Zeitung Heute : Das trübe Wetter genießen

Brigitte Grunert

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Was heißt schlechtes Wetter? Das Wetter ist meistens schön oder doch stimmungsvoll. Selbst der trübe November hat seine Reize. Manche Leute werden jetzt zwar melancholisch, weil ihnen die Tage trostlos erscheinen, aber unsereiner mag sich das nicht leisten. Also hinunter zum Schlachtensee. Der ist bei jedem Wetter idyllisch. Gewiss glänzt der Wald nicht mehr so farbenprächtig wie im goldenen Oktober. Und das Laub ist nass, es raschelt nicht mehr angenehm unter den Füßen. Dafür ist der Wald durchsichtig. Merkwürdig, man sieht mehr. Man hört auch jeden Laut der Natur besser. Wunderbar still ist es geworden, kein lärmendes Gedränge mehr wie in der so genannten schönen Jahreszeit. Nur noch wenige Spaziergänger, Jogger, Schnellgeher, Hunde sind unterwegs und keine Ruderboote mehr auf dem See. Außer den Vögeln hört man höchstens das ferne Summen von der Avus her und die unsichtbare S-Bahn rattern.

„Nun guck dir das an, da hat sich schon wieder eine gekreuzt“, sagt eine Frau zu ihrem Begleiter, indem sie auf einen Erpel mit angedeuteter Haube am Kopf zeigt. Es kommt eben vor, dass sich prächtige bunte Zierenten mit gewöhnlichen Enten paaren. Auf dem spiegelblanken See ziehen Blesshühner und Entenpaare Wellendreiecke hinter sich her. Kaum wirft einer die ersten Brotkrumen ins Wasser, schwimmen sie in Scharen herbei. Woher wissen sie bloß, dass es Futter geben könnte? Auch die Kormorane, diese gänsegroßen schwarzen Seeraben, kann man jetzt gut beobachten, da sich die Uferbepflanzung gelichtet hat. Wie Säulenheilige hocken sie auf ihren aus dem Wasser ragenden Stäben.

Im Kaffeegarten an der Alten Fischerhütte ist nichts mehr los. Eine einzige Besucherin hat sich niedergelassen, noch einmal einen Imbiss im Freien zu genießen. Vier muntere Spatzen leisten ihr dabei Gesellschaft. Die wissen nichts von Melancholie. Die Frau amüsiert es sichtlich, wie sie vor ihrem Teller herumhüpfen. Eine Krähe krächzt dunkel. Aber die letzten Buschrosen und der letzte Lavendel blühen noch, als wollten auch sie dem nieseligen Tag trotzen.

Die S-Bahnlinie 1 hält nur wenige Schritte entfernt vom Ufer am Bahnhof Schlachtensee

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