Zeitung Heute : Das tschechische Gefühl

Der Tagesspiegel

Von Paul Kreiner

Vielleicht möcht’ Sie das interessieren.“ Alfred Tihon erzählt aus seinem Leben. Er tut es im deutschen Begegnungszentrum von Moravská  Trebová , das Mährisch Trübau hieß, als es noch die Mitte einer fast rein deutschen Sprachinsel war. 130000 Menschen wurden 1945 hier vertrieben. „Mich haben sie nicht rausgelassen“, sagt Tihon, Jahrgang 1930, während im Saal die deutsche Minderheit Osterlieder singt. Die Schar ist klein: 25 alte Leute haben sich im Museum der Kleinstadt versammelt, deutlich mehr als sonst beim allwöchentlichen Treffen zu Kaffee und Kuchen. Man wohnt zerstreut; jeder hat im Durchschnitt 80 Kilometer Anfahrt zu bewältigen. Dafür sind diesmal auch Enkel und Urenkel da, die sich im Deutschkurs mühsam an die Sprache ihrer Vorfahren herantasten. Sie singen Lieder für die Senioren und rühmen den „scheenen Friiehling".

Alfred Tihon und seine Mutter hatten 1945 den „Aussiedlungsbefehl“ schon in der Tasche, als den Behörden plötzlich die „sportliche Gestalt“ des 15-Jährigen auffiel: „Da haben sie mich zurückgehalten und ins Kaolin-Bergwerk gesteckt.“ Später ging’s zur Zwangsarbeit in die Kohlegruben von Ostrau. Auch das Haus hat man den Tihons weggenommen. Das bekamen sie zwar 1952 zurück, aber als Alfred Tihon 40 Jahre später den kleinen Landbesitz seiner Großeltern wiederhaben wollte, verweigerte sich der Staat: Sein deutschstämmiger Großvater habe bei seinem Tod 1949 aufgrund der Benes-Dekrete keine tschechoslowakische Staatsbürgerschaft besessen; eine Rückgabe aber sei an die Staatsbürgerschaft gebunden. Tihons Fazit: „So werden Deutsche auch heute noch diskriminiert.“

Alfred Tihon hat es aber vergleichsweise gut getroffen. So blieben ihm beispielsweise die „Aussiedlungslager“ erspart, in denen Deutsche zum Teil bis 1955 festgehalten wurden, sofern sie die Haftbedingungen überlebten. Und er hat in der CSSR seinen Weg gemacht. Andere, wie die kleine Lehrerin Brigitte Zboril am anderen Ende des Trübauer Kaffeetisches, hatten als Deutsche zeitlebens Schwierigkeiten. Zboril durfte 1945 in Mähren bleiben, weil sie einer gemischten deutsch-tschechischen Familie entstammte, die sich sprachlich allerdings, die Vornamen der Kinder – Karl, Erika, Brigitte – belegen das, eindeutig auf eine Seite geschlagen hatte. Zboril lernte erst nach dem Krieg Tschechisch. Zwangsweise. Als sie später selber Lehrerin war, durfte sie nur auf den Dörfern unterrichten. Noch in den 70er Jahren wurde ihr ein Visum für eine Reise nach Wien verweigert. Immer wieder, erzählt Brigitte Zboril, sei sie bei den Behörden angeeckt. „Bei dir war das schlimmer, weil du allein stehend warst“, wirft Zborils Nachbarin am Kaffeetisch ein: „Ich hab’ einen Tschechen geheiratet, weil die Deutschen so rar waren.“

Alfred Tihon („Tschihon, ich sprech’ meinen Namen tschechisch aus“) hat sich integriert. Er hat sich zum Steiger emporgearbeitet und bei der Feuerwehr engagiert. Er hat 27 Jahre bei der Buchhaltung der Gemeinde geholfen, und er hat ein Wirtshaus geführt. „Da hat mich die Politik in Ruhe gelassen.“

Irene Kunc kommt vorbei, die Leiterin der Begegnungsstätte in Mährisch Trübau und Präsidentin der Landesversammlung, wie die deutsche Minderheit heißt. „Sie müssen die Gespräche auf Tschechisch führen“, rät sie lachend, „das geht schneller.“ „Das können auch alle“, ruft eine Frau vom Nachbartisch. Nur die 80-Jährige nebenan grummelt: „Das sind Deutsche und reden Tschechisch miteinander. Ich versteh’ das nicht.“

Irene Kunc sagt, die Deutschen seien nach 1945 sehr unterschiedlich behandelt worden. Einheitlich war eigentlich nur die diskriminierende Rückgabepraxis von ehemaligem Eigentum. Und noch eins: Auch finanziell wurden die Deutschen–meist Bergarbeiter–sehr knapp gehalten. „Deshalb bekommen die Deutschen heute auch kleinere Renten.“ Mancher, heißt es, ist so arm, dass er sich kein Fernsehen mit Satellitenantenne für den Empfang deutscher Sender leisten kann. Außerdem, sagt Irene Kunc, fehlten durch die Vertreibung und den Schulausschluss der verbliebenen Deutschen „15 Jahre Intelligenz“. 1964 ging dann auch die deutsche Sprache verloren: „Da ließ man Deutsche aussiedeln, die man 1945 zur Arbeit hier behalten hatte. Meine Großeltern zum Beispiel. 1964 waren sie im Rentenalter. In der Familie hatten wir danach keine Gelegenheit mehr, Deutsch zu reden.“ Und die Einschüchterung, der die kleinen Leute ausgesetzt waren, wirke sich bis heute aus, sagt Kunc: „Nach der neuesten Volkszählung gibt es 48000 Deutsche in Tschechien. Aber 60000 haben einen deutschen Reisepass. Das passt nicht zusammen. Da haben sich viele nicht deklariert, weil sie sich gegenüber den tschechischen Behörden immer noch nicht trauen, ihre deutsche Abstammung zuzugeben.“

Die 22 Begegnungszentren in Tschechien werden vom deutschen Staat finanziert. Sie sind erst nach der Wende entstanden und haben den Deutschen erstmals seit 40 Jahren ermöglicht, sich zu treffen. Doch auch diese Zentren erreichen nur einen kleinen Teil der Deutschstämmigen. „Die Jugendlichen“, sagt Irene Kunc, „haben bei einer Arbeitslosenrate von 17 Prozent andere Sorgen, als zu uns zu kommen.“

Das Verhältnis zwischen tschechischer Mehrheit und deutscher Minderheit sei mittlerweile wirklich nicht schlecht, sagt Irene Kunc. Auch der jüngste Politikerstreit um die Benes-Dekrete und die Worte, mit denen Tschechiens Ministerpräsident Milos Zeman die Sudetendeutschen beschimpft hat – „Wörter wie ,Hitlers Fünfte Kolonne’ betreffen nicht nur die Vertriebenen, sondern uns alle“ –, hätten das Verhältnis nicht beschädigt. „Die Minderheit tut gut daran, Abstand von der hohen Politik zu halten“, sagt Kunc. Abstand halten will man auch zur Sudetendeutschen Landsmannschaft und deren radikalen Forderungen. „Sicher“, sagt Irene Kunc, „den Vertriebenen ging es in den ersten fünf Jahren schlechter als uns. Aber sie haben in Freiheit gelebt und konnten studieren. Viele von uns sagen, es wäre besser gewesen, man hätte uns alle vertrieben.“ Aber jetzt, fährt sie fort, „leben wir eben in Tschechien, und wir haben viel Gefühl für Tschechisches“.

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