Zeitung Heute : Das verkannte Genie aus Adlershof

Sein Patentantrag wurde abgelehnt - deutsche Kurzsichtigkeit. Doch heute gilt Konrad Zuse als Vater des Computers

Paul Janositz

Konrad Zuse musste einige Unbill aushalten. Sein genialer Rechner Z3 wurde 1943 von Bomben zerstört, die Firma ging Pleite, das Gericht stufte seine Erfindung als nicht patentwürdig ein. „Die 60er Jahre waren schrecklich für ihn“, sagt der Sohn, Horst Zuse, Informatikdozent an der Technischen Universität Berlin (TUB).

Beklagt habe sich der Vater aber nicht, schweigsam sei er gewesen und ganz in die Arbeit und später in die Malerei versunken. Er habe auch nicht viel geredet, als er 1969, erst 59-jährig, von der Weltfirma Siemens, die die Zuse KG in Bad Hersfeld übernommen hatte, in den Ruhestand geschickt wurde. Mit einer bescheidenen Rente übrigens, die erst später auf ein Direktorenniveau aufgestockt worden sei. „Es war ein Desaster“, sagt der heute 60-jährige Sohn.

Schwer getroffen hatte Zuse auch zwei Jahre zuvor die Ablehnung seines Patentantrages für die Z3, seines 1941 konstruierten Rechners. „Das Patentgericht erkannte zwar den technischen Fortschritt und die Neuheit an“, berichtet Horst Zuse. Doch die „Erfindungshöhe“, der entscheidende Maßstab für ein Patent, sei abgelehnt worden. Die Einzelteile des Rechners habe es damals alle schon gegeben, hätten die Richter argumentiert. Und dabei verkannt, dass man aus Teilen wie Relais oder Lochstreifen etwas völlig Neues bauen könne.

Die Anerkennung für seinen Vater kam später, als die Rechner zu PCs geworden waren. Da war es interessant zu hören, dass nicht alles einer Garage im Silicon Valley entsprungen ist. Dass nicht die Firma IBM den ersten Computer gebaut hat. Sondern, dass dies ein Berliner Ingenieur zustande gebracht hat – kurz vor und während des Krieges und quasi im Alleingang.

Mehr als fünf Jahre intensiver Entwicklungsarbeit lagen hinter dem damals 30-jährigen Erfinder, als er am 12. Mai 1941 einer Hand voll Experten in der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) in Berlin-Adlershof eine vollautomatische, programmgesteuerte und frei programmierbare Rechenanlage präsentierte. Motiviert hatte ihn seine Bequemlichkeit. Denn während des Studiums an der damaligen Technischen Hochschule (TH) Charlottenburg hatte Zuse die zeitraubende Rechnerei frustriert.

Doch das war es nicht alleine. „Er sah einen großen Markt für Rechenautomaten“, erzählt Sohn Horst. Denn es gab eine Menge von Ingenieuren, die sich mit stupider Rechenarbeit herumplagten. So ging es auch dem seit 1934 bei den Berliner Henschel-Flugzeugwerken beschäftigten Bauingenieur Konrad Zuse. Nach nur einem Jahr kündigte er seine Stelle, um vollautomatische Rechenmaschinen zu entwerfen und in der Kreuzberger Familienwohnung zu bauen.

Dabei setzte Zuse auf das Rechnen nur mit Nullen und Einsen, auf die binäre Welt also. Warum? „Es war einfacher zu realisieren als das Dezimalsystem“, sagt Horst Zuse. Als „armer Schlucker“, der sein Vater damals war, mussten die Kosten klein und die Rechnerbausteine einfach gehalten werden. Zahnräder, die zehn Positionen markieren konnten, waren nur aufwändig zu realisieren. Und das logarithmische Prinzip, nach dem Rechenschieber funktionieren, erschien ihm als zu wenig leistungsfähig.

Zuse entschied sich, seine Rechenanlage Z1, – „als erster Konstrukteur überhaupt“, so der Gießener Zuse-Freund Jürgen Alex – im binären Code, dem einfachsten aller Zahlensysteme, zu bauen. Die Schaltglieder bestanden aus übereinander verschiebbaren Blechen, in denen sich Stifte in zwei Positionen festmachen ließen. Es waren tausende von Blechen, die Zuse mit Hilfe von Studenten der TH Charlottenburg für seine erste Rechenanlage fertigen musste.

Das Modell eines solchen Blechteils zieht Horst Zuse aus einem Stoffbeutel, in dem sich noch weitere Demonstrationsobjekte befinden, mit denen er Lehrveranstaltungen und Vorträge über seinen Vater und dessen Rechenautomaten an der TU Berlin und der Senftenberger Fachhochschule Lausitz garniert.

Etwa ein Telefon-Relais, wie es 2000fach in die Z3 eingebaut war. Damit konnten binäre Zustände zuverlässiger als mit den sich oft verhakenden Blechen realisiert werden. Heute machen das Transistoren. Sonst hatte die mit Lochstreifen programmierbare Z3 alle wesentlichen Elemente moderner Computer. Zuse zählt auf: Speicher, Rechenwerk, Ein- und Ausgabeeinheit, Kontroll- oder Steuerelement.

Hätten sich ohne die Arbeit Ihres Vaters die Computer genauso entwickelt, wie es geschehen ist, Herr Zuse? Der Informatikdozent zögert ein wenig. „Auch wenn mein Vater seine Rechenanlagen nicht gebaut hätte, wäre es mit der Computertechnik wohl genauso gekommen“, sagt er. Den Computerbau allerdings habe der deutsche Pionier – wenn auch nicht in den USA, so doch in Europa – nachhaltig beeinflusst, schließlich sei er in den 50er Jahren der erste auf diesem Kontinent gewesen, der Rechenanlagen mit seiner Zuse KG in Serie produzierte.

Als Zuse 1949 seine Firma gründete, lagen turbulente Jahre hinter ihm. Die Z3 war 1943 durch Bomben zerstört worden, es gab noch nicht einmal ein Foto der Anlage. So war es hinterher schwer zu klären, wem die Priorität bei der Computerentwicklung zukomme. Denn lange Zeit galt die „Mark 1“, die der amerikanische Physiker Howard Aiken mit der Firma IBM 1944 präsentierte, als erster funktionsfähiger Computer der Welt. Erst nachdem Zuse Wissenschaftler, die die Z3 in Berlin gesehen hatten, als Zeugen mobilisieren konnte und schließlich 1961 die Rechenanlage in seiner Firma nachbauen ließ, wendete sich das Blatt. Selbst Aiken, der sich zunächst sträubte, räumte 1964 ein, man müsse „über die Prioritäten neu nachdenken“.

Es war die Z4, die der erste kommerziell ausgelieferte Computer der Welt werden sollte. Bestellt worden war das erweiterte Modell der Z3 von den Henschel-Flugzeugwerken. Der 1942 begonnene Bau wurde angesichts der katastrophalen Bedingungen in Berlin nicht fertig. In den letzten Kriegswochen gelang es Zuse, die in 20 Kisten verpackten Teile nach Bayern zu bringen und in einem Schuppen in Hinterstein bei Hindelang zu verstecken. Die um den in Hindelang geborenen Sohn Horst erweiterte Familie musste Zuse zunächst mit dem Verkauf selbst gefertigter Holzschnitte und Gemälde über Wasser halten.

1946 eröffnete er im Allgäu, in Hopferau, ein Ingenieurbüro, fing an, die vom Transport beschädigte Z4 zu reparieren, und feilte weiter an der von ihm entwickelten höheren Programmiersprache „Plankalkül“. Auftrieb gab der Besuch des Schweizer Professors Eduard Stiefel, der die Z4 für die ETH Zürich als geeignet ansah. 1949 wurde dann im hessischen Neukirchen bei Hünfeld die „Zuse KG“ gegründet, die vollständig instand gesetzte Z4 für fünf Jahre an die ETH Zürich vermietet. Das brachte 30 000 Franken auf das Firmenkonto und Zuse den Ruhm, die europaweit erste programmgesteuerte Rechenmaschine hergestellt zu haben. Nun florierte die Firma. Umsatz und Mitarbeiterzahl stiegen stetig an. Ein Höhepunkt war 1958 die Auslieferung der Z22. Der erste programmgesteuerte Rechner auf elektronischer Basis (Röhrenrechner) ging vor allem an Hochschulen. „Damit wurde die Datenverarbeitung an Universitäten eingeführt“, sagt Horst Zuse.

Doch allmählich verschlechterte sich das Geschäft. Die Transistortechnik trat den Siegeszug an. Zwar wurde der „Graphomat“ Z64, ein Zeichenautomat, mit Transistoren ausgestattet und 1961 auf der Hannover Messe erfolgreich vorgestellt. Auch die programmgesteuerten Geräte Z23 und Z31 arbeiteten bereits mit Transistoren. Doch das Rennen gegen die amerikanischen Computer vor allem von IBM ging verloren. Neue Geräte und Software zu entwickeln, verschlang viel Geld. Die Firma mit mittlerweile 1200 Mitarbeitern kam in finanzielle Schwierigkeiten und wurde 1967 von der Siemens AG übernommen. Zuse musste ausscheiden. 1971 wurde der Firmenname im Handelsregister gelöscht. „Zuse hat den Übergang von der Elektromechanik zur Elektronik nicht rechtzeitig geschafft“, sagt Raul Rojas.

Der Informatikprofessor an der Freien Universität (FU) Berlin hat noch zusammen mit Horst Zuse den Nachbau der Z3 realisiert. Die Rechenanlage steht mittlerweile im Konrad-Zuse-Museum in Hünfeld und ist voll funktionsfähig. „In der Patentanmeldung von 1941 waren alle Schaltungen drin“, erklärt der FU-Informatiker. Mit Studenten hat er 1994 den damals 84-jährigen Erfinder besucht und ihn über seine Computer und deren Funktionsweise befragt. Zuse sei nett und geduldig gewesen und habe noch Atelier und Gemälde gezeigt, sagt Rojas.

Doch Malerei war nicht alles, was den groß gewachsenen Mann mit ergrauter Mähne interessierte. Er beschäftigte sich mit der Theorie der Computertechnik, mit Programmiersprachen, mit dem Universum. „Mein Vater hat das Universum als großen Computer angesehen“, sagt Horst Zuse und zeigt auf ein Buch mit dem Titel: „Rechnender Raum“. Beim Erscheinen 1969 habe man das für abwegig gehalten, heute werde die Theorie ernsthaft diskutiert. War Konrad Zuse auch hierbei seiner Zeit voraus?

Den bitteren Jahren, in denen der „Vater des Computers“ um Anerkennung ringen musste, folgte doch noch die Zeit der Ehrungen. Zuse erhielt Ehrendoktorwürden und das Bundesverdienstkreuz. Auf der Internationalen Konferenz für Computergeschichte 1998 in Paderborn wurde Zuses Arbeit als entscheidend für die Entwicklung des Computers gewürdigt. Einige der legendären Rechenmaschinen, wie die Z1 und Z3, wurden nachgebaut, und stehen in Museen, ebenso Originale wie die Z4, Z22 und Z64.

22. Juni 1910 Geburt in Berlin-Wilmersdorf. Als Zuse zwei Jahre alt ist, zieht die Familie ins ostpreußische Braunsberrg. Besuch von Grundschule und Gymnasium. 1924 Umzug nach Hoyerswerda. 1928 Abitur , danach Studium an der TH Charlottenburg, erst Maschinenbau, dann Architektur und schließlich Bauingenieurwesen

1935 Diplom und Arbeitsbeginn bei den Henschel-Flugzeugwerken in Berlin-Schönefeld.

1936 Zuse gibt seine Stelle auf, um Rechenmaschinem zu bauen.

1941 Fertigstellung der Z3 , der ersten frei programmierbaren, vollautomatischen, programmgesteuerten, binär arbeitenden Rechenmaschine. Sie wird 1944 durch Bomben zerstört.

1945 Zuse heiratet. Flucht aus Berlin nach Hinterstein im Allgäu.

1949 Gründung der Zuse KG im hessischen Neukirchen, später Umzug nach Bad Hersfeld

1955 Beginn der Serienfertigung von Computern

1967 Die Zuse KG wird die Firma von Siemens übernommen.

18. Dezember 1995 Zuse stirbt in Hünfeld

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