Zeitung Heute : Das Treibstoffhaus

2500 Mal am Tag kommen die Bitten der Tankstellenpächter: „Macht das Benzin billiger.“ Dann fangen sie bei Aral an zu rechnen

Bernd Hops[Bochum]

Irgendwann reicht es, „was soll das denn? Ihr verdient doch sowieso schon genug!“, lärmt es aus dem Telefonhörer. Edda Albermann sagt: „Denken Sie noch einmal nach und rufen Sie in einer Stunde an. Oder am besten morgen.“ Dann legt sie auf.

Albermann arbeitet in der Zentrale von Aral in Bochum. Sie sitzt in einem Großraumbüro im fünften Stock. Ein paar Zierpflanzen, ein paar Computer und viel Papier. Die Angestellten an den Rechnern sind ruhig und unauffällig. Sie legen die Preise für alle 2700 deutschen Aral-Tankstellen fest. Niemand verkauft so viel Benzin im Land wie Aral.

Nicht nur Kunden beschimpfen die Preismacher. Gerade war es ein Tankstellenpächter, der die Nerven verloren hat. Denn der steht zwischen den Fronten. Er gilt als Vertreter des Unternehmens und bekommt täglich den Unmut an seiner Kasse ab. Dabei würde er sich nichts lieber wünschen als niedrige Preise. Für jeden Liter, den er verkauft, erhält er eine Provision. Es ist immer dieselbe, egal wie teuer das Benzin ist. Und bei niedrigen Preisen wird auch mehr getankt.

„Die meisten verstehen, weshalb die Preise angehoben werden, wenn wir es ihnen erklären“, sagt Albermann. Der hohe Ölpreis, die unsichere Lage im Nahen Osten, die knappen Benzinvorräte in den USA. Manchmal verliere aber auch sie selbst die Nerven. Man mag es der kleinen Frau, Anfang 40, gar nicht glauben, überhaupt scheint Hektik hier im Großraumbüro unbekannt zu sein. Dabei kommen minütlich die Bitten der Pächter per Satellit auf die Bildschirme – man möge ihnen erlauben, Benzin und Diesel an ihrer Tankstelle wieder billiger zu machen. Jede Minute, die die Pächter auf eine Antwort warten müssen, bedeutet vielleicht den nächsten bösen Anruf.

„Heute kommen bis zu 2500 Preisanträge pro Tag in die Aral-Zentrale“, sagt Rolf Klein, er leitet die Abteilung der deutschen Tankstellentochter des britischen Ölkonzerns BP. Das bedeutet, dass sich jeden Tag fast an jeder Aral-Tankstelle in Deutschland die Preise ändern. „Vor anderthalb Jahren waren es gerade einmal 1000 Anträge.“ 15 Vollzeitkräfte wie Edda Albermann arbeiten die Wünsche der Pächter jeden Tag von morgens 7 Uhr bis abends kurz nach 19 Uhr ab. Nur sonntags ist Ruhe.

Wenn die Frühschicht an die Rechner kommt, warten oft schon einige hundert Anträge, die über Nacht eingelaufen sind, auf Bearbeitung. Und der Berg schiebt sich durch den ganzen Tag. „Jeder denkt dann natürlich, er würde am meisten arbeiten“, sagt Klein. Er hat deshalb einmal etwas vorgeschlagen: Jeder, der den Eindruck hat, mehr machen zu müssen als die anderen, solle eine kleine rote Fahne auf seinem Schreibtisch hissen. Seitdem ist die Stimmung wieder besser. Die Fahne war den meisten dann doch zu albern.

Noch nie haben sich die Treibstoffpreise in Deutschland so rasch verändert wie heute. Noch nie waren sie so hoch, und noch nie waren die regionalen Unterschiede so groß. „Wenn ich auf einer Tour irgendwo den Liter Diesel für unter 90 Cent sehe, dann mach ich direkt voll“, sagt ein Taxifahrer. „In zwei Stunden kann es schließlich schon wieder ganz anders aussehen.“ Wer in Großstädten unterwegs ist, hat in der Regel Glück. Der Unterschied zu ländlichen Gebieten kann bis zu 14 Cent betragen. „Früher waren schon zehn Pfennig zu viel“, sagt Klein.

In Berlin, Hamburg, Köln oder München sind alle großen Tankstellenketten vertreten, die Pächter beobachten sich genau. Hinzu kommen Einkaufszentren mit angeschlossener Zapfsäule, für die billiges Benzin ein Werbemittel ist. Die Hälfte der Autofahrer schaut mittlerweile danach, wo sie ihren Sprit am billigsten bekommt. Die übrigen bleiben den großen Marken wie Aral, Shell oder Esso treu, weil sie glauben, ihrem Motor damit etwas Gutes zu tun. Vor zwei Jahren lag das Verhältnis noch bei 20 zu 80 Prozent.

Statistisch gesehen gibt es zwei Tage pro Woche, an denen die Preise steigen. Aber nach jeder Erhöhung setzt sofort die Erosion ein. „Wir haben unseren Pächtern empfohlen, mindestens drei Mal am Tag die Preise der Tankstellen in der Umgebung festzustellen“, sagt Klein. Die Hektik sei heute jedoch so groß, dass selbst das oft nicht reiche. Sieht ein Pächter, dass ein Konkurrent in der Nachbarschaft die Preise senkt, teilt er das der Zentrale mit. Dort wird geprüft, ob die Angaben richtig sind. Wenn ja, erfolgt die Freigabe: „Ziehen Sie nach.“ Im Schnitt verbilligt sich Benzin so pro Tag um 0,8 bis einen Cent. Bis zur nächsten Preiserhöhung. „Niemand ist da gern der Erste“, sagt Klein. „Wem es am meisten weh tut, der bewegt sich aber – und verlangt mehr.“

Wie sehr es weh tut, sehen die Aral-Mitarbeiter bei jedem Preisantrag, den sie auf ihren Bildschirm bekommen. Denn jedes Mal wird auch angegeben, wie viel an der betreffenden Tankstelle am Benzin noch verdient wird – oder verloren. Sorgen machen müssen sie sich aber nicht. Aral verdient dank seiner Markenmacht weiter Geld. Dafür wirtschaften viele freie Tankstellen am Existenzminimum.

Bei ihrer Kritik an den Ölkonzernen sind einige Kunden wenig zimperlich. Da ist der Geschäftsmann, dessen Frau wegen des hohen Benzinpreises ihren Nebenjob nicht mehr ausüben kann. Den Ausfall in der Haushaltskasse – 12000 Euro im Jahr – soll Aral doch gefälligst umgehend auf das angegebene Konto überweisen, schreibt er. Sonst kümmere sich der Anwalt um die Angelegenheit. Ein anderer ist deutlicher: „Ihr habt einen 11. September verdient, ihr Abzocker.“

Abteilungsleiter Klein beunruhigt das nicht. „Ich mach’ nur meinen Job. Was hab’ ich mir vorzuwerfen?“ Überhaupt sei die Lage früher schon wesentlich ungemütlicher gewesen, sagt Klein. Aral schätzt die Situation anders ein. Die Firma nahm Kleins Foto gerade von ihrer Internetseite – aus Sicherheitsgründen.

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