Zeitung Heute : Das unvergessene Erbe

Sie war einmal die wichtigste Stadt auf dem Golan – dann kamen Israels Panzer und zerstörten sie. 31 Jahre lag die syrische Stadt Quneitra im Eis der Waffenruhe, jetzt beginnt der Wiederaufbau

Stefan May[Quneitra]

Es ist kaum vorstellbar, dass hier der Papst vor drei Jahren eine Messe gefeiert hat. Der Wind bläst über die Hochebene des Golan, pfeift durch die Fensterhöhlen, von der einstigen griechisch-orthodoxen Kirche steht nur noch das Skelett. Das Bellen streunender Hunde hallt in den Mauern nach. Auch ringsum nur Ruinen, abgedeckte Häuser, Stiegen, die ins Nichts führen. Das waren 1973 die Bulldozer und Panzer der israelischen Armee. Bevor sie sich aus Quneitra zurückzog, hat sie die Stadt zerstört.

„Die Zerstörung war nicht beabsichtigt, sie passierte“, sagt Sami Bar-Lev, der israelische Bürgermeister des damals gegründeten Quatzrin, der heute wichtigsten Stadt des noch immer von Israel besetzten Golan, ein paar Kilometer weiter. „Zuerst sollte nur ein Sicherheitsstreifen planiert werden, dann ging es einfach weiter. Man brauchte damals viel Material für Bunker und Schutzeinrichtungen, und das holte man sich aus Quneitra.“

Seither liegen die Ruinen der syrischen Stadt konserviert im Eis einer mehr als 31 Jahre währenden Waffenruhe. Der damalige syrische Präsident Hafez al Assad hatte Quneitra zum Mahnmal erklärt. Am einstigen Krankenhaus, dessen Fassade von Einschüssen zerlöchert ist, hängt eine Tafel mit der Aufschrift „Zerstört von den Zionisten“. Solange es keinen Frieden mit Israel gebe, werde Quneitra nicht wiederaufgebaut, hatte Assad stets erklärt. Und Frieden werde nur nach Rückgabe der Golanhöhen an Syrien geschlossen. „Land for peace“, das sollte der Handel sein. Bis heute ist es nicht dazu gekommen.

Vielleicht aber wird die Stadt Quneitra nun dennoch wieder aufgebaut. Während alle in den Libanon schauen, auf den Rückzug der dort stationierten Syrer, erobern diese auf dem Golan fast unbemerkt Territorium zurück. Offiziell bestätigt ist nichts, aber es schwirren Gerüchte durchs Land. Die konkreteren besagen, dass noch in diesem Jahr in Quneitra mit dem Bau von 25000 Wohnungen für 120000 Menschen begonnen werden soll. Das Geld komme von Saudi-Arabien und der EU, Japan werde die Infrastruktur aufbauen und ein amerikanisches Unternehmen das neue Krankenhaus. Im Gegenzug würden die Israelis ihren Zaun um ein paar Kilometer zurücknehmen. Auch sonst gibt es Anzeichen, dass sich auf dem Golan etwas ändert. Die syrische Bevölkerung hat sich in den letzten 30 Jahren hier mehr als verzehnfacht. Neue Ortschaften entstehen, die Straße von Damaskus ist vierspurig ausgebaut worden, bis in die menschenleere Einöde der Ruinenstadt Quneitra. Kanäle werden angelegt, um das kostbare Wasser zu nutzen und nicht hinunter Richtung See Genezareth laufen zu lassen. Der fruchtbare Basaltboden wird wieder von syrischen Bauern kultiviert. Das alles klingt nach drei Jahrzehnten Bewegungslosigkeit in dieser Region nach einer Sensation.

Der syrische Gouverneur des Landkreises Quneitra gibt keine Interviews. Er lässt ausrichten, dass es kleinere Arbeiten geben werde, nichts Außergewöhnliches. Und doch hat Präsident Baschir al Assad, der Sohn des im Jahr 2000 verstorbenen Hafez, im vorigen Sommer ein Dekret zum Wiederaufbau unterschrieben. Danach hatten syrische Bürger bis zum Oktober vergangenen Jahres die Möglichkeit, sich für neuen Wohnraum in der ehemaligen und künftigen Hauptstadt des Golan zu melden – unter Vorlage von Dokumenten, die belegten, dass sie früher in Quneitra gelebt hatten.

Generalmajor Bala Nanda Scharma, Kommandant der dortigen UN-Truppe, spekuliert, warum sich der syrische Präsident zu diesem Schritt entschlossen hat: Erstens hätten viele arabische Länder für den Wiederaufbau gesammelt und würden langsam unruhig, zweitens hätten auch die Repräsentanten der Region Druck gemacht, und drittens sind fast 100000 Menschen nun schon mehr als 30 Jahre heimatlos.

Heute leben nach offiziellen Angaben nur noch 35 Menschen in den Ruinen, aber mehr als 100 syrische Polizisten sind dort stationiert. Da die Stadt im 75 Kilometer langen Sicherheitsstreifen entlang der Waffenstillstandslinie liegt, den die Uno kontrolliert, dürfen sich syrische Soldaten hier nicht aufhalten.

Am Wochenende kommen die ehemaligen Bewohner mit ihren Familien, machen Picknick zwischen den Schuttbergen, aus denen mittlerweile kräftige Bäume wachsen und zeigen den Enkelkindern, was einmal ihr Eigentum war. Und alljährlich im April, am Nationalfeiertag, ziehen lange Schlangen morscher Minibusse und klappriger Taxis hinaus in den äußersten Südostzipfel des Landes. Es ist eine Demonstration, dass Quneitra nicht vergessen ist, argwöhnisch beäugt von den gegnerischen Stellungen auf den Hügeln ringsherum.

Eine der Familien, die hier ausharren, ist die des 30-jährigen Jamil Suliman. Er betreibt ein Geschäft in Khan Arnabe, auf halbem Weg landeinwärts zwischen Quneitra und dem Camp der UN. Seine Kunden rekrutieren sich fast ausschließlich aus den rund 1000 UN-Soldaten aus Österreich, Polen, Kanada, Japan und der Slowakei, die seit 30 Jahren die Zone sichern. Suliman liefert fast alles, was gewünscht wird. Er handelt vor allem mit Militaria, lässt aber auch Visitenkarten für die Soldaten drucken und fabriziert auf Bestellung Fahnen oder Sticker für die Soldatenvereine. Suliman hat sich sehr gut angepasst, auch sprachlich. Im düsteren Verkaufsraum begrüßt er Gäste in reinstem Österreichisch mit „Oida Fuchs“ – alter Fuchs.

„Natürlich würde ich in Quneitra ein weiteres Geschäft aufmachen, warum nicht?“, sagt er. Seine Familie möchte gern wieder in ihrer alten Heimatstadt leben und arbeiten. Nachdem sie vor den einmarschierenden Israelis 1967 geflohen sind, leben die Eltern, Jamil und seine elf Geschwister heute verstreut in den Dörfern rund um die Ruinenstadt. Die Eltern hätten viel Grund und Boden zurücklassen müssen, sagt Jamil.

Tauwetter auf den Golanhöhen? Auch Israel hält sich bedeckt: Solange Syrien Terroristen Unterschlupf gewähre, werde es keine Friedensverhandlungen geben. Außerdem konzentriert sich die Regierung Scharon derzeit auf die Lösung der Palästinenserfrage und den damit verbundenen Rückzug aus dem Gazastreifen. Sollte nun auch noch die Rückgabe des Golan diskutiert werden, sähe sich Scharon wahrscheinlich einer unüberwindlichen Opposition im Lande gegenüber.

Paradoxerweise ist diese „Grenze“ Israels die ruhigste, obwohl es die zum Feind ist. Und ganz undurchlässig ist sie auch heute nicht. Rund 17000 Drusen, Anhänger einer muslimischen Glaubensgruppe, leben nach wie vor in vier Dörfern auf der israelisch besetzten Seite am Fuße des Mount Hermon. Sie blieben, während Zehntausende andere Syrer vor den Israelis flohen. Doch nach wie vor fühlen sich die Drusen als Syrer und nehmen keine Pässe von Israel an. Zur medizinischen Behandlung, zum Studium und auch auf ihren Pilgerfahrten dürfen sie nach Syrien reisen. Gleich hinter Quneitra können sie passieren – es handelt sich um den einzigen Übergang auf dem Landweg zwischen Israel und Syrien, eine sonst den UN-Soldaten vorbehaltene Schleuse.

Am berührendsten sind die Hochzeiten der Drusen im Niemandsland. Zwischen den Wachbaracken der Syrer und Israelis dürfen je 15 Angehörige von Braut und Bräutigam eine Stunde lang die Hochzeit mit den beiden frisch Vermählten feiern. Fast immer ist es die Frau, die dem Mann, den sie beim Studium in Damaskus kennen gelernt hat, auf die andere Seite folgt. Danach heißt es für sie Abschied nehmen: von den Eltern, den Geschwistern und der Heimat. Der Film „Die syrische Braut“ erzählt davon.

Auch die Familie von Manja Al-Mustafa ist 1967 vom Golan in die Nähe von Damaskus geflohen. Manja war damals noch nicht geboren. Sie ist heute 26 Jahre alt und geht nun den Weg zurück in die alte Heimat, freiwillig. Sie heiratet einen Drusen, der auf der israelisch besetzten Seite des Golan lebt. Ihr Vater Suliman bedauert es nicht, die Tochter zu verlieren. „Unsere Leute dort bringen viele Opfer um ihre Freiheit zu erhalten und das ist eine Botschaft von uns, dass wir an ihrer Seite stehen“, sagt er. Und Semira, die Mutter, fügt hinzu: „Ich bin froh, denn sie geht von Heimat zu Heimat. Wenn wir unser Erbe zurückbekommen, kann ich unsere Tochter sehen, so oft ich möchte.“

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