Zeitung Heute : Das Universum beschleunigt immer mehr

Der Tagesspiegel

Von Henning Engeln

Durch Vermessung einer riesigen Anzahl von Galaxien ist es einem Team von 27 Astronomen der Nachweis gelungen, dass unser Weltall immer schneller expandiert. Damit konnten sie mit einer zweiten, unabhängigen Methode bestätigen, was andere Astronomen vor wenigen Jahren erstmals verkündet hatten, was aber bislang nicht allgemein akzeptiert wurde.

Der Ursprung der heutigen kosmologischen Vorstellungen geht auf das Jahr 1929 zurück. Damals hatte der amerikanische Astronom Edwin Hubble erkannt, dass sämtliche Galaxien auseinander fliegen. Er hatte daraus die Idee vom Urknall entwickelt, von jenem Zeitpunkt also, an dem die gesamte Materie des Kosmos von einem Punkt aus „explodierte". Lange hatten sich die Astronomen gefragt, ob diese Ausdehnung des Alls sich allmählich verlangsamt – aber dennoch bis in alle Ewigkeit fortsetzt – oder ob irgendwann die Anziehungskraft zwischen den Sterneninseln so stark werden wird, dass sie sich wieder aufeinander zu bewegen, um in ferner Zukunft in einem Punkt zusammen zu stürzen.

Doch im Jahr 1998 hatten US-Astronomen die Fachwelt mit einer sensationellen Hypothese überrascht: Die Expansion des Weltalls würde sich gar nicht verlangsamen, sondern, im Gegenteil, immer mehr zunehmen. Ursache sei eine mysteriöse dunkle Energie, die den Kosmos auseinander treiben soll – eine Größe, die schon Albert Einstein als sogenannte „Kosmische Konstante" verkündet, aber später widerrufen hatte.

Die Wissenschaftler hatten ihre Erkenntnis mit Hilfe bestimmter, hell aufleuchtender Sterne gewonnen, Supernovae vom Typ Ia, deren Leuchtkraft als konstant angesehen wird. Anhand ihrer abnehmenden Helligkeit ließ sich auf ihre Entfernung zurückschließen – wie bei einer Taschenlampe, die sich immer weiter entfernt.

Das Tempo entnahmen die Forscher dem so genannten Doppler-Effekt. Er zeigt sich in der Verschiebung bestimmter Wellenlängen im Licht. Denn von Lichtquellen, die von uns wegeilen, erhalten wir eine in den roten Bereich verschobene optische Rückmeldung. Die Wellen „dehnen“ sich gleichsam mit zunehmender Geschwindigkeit. Käme die Quelle hingegen auf uns zu, würden die Wellen „gestaucht“, der Blau-Anteil des Lichts würde wachsen. Denselben Effekt kennen wir von der Polizeisirene. Kommt der Wagen auf uns zu, dann klingt das Signal heller, ist er an uns vorbei, wird der Ton tiefer.

Das Ergebnis der Analysen: Die Geschwindigkeit der frühen Sonnen war geringer als erwartet, also musste sich das Weltall in späteren Zeiten beschleunigt ausgehnt haben. Im Juni 2001 wurde diese Annahme an einer, mit 11,3 Milliarden Jahren sehr alten Supernova bestätigt. Doch noch immer bezweifelten manche Astronomen die Schlussfolgerungen. Es sei nicht sicher, dass die Leuchtkraft jener Sonnen tatsächlich immer gleich sei – und damit die „Eichung" der Methode nicht verlässlich.

Nun aber hat das Team um George Efstathiou von der University of Cambridge in Großbritannien einen ganz anderen Ansatz gewählt. Wie die „Royal Astronomical Society" berichtet, werteten die Astronomen Aufnahmen des Anglo-Australischen Teleskopes in Neusüdwales in Australien aus. Sie vermaßen die räumliche Verteilung von 250 000 Sterneninseln.

Diese verglichen sie mit der Verteilung der Materiestrukturen kurz nach dem Urknall vor 15 Milliarden Jahren. Und diese wiederum ließ sich anhand von Schwankungen in der so genannten kosmischen Hintergrundstrahlung ermitteln, welche frei wurde, als der Kosmos 300 000 Jahre alt war.

Aus diesem Vergleich schlossen die Astronomen auf die frühere Ausdehnungsgeschwindigkeit. Die Ergebnisse zeigen: Die Expansion des Weltalls verläuft heute tatsächlich schneller, das Universum muss voll sein von jener „dunklen Energie". Noch allerdings rätseln die Astronomen darüber, um was für eine mysteriöse Größe es sich dabei handelt und wie sie zu erklären ist.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar