Zeitung Heute : Das tut weh!

Wie unser Schmerz-Gedächtnis entsteht

Irene Meichsner

Viele Dinge tun weh. Hinzufallen, sich den Kopf zu stoßen oder den Fuß zu verstauchen. Aber auch Liebeskummer schmerzt. Oder das Gefühl, von Mitmenschen gemieden zu werden. Es schlägt sich im menschlichen Gehirn sogar ganz genau so nieder wie körperliche Pein. Das entdeckte erst vor kurzem die Hirnforscherin Naomi Eisenberger aus Los Angeles, als sie Testpersonen zu einem virtuellen Ballspiel am Computer antreten ließ.

Der Versuch war so gestaltet, dass einige Teilnehmer das Gefühl haben mussten, von ihren Mitspielern missachtet zu werden. Egal was sie taten, niemand spielte ihnen einen Ball zu. Ihre Gehirne reagierten mit einem erhöhten Blutfluss im „Gyrus cinguli“, einer Hirnregion, die auch aktiv wird, wenn Menschen körperlicher Schmerz zugefügt wird. Seelischer und physischer Schmerz haben offenbar sehr viel mehr miteinander gemein, als es die Wissenschaftler erwartet hatten, für die Schmerz bislang weitgehend eindimensional war.

Chinesen kennen keinen Schmerz

Wenn wir uns in den Finger schneiden, fangen winzige Schmerzmelder („Nozizeptoren“) chemische Signale aus dem verletzten Gewebe auf. Sie verwandeln die Botschaft in elektrische Impulse und schicken sie in rasendem Tempo über Nervenbahnen ins Gehirn. Erst wenn sie dort anlangen, spüren wir, was geschehen ist – und können daraus lernen, beim Zwiebelschneiden künftig vorsichtiger zu sein. Doch das Hirn reagiert nicht immer gleich. Entscheidend ist, welche Bedeutung es dem Schmerz beimisst, und da gibt es gewaltige Unterschiede – von Mensch zu Mensch, Familie zu Familie, Kultur zu Kultur.

Sich vom Zahnarzt ohne Betäubung behandeln zu lassen, wäre für die meisten Amerikaner inzwischen undenkbar. In China ist es völlig normal. In Notsituationen kann der Mensch unvorstellbare Schmerzen ertragen. Im Frühjahr machte Aron Ralston Schlagzeilen. Der 27jährige Hobbybergsteiger aus den USA war fünf Tage lang in einem Felsen eingeklemmt, bevor er sich befreien konnte: Mit einem Taschenmesser amputierte er sich den rechten Arm. „Ich weiß selbst nicht genau, wie ich das geschafft habe“, berichtete er später: „Ich fühlte den Schmerz. Aber ich habe ihn überwunden und einfach weitergemacht.“

Menschen, die an mitunter schweren Schmerzen in Körperteilen leiden, die wegen einer Amputation gar nicht mehr existieren, sind das gegenteilige Extrem. Gerade das Beispiel solcher „Phantomschmerzen“ lehrte die Wissenschaftler: Schmerz ereignet sich im Kopf. Mit bildgebenden Verfahren lassen sich Schmerzerlebnisse im Hirn sichtbar machen. Doch nicht alles kann man dort sehen. Unsichtbar ist zum Beispiel das Schmerzgedächtnis, in das sich ein Schmerzerlebnis eingraben kann, ohne dass es noch eines äußeren Anstoßes bedarf. Weil es so schwer ist, solche chronischen Schmerzen aus dem „Schmerzgedächtnis“ wieder zu entfernen, sollten starke Schmerzen nicht unbehandelt bleiben. Indianer kennen keinen Schmerz? Der Satz ist unter Schmerzmedizinern out.

Körperlicher und seelischer Schmerz sind miteinander verschränkt. Und das heißt auch: Sie schlagen aufeinander zurück. Chronische Schmerzen befördern Depressionen. Umgekehrt kann sich die seelische Verfassung in körperlichem Schmerz niederschlagen. Wer in diesem Kreislauf einmal steckt, findet so schnell nicht wieder heraus. Besonders fatal ist dies für Tumorpatienten, von denen in Deutschland nach wie vor nur die Hälfte eine ausreichende Schmerzbehandlung erhält. Kürzlich bekräftigten Fachleute auf dem Deutschen Schmerzkongress in Münster die Forderung, diese Verhältnisse zu verbessern.

Hilfe wäre möglich

Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO liegen seit 17 Jahren vor, sie sind in deutschsprachige Behandlungsleitlinien umgesetzt, es gibt wirksame Medikamente und andere Behandlungsmethoden, dennoch erreichen sie nur einen kleinen Teil der Patienten. „Die hauptsächlichen Hemmnisse“, so der Ulmer Mediziner Gerhard Hege-Scheuing, Sprecher des Arbeitskreises Tumorschmerztherapie, „sind die mangelnde Aus- und Fortbildung in der Schmerztherapie und Palliativmedizin, die fehlende Erfahrung, unzureichende Versorgungsstrukturen und die schlichte Vernachlässigung des Problems.“

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