DAS TÖTEN GEHT WEITER : Schüsse auf Trauernde

Auch am Sonntag ist nach Angaben der syrischen Opposition das Töten im Land weitergegangen. Mehr als 50 Menschen starben in verschiedenen Regionen, viele durch Scharfschützen, die Trauerzüge unter Feuer nahmen. Die „Freie Syrische Armee“ erklärte durch einen Sprecher, die Moral der regulären Truppen werde immer schlechter. Viele Einheiten seien in einem „erbärmlichen Zustand und stehen kurz vor dem Kollaps“. Aber nach dem erneuten Scheitern der UN-Resolution hat auch die Moral der Opposition heftig gelitten. In mehreren Foren wurde kommentiert: „Jetzt hilft uns nur noch Gott.“Und die syrische Führung versuchte erst gar nicht, ihre Häme über die Abstimmung im Sicherheitsrat zu verbergen: „Al Baath“, das Parteiblatt von Präsident Assad, nannte das Veto einen harten Schlag für die westlichen Verschwörer und deren arabische

Komplizen.

Kurz vor der Abstimmung über die Resolution hatte die syrische Armee nach Angaben von Menschenrechtsgruppen am Samstag in der Stadt Homs ein bisher beispielloses Massaker an Bewohnern verübt. Stundenlang und systematisch wurden die sunnitischen Wohnviertel Khalidiyeh, Bab Amr und Qusur mit schwerer Artillerie und Panzerraketen unter Feuer genommen. Nach Angaben der „Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ in London und des „Syrischen Nationalrats“ starben mindestens 230 Menschen in ihren Häusern. Über tausend Bewohner wurden verletzt, darunter viele Frauen und

Kinder.

Wenn sich die von den Regierungsgegnern genannten Angaben bewahrheiten, wäre dieser Angriff auf Homs tatsächlich der folgenschwerste einzelne Vorfall seit dem Beginn der Proteste gegen Assad Mitte März 2011. Das Regime in Damaskus bestritt diese Berichte. Wegen der starken Einschränkungen der Medien in Syrien lassen sich die Angaben von unabhängiger Seite allerdings nur schwer überprüfen.

Amateurvideos aus Homs zeigten panische Szenen aus der Moschee des bombardierten Stadtteils Khalidiyeh, die als provisorische Notaufnahme für Verletzte hergerichtet worden war. Auf dem Boden des Gotteshauses waren auch zahlreiche Tote zu sehen. Andere Bilder dokumentierten die verzweifelten Versuche von Bewohnern, ihre brennenden Häuser zu löschen.

Aus Protest gegen das Blutvergießen stürmten Regimegegner in zahlreichen europäischen und arabischen Hauptstädten die syrischen Botschaften. Tunesien kündigte an, den syrischen Botschafter des Landes zu verweisen und forderte alle anderen arabischen Staaten auf, das Gleiche zu tun. Nach dem Granatenfeuer in der Nacht trauten sich die Einwohner von Homs am Sonntag allmählich wieder auf die Straße. Zwischen Leichen und Trümmern suchten sie nach Vermissten. „Im Stadtteil Khalidiyeh haben die Beerdigungen begonnen“, sagte Ahmad al Kassir, Mitglied des Revolutionsrats in Homs, der Nachrichtenagentur AFP. Nahezu 200 Märtyrer würden im Freiheitspark beigesetzt, ergänzte Hadi Abdullah, Stadtteilaktivist und Mitglied der Generalkommission der Syrischen Revolution. Tausende Einwohner hätten sich an Trauerprozessionen in Khalidiyeh beteiligt. M.G./dpa/AFP

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