die Linke sein, hätten denn die Grünen nicht gereicht“, ein CSU-Bürgermeister hat verständnislos gefragt: „Warum tust du dir das an in deinem Alter?“ Und die neue Beisitzerin Bianca Köhnlein ist gleich am nächsten Morgen nach der Kreisverbandsgründung in ihrem Betrieb von einem Arbeitskollegen mit dem Satz „Lieber tot als rot“ begrüßt worden. Es war eine kurze Zeit heftiger Irritation, mit den dazugehörigen Ingredienzen regionaler Deftigkeit. Und dann kam das Feuerwehrfest.

Das Feuerwehrfest, sagt Erika Müller, war der Durchbruch. Müller, 63, war mit Manfred Seel dort – „und wissen Sie was?“, sagt die langjährige Betriebsrätin, die ebenfalls 2003 nach zahlreichen schlaflosen Nächten das SPD-Parteibuch abgegeben hatte, „es ist uns sogar gratuliert worden für unsere Standfestigkeit“.

Ein Strahlen geht über Erika Müllers Gesicht, als sie das erzählt. Wahrscheinlich ist das die Kurzfassung der Geschichte von einer neuen politischen Heimat, die jemand nach langer Suche und nach Jahren desillusionierendem Einzelkämpfertums in der Diaspora gefunden hat. „Jetzt“, sagt Müller, „sind wir wieder so weit, dass wir unsere Politik machen können.“ Mitte Juni war sie von Bäumenheim nach Berlin gereist, zum Vereinigungsparteitag der Linken ins Hotel Estrel. Als dann Lafontaine sprach und sich auf das Erbe Willy Brandts berief, da wusste sie, dass sie richtig war. Lafontaine hat sich zuvor noch auf Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht berufen, wenig später auch noch auf Perikles und darauf, dass politische Angelegenheiten im Interesse der Mehrheit entschieden werden müssten, aber Erika Müller hat das mit Willy schon gereicht.

Es gibt viele bei der Linken im Westen, die sich in diesen Tagen auf das Erbe Willy Brandts berufen, was bei den Sozialdemokraten als besonders perfide empfunden wird. Eine seltsame Deutungsschlacht hat da begonnen, ein unversöhnliches Zerren, nur dass die, die sich bei der Linken auf Brandt berufen, es womöglich weniger aus taktischen Gründen tun, als es bei der SPD vermutet wird.

Erika Müller sitzt an einem langen Holztisch im Garten von Manfred Seel. Er hat eigens ein paar Mitstreiter versammelt, um einen Querschnitt seines Kreisverbandes zu präsentieren. Sechs neue Linke im Donau-Ries, fünf davon ehemalige Sozialdemokraten, keiner davon auf Hartz IV. Es ist eine ungewöhnliche Runde an einem ungewöhnlichen Ort, ein parkähnliches Gelände, 2000 Quadratmeter, Kreuzgarten, Gartenteich mit 30 Fröschen und einem Landhaus, das es in jeder Hinsicht mit dem Domizil des Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine aufnehmen kann, vor allem in puncto Stil. „Man muss wegkommen von dem Bild, dass die Linke ein Sammelbecken von Frustrierten und Arbeitslosen ist“, sagt Seel, der allein schon deshalb Schwierigkeiten hat, Arbeitslose für seine neue Partei zu werben, weil es im Donau-Ries so gut wie keine gibt. Er hat einen Krug Wasser kommen lassen. Und Eiskaffee. Die Arbeitslosenquote liegt übrigens bei 3,5 Prozent, das ist quasi Vollbeschäftigung. Kein ideales Terrain für die Tiefroten, möchte man meinen.

Ja, sie ist bisweilen schon bizarr, die Suche nach dieser neuen, alten Partei, die sich aufgemacht hat, von oben das Parteiensystem zu verändern und nun von unten dringend wachsen muss, will sie mehr sein als ein ehrgeiziges Kunstprodukt des Duos Oskar Lafontaine/Gregor Gysi, das gegenwärtig um den Eintrag in die Geschichtsbücher kämpft.

Die Momentaufnahme ist in mildes Licht getaucht in diesem Sommer ’07. Ein wenig sieht es fast so aus, als stünden derzeit alle Zeichen auf Tiefrot. 3000 Neueintritte hat die Partei seit Mitte Juni zu verzeichnen, die ersten schon wenige Minuten, nachdem die neue Internetseite der Partei freigeschaltet worden war, darunter auch ein paar regionale Größen aus dem Gewerkschaftslager und immer wieder frustrierte Sozialdemokraten.

In der Sonntagsfrage des konservativ angehauchten Umfrageinstituts Allensbach steht die Linke derzeit bei 12,5 Prozent. Vom „Zauberklang des Sozialismus“ schreibt die „FAZ“. Das Ziel von der dritten Kraft im Bund scheint möglich. Es sind schmerzhafte Werte, vor allem für die Sozialdemokratie, die die Demoskopen vom Bodensee da gerade erheben – 44 Prozent der Bevölkerung trauen der Linken zu, „soziale Unterschiede zwischen Arm und Reich abzubauen“, nur neun Prozent glauben, dass auch die SPD das schaffen könnte. Freiheit durch Sozialismus? Lafontaines Parole verursacht offenbar weniger Schrecken als gedacht, dafür mehr Hoffnung als vermutet.

44 Prozent, das ist eine ganze Menge an Erwartung an eine Partei, „die mit populistischen Parolen ins politische Nirwana“ weist, wie es der künftige SPD-Vize Frank-Walter Steinmeier kürzlich beschrieben hat. Bei der SPD ist man deutlich bemüht, die Konkurrenz am linken Rand als politisches Irrlicht darzustellen. „Parasitär“ sei das, was die Lafontaine-Truppe da mache, hat SPD-Fraktionschef Peter Struck dieser Tage im Tagesspiegel geschimpft, er bedaure jeden, „der meint, rübergehen zu müssen“.

Doch dass die Klischees bisweilen so passgenau nun auch wieder nicht sind, macht Manfred Seel an diesem Nachmittag in seinem parkähnlichen Garten sichtbar Vergnügen. Einen Kommunisten wird man ihn auch bei großzügigster Auslegung des Begriffs kaum schimpfen können. Seel ist Mineralölgroßhändler, er hat die elterliche Kohlenhandlung zu einem mittelständischen Unternehmen mit 30 Angestellten ausgebaut. Das hat ihm Anerkennung im Ort eingebracht – und das erleichtert es ihm nun, dass seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen nicht postwendend ins Reich von Utopia verwiesen werden. Harte Arbeit, wenig Freizeit – und immer in Opposition zu dem, was Seel „Krümeltheorie“ nennt. Wer in der Gesellschaft arbeite, der dürfe nicht nur die Krümel abbekommen, sondern seinen verdienten Teil vom ganzen Kuchen – das ist sein Credo.

Es ist so etwas wie eine Arbeitswelt mit menschlichem Antlitz, für die Seel in erster Linie ficht. „Der Arbeiter“, sagt er, „wird heute verschlissen wie nie zuvor.“ Nur solange man funktioniere, sei man angesehen. Dass die SPD just in Zeiten ständig wachsenden Leistungsdrucks „ins soziale Netz hineinrasiert“, das sei für ihn das größte Übel gewesen.

Manfred Seel hat einen Onkel, den er in seinem Betrieb auf 400-Euro-Basis beschäftigt. Zwei Tage hintereinander Öl ausfahren, zumal in diesen Wochen, wo es im Führerhaus fast unerträglich heiß werde, das sei für den 63-Jährigen das Maximum dessen, was er noch leisten könne – mehr sei bei dieser anstrengenden Arbeit nicht drin. So viel zum Thema Rente mit 67!

Die Rente mit 67 – das ist auf Müntes Mist gewachsen. Mit Manfred Seels Vorstellungen von einer humanen Arbeitswelt hat das nichts zu tun. Hat er schon mal dran gedacht, das Foto abzuhängen? Ach nein, sagt Manfred Seel, damals waren wir beide ja noch Sozialdemokraten.

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