DAS URTEIL : Was die Evangelisten schreiben

Die Gegenüberstellung Jesus Christus’ mit Pontius Pilatus, die letztlich in das Urteil zum Kreuzestod mündet, ist in den vier Evangelien des Neuen Testaments geschildert. Sie entstanden zwischen dem Jahr 30 nach Christi Geburt, also dem Jahr der Kreuzigung, und etwa dem Jahr 100. Darin wird das Leben des Wanderpredigers aus Nazareth ebenso beschrieben wie – in der Passionsgeschichte – dessen Leidensweg bis hin zur Kreuzigung durch die Römer auf dem Golgatha-Hügel in Jerusalem und seine Auferstehung. Nachdem der Hohe Rat der Priester Jesus der Gotteslästerung bezichtigt und zum Tode verurteilt hat, weil dieser sich als Sohn Gottes bezeichnet habe, wird der Delinquent an den römischen Statthalter von Judäa, Pontius Pilatus, ausgeliefert. Am ausführlichsten schildert der Evangelist Johannes das Gespräch zwischen Pilatus und Jesus: „Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus oder haben dir’s andere über mich gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt. Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm.“

Matthäus beschreibt, wie Pilatus anschließend die Priester, Ältesten und Schriftgelehrten fragt: „Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Sie sprachen alle: Lass ihn kreuzigen! Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie schrien aber noch mehr: Lass ihn kreuzigen! Als aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu!“ Markus schildert, wie Pilatus, einem Ritual zum Pessachfest folgend, wonach immer ein Gefangener freigelassen wird, das Volk befragt: Solle das Barabbas sein, der im Aufruhr Mord begangen habe, oder eben Jesus. „Aber die Hohenpriester reizten das Volk auf, dass er ihnen viel lieber den Barabbas losgebe“, heißt es bei Markus. Und so habe sich Pilatus entschieden, „dem Volk zu Willen“ zu sein. Auch beim Evangelisten Lukas werden Pilatus’ Zweifel geschildert: „Pilatus sprach zu den Hohenpriestern und zum Volk: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen. Sie aber wurden noch ungestümer und sprachen: Er wiegelt das Volk auf damit, dass er lehrt hier und dort in ganz Judäa, angefangen von Galiläa bis hierher.“ Lukas bringt als Kronzeugen auch noch Herodes, den Herrscher von Galiläa, Jesus Herkunftsland, ins Spiel, der ebenfalls Jesus entlastet habe. Doch das aufgewiegelte Volk habe geschrien: „Hinweg mit diesem und gib uns Barabbas los!“ Drei Mal, so Lukas, habe sich Pilatus beim Volk für Jesus verwendet, ehe er urteilte, „dass ihre Bitte erfüllt werde“. sc

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